Wenn Lehrpersonen zu Fernsehmoderatoren werden: Die Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach will die Schulgemeinschaft digital beleben

Die Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach startet nach den Frühlingsferien ein neues Unterrichtsformat – mit einer eigenen Fernsehsendung.

Tobias Söldi
Drucken
Teilen
Individuelles statt gemeinsames Lernen: Die Chance des Fernunterrichts ist gleichzeitig auch eine Gefahr.

Individuelles statt gemeinsames Lernen: Die Chance des Fernunterrichts ist gleichzeitig auch eine Gefahr.

Bild: Sandra Ardizzone

Das Virus breitet sich in der Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach aus. Nein, für einmal ist nicht das Coronavirus gemeint, sondern die sogenannte «Virus-Zyt». Damit sind jene zwei Lektionen in der Woche gemeint, in denen die Schülerinnen und Schüler seit bald drei Jahren Zeit haben, in eigenen Projekten ihren Talenten und Interessen nachzugehen. Der Name, der in der aktuellen Situation eine ganz neue Bedeutung erhalten hat, verweist dabei auf den Motivationsvirus, der von Kind zu Kind überspringen soll und positiv ansteckend ist.

Diese Art des freien, projektorientierten Lernens wird nach den Frühlingsferien noch mehr Raum an der Primarschule einnehmen, denn dann startet die «FernZyt.online». So heisst das neu gestaltete Format, welches das vierköpfige pädagogische IT-Team der Schule im Auftrag des Schulleiters in den vergangenen zwei Wochen erarbeitet hat, um den Herausforderungen des Fernunterrichts zu begegnen. Die Idee der «FernZyt»: Die Schulkinder arbeiten für jeweils zwei Wochen an eigenen oder von Lehrpersonen begleiteten Projekten.

Lehrpersonen als Fernsehmoderatoren

Dabei geschieht natürlich alles digital: Gleich am Montag nach den Ferien, am 20. April, starten die Projektwochen mit einer schuleigenen, interaktiven Online-Fernsehsendung, moderiert von einer Lehrperson. Teilnehmende: alle 400 Schulkinder. Nach dieser Impulssendung, in der das Thema eingeführt wird, werden die Projektideen der Schülerinnen und Schüler auf der Schulwebsite gesammelt und geteilt, und die Kinder starten ihre Vorhaben.

Abgeschlossen wird das Format wiederum mit einer Fernsehsendung, an der die Ergebnisse der Projektwoche gesammelt und präsentiert werden. Sie soll auf Einladung auch für Eltern, Verwandte oder Bekannte zugänglich sein. Danach beginnt der Zyklus mit einem neuen Thema wieder von vorne.

Kooperationen und Austausch fördern

Hinter all dem steckt der Wunsch, die Schulgemeinschaft zu beleben – wenn auch «nur» digital. Dem will die «FernZyt» entgegenwirken. Schulleiter Ivo Kamm erklärt:

«Eine Chance des Fernunterrichts ist das individualisierende Arbeiten der Lehrpersonen mit ihren Schülern. Dabei fällt aber ein anderer Aspekt der Schule weg: den der Gemeinschaft.»
Ivo Kamm, Schulleiter Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach

Ivo Kamm, Schulleiter Primarschule Jonschwil-Schwarzenbach

PD

«Die Schülerinnen und Schüler sollen kooperieren, gemeinsam Projekte durchführen, sich austauschen, sich gegenseitig helfen und ihre Arbeiten teilen», erklärt Kamm. So wolle man Gemeinschaft erlebbar machen und die Motivation und Identifikation mit dem Lernort Schule auch in Zeiten des Fernunterrichts aufrechterhalten.

Neben der Zeit für Projektarbeit besteht der Unterricht weiterhin auch aus geleiteten Sequenzen, damit vor allem Fächer wie Mathematik und Fremdsprachen nicht zu kurz kommen.

Unterstützung durch Heilpädagogen

Was dieser gemeinschaftlichen und doch individuellen «FernZyt» entspringt, ist noch weitgehend offen. «Das erste Thema, das wir gewählt haben, Natur, ist absichtlich sehr breit. Natur kann das Coronavirus genauso umfassen wie das Thema Symmetrien, das Gezwitscher der Vögel oder die Metamorphose der Lurche», erklärt Kamm. Auch seien die Talente und Interessen ganz unterschiedlich.

«Von allen dasselbe zu erwarten, das wollen wir durchbrechen und mit offenen Aufgabenstellungen Differenzierung ermöglichen.»

Klar ist hingegen: Nicht jede Schülerin oder jeder Schüler kommt mit dieser Form des Unterrichts gleich gut klar. «Einige brauchen, bei dieser freien Art zu arbeiten, zusätzliche Unterstützung durch unsere Heilpädagogen und andere Klassenhilfen», sagt Kamm.

Er betont denn auch, wie wichtig es sei, die Chancengleichheit aufrechtzuerhalten, damit Kinder, die Schwierigkeiten haben, nicht abgehängt werden. «Die Schere darf sich nicht weiten.» Das ist auch einer der Gründe, dass die Schule vor dem Lockdown, wo nötig Schulgeräte mit nach Hause gegeben habe, erzählt Kamm.

Von den Erfahrungen profitieren

Kamm ist aber überzeugt, dass viele Schülerinnen und Schüler ihre Projekte zum grossen Teil selbstständig umsetzen können, wobei die Lehrpersonen natürlich für Fragen und Unterstützung bereitstehen. Dass die Schüler das eigenverantwortliche, projektartige Arbeiten aus der «Virus-Zyt» kennen, helfe dabei sicher. Genauso wie die Erfahrungen, welche die Schüler und die Lehrpersonen in den vergangenen drei Jahren mit dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht gemacht haben. «Wir sind insofern nicht schlecht vorbereitet auf die jetzige Situation», sagt Schulleiter Ivo Kamm nicht ohne Stolz.

Die «FernZyt» soll dabei über die Zeit der Coronakrise hinaus Bestand haben. «Unser Anspruch war, etwas zu entwickeln, was auch in Zukunft einen Mehrwert bietet», sagt Kamm. Er kann sich beispielsweise vorstellen, dass die Sendung zur Präsentation der Arbeiten künftig auch für die Projekte aus der «Virus-Zyt» genutzt werden kann. Und überhaupt:

«Es ist wichtig für die Schule und unsere Gesellschaft, in Zeiten der Isolation solche gemeinschaftsfördernden Instrumente zur Hand zu haben.»