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«Wer genau hinhört, erlebt eine unglaubliche Tonvielfalt»

Wie steht es um die Blasmusik? Am Kantonalmusikfest am Wochenende wird die Frage beantwortet. Einer, der es ausser der Spielresultate heute schon weiss, ist der Kirchberger Musiker und Arrangeur Gilbert Tinner.
Hans Suter
Der Bandleader, Musiker und Arrangeur Gilbert Tinner ist am Wochenende als Exeperte im Einsatz am St. Galler Kantonalmusikfest. (Bild: Reto Martin)

Der Bandleader, Musiker und Arrangeur Gilbert Tinner ist am Wochenende als Exeperte im Einsatz am St. Galler Kantonalmusikfest. (Bild: Reto Martin)

Wer Blasmusik hört, denkt meist spontan an traditionelle Märsche und Polkas. Wer hingegen Blasmusik spielt, lebt die Musik. Nur tun es immer weniger.

Blasmusik scheint heute weniger populär als früher. Ihr Eindruck?

Gilbert Tinner: Auf den ersten Blick ist dem so. Sieht man genauer hin, erkennt man drei Richtungen. Erstens: Es gibt die Traditionellen, die nichts ändern. Auch das Bratwurst-Bier-Image gibt es leider immer noch. Doch es hat sich – zweitens – viel getan. Allein bei der Literatur hat es einen Riesenschub gegeben. Wir stehen heute an einem ganz anderen Ort als vor 20 Jahren: Wir haben ein «Woodstock der Blasmusik». Ostschweizer Beispiele dieser Entwicklung sind die Formationen «Fihuspa» und «Unglaublech». Sie stehen für die neue Blasmusik, die auf höchstem Niveau Traditionelles mit Modernem, mit Stilrichtungen wie Jazz, Pop, Rock oder Funk verbindet. Und drittens sind da die konzertant symphonischen Blasmusiken auf hohem Niveau. Wie fast überall hat das Vereinsleben aber auch bei der Blasmusik abgenommen.

Was ist gute Blasmusik? Und wie entwickelt sie sich weiter?

Tolle Literatur perfekt gespielt – das ist gute Blasmusik. Der Trend geht in zwei Richtungen. Einerseits aufgrund der schwindenden Musikantenzahl hin zu Kleinformationen, in denen viel Neues ausprobiert wird. Anderseits geht der Trend im symphonischen Bereich hin zu toll ausgebauten Orchestern wie St. Gallen, Jona, Altstätten, Widnau oder Diepoldsau.

Zur Person

Gilbert Tinner absolvierte die Swiss Jazz School Bern in den Fächern Posaune, Klavier, Komposition und Arrangement und ist Posaunist verschiedenster Formationen, unter anderem auch der Pepe Lienhard Big Band. Er leitet das Blasorchester der Schweizerischen Bundesbahnen, das Bodan Art Orchestra, das Celebration Pops Orchestra der Obrasso Concerts sowie die Atlantis Big Band. Nebst seiner regen Tätigkeit als freischaffender Musiker widmet sich Gilbert Tinner vor allem dem Arrangieren. Seine Arbeiten werden beim Musikverlag Hal Leonard verlegt. Als Dozent, Experte und Workshopleiter wird er regelmässig zu nationalen und internationalen Veranstaltungen eingeladen. (red)

Jeder Verein muss beim «Kantonalen» ein Aufgaben- und ein Selbstwahlstück spielen. Worin liegt der Sinn?

Bei der Anmeldung entscheidet das Orchester, in welcher Klasse es antreten möchte. Das Aufgabenstück ist klassengerecht komponiert und stellt Ansprüche an alle Register. Auch das Selbstwahlstück ist klassifiziert. Bei der Wahl kann das Orchester jedoch gezielt auf die eigenen Stärken setzen.

Was ist das Anspruchsvollste an der Blasmusik?

Der Musikant muss trainieren, sonst kommt er nirgends hin. Das gilt für jedes Individuum im Orchester. Vielen fehlt heute der Biss, weil alles schnell gehen muss. Doch das funktioniert nicht in der Blasmusik.

Expertentipp: Was empfehlen Sie einem Laien beim Hören von Blasmusik zu beachten?

Sich öffnen und geniessen. Wer aufmerksam zuhört, entdeckt eine unglaubliche Klangvielfalt.

Evolutionen: Marschmusikparade mit einstudierter Choreografie. Im Bild die Musikgesellschaft Bazenheid am «Eidgenössischen» 2011 in St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Evolutionen: Marschmusikparade mit einstudierter Choreografie. Im Bild die Musikgesellschaft Bazenheid am «Eidgenössischen» 2011 in St. Gallen.
(Bild: Ralph Ribi)

Das sind die wichtigen Unterschiede im Aufbau

Die Musikvereine sind in Stärkeklasse und Besetzung unterteilt. Am St. Galler Kantonalmusikfest spielen Vereine von der Höchstklasse bis zur 4. Klasse in den Besetzungen Harmonie, Brass Band und Fanfare mixe. Was bedeutet das?

Harmonie: 40 bis 50 Mitglieder notwendig

Die Besetzung Harmonie ist hierzulande am meisten verbreitet unter den Musikvereinen. Nebst Blechblasinstrumenten (Trompeten, Flügelhörner, Cornets, Posaunen, Waldhörner, Tenorhörner, Baritons, Eufonien und Tubas), Holzblasinstrumenten (Klarinetten, einer Bassklarinette, Alt-, Tenor- und Bariton-Saxofone, Querflöten, Oboen und Fagotts) und Perkussion (Schlagzeug, Pauken, gestimmte Schlaginstrumente wie Xylo-, Vibra- und Marimbafon und Röhrenglocken sowie ungestimmtes Schlagwerk, namentlich Becken, Triangel, Maracas), findet im gut ausgebauten Blasorchester auch der Kontrabass Verwendung. Eine ausgewogene Harmonie-Besetzung bedarf mindestens 40 bis 50 Mitgliedern.

Brass Band: 25 Spieler im Idealfall

Die Brass Band ist eine klar definierte Besetzungsart, die kaum Abweichungen von den Vorgaben erlaubt. Die aus Grossbritannien stammende Form besteht aus Cornets: Ein Es-Cornet-, vier Solo-, ein Repiano sowie je zwei 1.- und 2.-Cornet-Stimmen werden im Sopran von einem Flügelhorn ergänzt. Drei bis vier Es-Hörner decken den Altbereich ab. Im Tenor werden zwei Posaunen, eine Bassposaune sowie je zwei Eufonien und Baritons eingesetzt, in der Basslage zwei Es- und B-Bässe. Im Schlagwerk sind idealerweise drei Perkussionisten zu finden. Das ergibt eine Besetzung von 25 Musikanten, was meist nur sehr ambitionierten Vereinen gelingt, die sich ihre Mitglieder aussuchen können.

Fanfare mixte: fast unbegrenzte Möglichkeiten

Die Fanfare mixte, auch Blechharmonie genannt, besteht in erster Linie aus Blechblasinstrumenten (Trompeten, Flügelhörner, Es-Althörner, Posaunen, Eufonien, Baritons und Tubas), welche beliebig mit Holzblasinstrumenten (meist Saxofone und Flöten, gelegentlich auch Klarinetten) ergänzt werden. Natürlich gehört auch Schlagwerk dazu, welches im Idealfall von drei Mitgliedern besetzt wird. Dank dieser Besetzungsart ist es auch Vereinen mit wechselnder Instrumentierung möglich, einer definierten «Gattung» anzugehören. (zi)

Details zum St. Galler Kantonalmusikfest vom 25./26. Mai 2019 in Lenggenwil unter www.topof19.ch.

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