«Widersprach den Regeln»: Wie ein subversiver Schriftzug an einem Schulhaus in Schwarzenbach zur Posse wurde

Studierende der Schule für Gestaltung St. Gallen bemalten die Fassade des Primarschulhaus Hofacker – und haben damit angeeckt. Ein politisches Statement musste sogar nach wenigen Tagen wieder übermalt werden.

Tobias Söldi
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An der Vernissage war das Statement noch zu sehen. Einige Tage später war es wieder übermalt.

An der Vernissage war das Statement noch zu sehen. Einige Tage später war es wieder übermalt.

Bild: Tobias Söldi (15. Juli)

Es war nur kurz zu sehen, das provokative Statement an der Fassade des Primarschulhauses Hofacker in Schwarzenbach: eine in revolutionärer Manier in die Höhe gereckte Faust mit Pinsel, darüber in dicken, roten Lettern der Slogan «Befreit Normalbürger*innen». Bereits wenige Tage nach seiner Entstehung Mitte Juli ist es wieder unter einer dicken Schicht trister Farbe verschwunden.

Hinter dem Werk stecken zwölf Studierende der Schule für Gestaltung St.Gallen, die vom Lehrerteam des Schulhauses Hofacker die Möglichkeit erhielten, die Fassade des zum Abriss bestimmten Schulhauses zu gestalten. Nachdem sich die Primarschülerinnen und -schüler, die sich im Innern des 50-jährigen Hauses kreativ austobten, in die Ferien verabschiedet hatten, machten sich die Studierenden an die Arbeit.

Seither kriechen bunte, amöbenhafte – und gänzlich unpolitische – Wesen über einen Teil der Wände des Schulhauses. Sie durften bleiben, das Statement nicht.

Die Studierenden vor ihrem Kunstwerk.

Die Studierenden vor ihrem Kunstwerk.

Bild: Tobias Söldi (15. Juli)

Schriftzug ist gegen die Regeln

Ivo Kamm, Schulleiter der Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach, erklärt auf Nachfrage:

«Es widersprach den Regeln, die wir unseren eigenen Schülerinnen und Schülern für die Gestaltung des Schulhauses auferlegt haben.»
Ivo Kamm, Schulleiter der Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach.

Ivo Kamm, Schulleiter der Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach.

Diesen zufolge seien Schriftzüge wegen ihrer Nähe zu Graffiti und Sprayereien nicht erlaubt gewesen. Man habe deshalb nach Rücksprache mit den Verantwortlichen der Schule für Gestaltung und des Hofacker-Schulhauses entschieden, das Werk zu entfernen.

Mehr als blosse Provokation

Hinter der roten Schwarzenbacher Faust steckt jedoch mehr als eine blosse Regelüberschreitung um der Provokation willen. Sie ist zum Dreh- und Angelpunkt einer Posse um die Freiheit von Kunst, um Vorschriften und um Farbigkeit geworden.

Um das zu verstehen, muss man an den Anfang der Geschichte zurückspringen. Die Studierenden der Schule für Gestaltung wollten ursprünglich auch die Wand des benachbarten Kindergartens, der nicht abgebrochen wird, bemalen – damit wenigstens eines ihrer Werke nicht der Zerstörung zum Opfer fällt.

Die Wand des Kindergartens bleibt unberührt.

Die Wand des Kindergartens bleibt unberührt.

Bild: Tobias Söldi (27. Juli)

Doch dazu kam es nicht, die Behörde war dagegen. Gemeindepräsident Stefan Frei erklärt:

«Es wäre ein Baubewilligungsverfahren nötig gewesen.»
Stefan Frei, Gemeindepräsident von Jonschwil.

Stefan Frei, Gemeindepräsident von Jonschwil.

Angesichts der «abenteuerlichen Farben» und eines «grossen Umfelds an potenziellen Einsprechern» wäre der Aufwand dafür schlicht zu gross gewesen. Auch die Sorge vor einem Fremdkörper schwingt in dieser Erklärung mit: «Die Farbgebung muss passen», so Frei.

Zudem wolle man keine unerlaubten Nachahmungen hervorrufen. «Wer kann Graffiti, Schmierereien und Kunst klar unterscheiden? Die Grenzen sind fliessend.» Über die bunten Amöben zeigt er sich denn auch wenig begeistert:

«Für mein Empfinden passt
die Gestaltung nicht ins Dorf.»

«Message» konnte verbreitet werden

Diese Absage stiess den Studierenden sauer auf. Sie drehten den Spiess kurzerhand um und gestalteten besagtes politisches Manifest: ein Aufruf gegen ein allzu engstirniges Kunstverständnis und für das Vermögen der Bevölkerung, Kunst von Nicht-Kunst unterscheiden zu können.

Ein Statement, das laut Studienlehrgangsleiter Andy Storchenegger von der Schule für Gestaltung in der Bevölkerung der Gemeinde auf Anklang gestossen ist:

«Wir haben positive Reaktionen erhalten.»
Andy Storchenegger Lehrgangsleiter Schule für Gestaltung St. Gallen.

Andy Storchenegger Lehrgangsleiter Schule für Gestaltung St. Gallen.

Zwar sei es schade, dass man das Werk wieder habe übermalen müssen, doch wenigstens hätte die «Message» unter den Leuten verbreitet werden können.

Für ihn ist klar: Auch wenn die Aktion bei der Gemeinde angeeckt hat, für eine Vorkurs-Klasse der Schule für Gestaltung muss eine solche Aktion möglich sein. Den Entscheid der Primarschule hingegen, das politische Manifest wieder entfernen zu lassen, kann er nachvollziehen.

«Hätte gerne ein Bild am Kindergarten gesehen»

So prallen in der Schwarzenbacher Faust unterschiedliche Ansichten von Kunst und ihren Funktionen aufeinander: Auf der einen Seite die freigeistigen Kreativen, die sich nicht einschränken lassen wollen, auf der anderen eine auf Regeln und vorgegebenen Abläufen basierende Behörde. Und dazwischen eine Primarschule, die es sich wohl mit beiden nicht verscherzen will.

«Kunst ist frei, unberechenbar und manchmal auch provokativ, das gehört dazu», gibt sich Schulleiter Ivo Kamm diplomatisch. Mit dem bunten Resultat ist er indes mehr als zufrieden: «Für uns war das ein absolutes Glücksprojekt. Die Studierenden haben hervorragende Arbeit geleistet und auch die Zusammenarbeit zwischen den beiden Schulen war sehr gut.» Nur etwas bedauert er:

«Ich hätte gerne ein Bild am Kindergarten gesehen. Aber es gilt, den Entscheid der Baukommission zu respektieren.»