Wer sich Zeit nimmt, der hat sie auch beim Lesen

Ein heisser Sommertag in der Wiler Altstadt

Carola Nadler
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Samstagnachmittag auf der Lesebank unter den Bögen des Baronenhauses. (Bild: Carola Nadler)

Samstagnachmittag auf der Lesebank unter den Bögen des Baronenhauses. (Bild: Carola Nadler)

Auch die Schatten stöhnen unter der Hitze, der Staub wirbelt unlustig über das Kopfsteinpflaster. Still ist es an diesem Samstagmittag hier oben in der Wiler Altstadt. Drunten wälzen sich einkaufende Menschen durch die Fussgängerzone – drunten, wo er sich zwischen den dampfenden, Glace schleckenden Leibern nicht mehr wohl fühlte. Hier oben klebt die Luft auch. Aber es ist still. Nicht einmal die Mauersegler oben im Hof sind unterwegs und durchschneiden die Luft mit ihrem Kreischen.

Eigentlich hatte er sich zu seinem Lieblingscafé flüchten und dort von einem schattigen Tisch aus einen müden Blick auf den Brunnen werfen wollen, dessen fröhliches Plätschern unbeeindruckt von der Hitze unbeschwerte Abkühlung suggeriert. «Betriebsferien» – verdrossen schnauft er weiter die Altstadtgasse hinauf und ist einmal mehr froh, auf die grosse Umhängetasche verzichtet zu haben. Portemonnaie, Handy, Lesebrille, das muss genügen. Und sein aktuelles Lieblingsbuch: «Im Club der Zeitmillionäre» von Greta Taubert. Auf der Suche nach einem anderen Reichtum, beobachtet die Autorin sich beim Nichtstun und wird von ihrer Lektorin daran erinnert, darüber ein Buch zu schreiben. Also nicht wirklich Nichtstun. Aber anders.

So gesehen tut er jetzt ja grad auch nicht nichts. Er sucht, und zwar einen schattigen Platz. Aber immerhin kauft er nicht ein, hetzt keinen Last-Minute- oder Schlussverkaufsschnäppchen nach, heizt keinen Grill ein. Oder wäscht kein Auto. Einfach nur sein will er, sich der Zeit bewusst sein, über die er verfügt. Und die ihn zum Millionär macht, zum Zeitmillionär. Oben auf dem Hofplatz hält er inne, scannt die Schatten ab und findet unter den Bögen des Baronenhauses eine Bank. Diese Einladung muss nicht zweimal ausgesprochen werden und mit einem erlösten Schnaufen nimmt er diese Bank ein, die er ganz für sich hat. Teilen muss er sie sich nur mit einer Blechkiste, «Lesebank» ist aufgemalt. Das Vorhängeschloss ist offen, ein neugieriger Blick offenbart den Inhalt: Kinderbücher, ein Reisemagazin, ein Roman aus der Schweizer Vergangenheit. Er wühlt weiter, bereits ganz eingenommen von der Faszination, die Bücher auf ihn ausüben. Eintauchen in die Welt der Buchstaben, die Seite für Seite Paralleluniversen aufbauen, und er als Reisender zwischen den Zeiten. Da ist wieder dieses Wort: Zeit.

Existiert Zeit überhaupt? Zählt nur das Jetzt? Weiteres Wühlen bringt ein Büchlein mit englischen Witzen zu Tage. «What’s white und can’t climb trees? A refridgerator.» Oder: «Warum trägt Prinz Charles einen rot-weiss-blauen Gürtel aus englischem ­Leder? Um seine Hose festzu­halten.»

«Seine» Bank und das Buch

Er grunzt vergnügt und blättert sich durch den schrägen britischen Humor. Nach einer Weile lockt ihn dann doch der Roman: «Die Gottfriedkinder», den er aus der Kiste fischt. Das Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Aufstieg nach dem Ersten Weltkrieg und moralischer Bigotterie fesselt ihn nur nebenbei, es ist die meisterhafte Sprachkunst des Autors Max Peter Ammann, die ihn trotz aller Düsternis in ihren Bann zieht. Die Welt zieht sich um ihn zusammen, fokussiert sich nur noch auf die Bank, «seine» Bank, das Buch. Den Schweiss unter dem Hutrand bemerkt er nicht mehr.

Ein Grummeln lässt ihn aufblicken. Die Fassaden der Häuser sind in fahles Licht getaucht, kühle Luft fährt unter die Arkaden und über seinen Rücken. Spät ist es geworden, Hunger meldet sich. Mit einem zufriedenen Seufzen legt er Buch und Witze zurück in die Kiste, klappt das Vorhängeschloss zu und wandert im heraufziehenden Gewitter nach Hause.

Carola Nadler

redaktion@wilerzeitung.ch