Wie man eine Suppe tanzend zubereitet

WIL. Gina Besio und Nadine Oehler entführten an der Premiere des Tanztheaters «Sepia – noch n'Liedchen» am Donnerstagabend in eine ganz eigene Welt. Unterstützt wurden sie durch die Video-Performance von Renato Müller.

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Ganz ehrlich: Es wäre vermessen, wenn sich die Schreibende hier als Kennerin experimenteller Kunst darstellen würde. Kunstbanause wäre schon eher der treffende Begriff. Dennoch – oder gerade deswegen – überraschte die Aufführung «Sepia – noch n'Liedchen» von und mit Gina Besio und Nadine Oehler umso mehr. Diese Überraschung lag vor allem in den kleinen Details des Tanztheaters, welche die volle Aufmerksamkeit des Publikums erforderten. Wenn im Vordergrund noch die Tänzerinnen und Tänzer in schwarzer Service-Kleidung über den Betonboden wirbeln, verschwindet eine aus ihren Reihen und bringt dem Keyboard-Pianisten eine Flasche Bier vorbei. Nadine Oehler als «Requisitendame» trägt Suppenschüsseln von draussen auf die Bühne und passiert dabei immer wieder die weisse Leinwand, auf der sich Gina Besios schwarzer Schatten wohlig räkelt. Irgendwann dazwischen trägt ein Koch einen Topf in den hinteren Teil der Bühne und beginnt, Tomaten und Sepia-Tintenfisch zu schnippeln. Die «alte» Frau mit Lockenwicklern in den Haaren, welche die erste Hälfte des Theaters nur in ihrer Zeitschrift blättert, verwandelt sich in eine attraktive Frau im schwarzen Abendkleid, die sich von einer anderen den Geliebten wegschnappen lässt. Hier kommen übrigens die Suppenschüsseln wieder ins Spiel. Denn die Betrogene leert Schüssel um Schüssel der Sepia-Suppe, während die beiden Liebenden vor ihr einen leidenschaftlichen Tango auf den Tisch legen.

«Jeder kann tanzen»

«Ich wollte vieles in das Theater integrieren und mit mehr Menschen zusammenarbeiten», erklärt Gina Besio gegenüber der Wiler Zeitung. Schliesslich, so betont sie, seien alles Künstler, vom Koch bis zur Band. Unter den Tänzern befinden sich ausserdem viele Laien und Hobbytänzer, die zum ersten Mal für solch eine Produktion auf der Bühne stehen. Denn eine Aussage des Theaters soll bewusst machen: «Jeder kann tanzen.»

Die Lokremise als Schauplatz eignet sich für solch ein verschachteltes Werk wie kaum ein anderer Ort. Auf der offenen Bühne bleibt der Blick der rund 80 Zuschauer der Premiere unverstellt, und es ist ihnen überlassen, ob sie lieber die Bewegungen der Tänzer, das langsame, sanfte bis rasante Spiel der Band oder die teilweise parallel laufende und perfekt auf den Tanz abgestimmte Video-Performance von Renato Müller, Betriebsleiter der Lokremise, verfolgen wollen.

Nicht immer genau gleich

«Wir verstehen uns beinahe blind», beurteilt Gina Besio ihre Zusammenarbeit. Jetzt, nach dem Ende der Premiere, ist sie «erleichtert und überglücklich». Erst am Vortrag habe man das ganze Stück mit sämtlichen zwanzig Mitwirkenden zusammen proben können. «Man muss Vertrauen in andere haben», hat Gina Besio während der halbjährigen Planungszeit und den drei Monaten intensiven Probens gelernt. Und sie ahnt auch, dass nicht jede der insgesamt drei Vorstellungen genau gleich ablaufen wird. (bb.)

Wer selbst in die Welt voller Tintenfische, leidenschaftlichem Tanz und berührender Musik eintauchen will, hat heute Samstag, 2. Juli, noch das letzte Mal Gelegenheit dazu. Die Aufführung beginnt um 21 Uhr in der Lokremise in Wil. Tickets können an der Abendkasse bereits ab 19.30 Uhr bezogen werden.