Wenn ein Traum sich aufdrängt

Bisweilen vermag ein einziges Telefonat das bisherige Leben umzukrempeln. Vor gut einem Jahr ist Roland Zahner so mit dem Alphornbauer-Virus infiziert worden. Inzwischen ist sein Erstling fertiggestellt und es steht Musikunterricht an.

Christine Gregorin
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Roland Zahner liebt die Präzision und ist exaktes Arbeiten von Hand gewohnt. (Bild: cg.)

Roland Zahner liebt die Präzision und ist exaktes Arbeiten von Hand gewohnt. (Bild: cg.)

henau. «Da einige seiner Lieferungen nach Übersee defekt angekommen waren, ist der in Fachkreisen auch als der Stradivari unter den Alphornbauern bekannte Walliser Gérald Pot auf der Suche nach einer bruchsicheren Verpackung schliesslich bei mir gelandet», erzählt Roland Zahner wie alles begonnen hat.

Der in einer Aadorfer Firma als Technischer Verkäufer tätige Henauer, der aufgrund seiner Heirat mit einer Französin deren Sprache perfekt beherrscht, war vor rund vierzehn Monaten somit die geeignete Ansprechperson für den Kunden aus Choex im Unterwallis. Rasch war am Telefon ein erster Kontakt geknüpft und die Neugier des gelernten Modellschreiners geweckt. Einige Wochen später folgte ein erstes gegenseitiges Beschnuppern in der Heimat von Gérald Pot.

Kunsthandwerk für Einsteiger

Nach Skizzen und Anweisungen des erfahrenen Lehrmeisters machte sich Roland Zahner vor Monaten in seiner kleinen Werkstatt in Niederuzwil, in der er zuvor Wiler Hofpferde (Schaukelpferde) hergestellt hat, mit dem aus dem Wallis heimgebrachten Spezialholz an die Fertigung eines Prototypen.

Für das Alphorn wird dasselbe Holz wie für Geigen verwendet, nämlich Fichtenholz. Es hat die Besonderheit Resonanz- beziehungsweise Klangholz zu sein. Jeder der 300 und mehr Jahre alten und höher als 1000 Meter über Meer gewachsenen Baumstämme aus dem Vallée de Joux (VD) wird von Gérald Pot nach besonderen Kriterien ausgewählt, bevor er zersägt und die Holzstücke anschliessend zwischen fünf bis acht Jahren trocken gelagert werden. Die Rinde dieser Fichten wird übrigens für den Dessert-Weichkäse «Vacherin Mont d'Or», welcher aus Kuhmilch hergestellt wird, verwendet.

Die Verbindungshülsen zwischen den Verlängerungen sind aus harteloxiertem Aluminium. Drei O-Ringe an jeder Hülse garantieren eine optimale Abdichtung. Der Becherring besteht aus Nussbaumholz, Mundstück und Fässchen werden aus Ahorn oder Buchs gefertigt.

Besser transportierbar

Früher wurden Alphörner an einem Stück gefertigt. Da der Transport eines solchen Horns jedoch nahezu ein Ding der Unmöglichkeit ist, werden seit Längerem dreiteilige Alphörner hergestellt.

Dem ewigen Tüftler Pot ist es gelungen, diesen Usus zu durchbrechen und ein vierteiliges Alphorn in hervorragender Qualität zu bauen, bei dem sich die einzelnen Teile ineinander teleskopieren lassen. Pot und Zahner sind überzeugt von dieser Innovation und stolz, dass so ein handliches Instrument entstanden ist, das sich noch einfacher transportieren lässt.

Versprechen für die Zukunft

Während der Bauzeit des Prototypen galt es etliche Klippen zu meistern und praktikable Lösungen für handwerkliche sowie technische Probleme zu suchen. Einige Telefonate und weitere Besuche im Unterwallis haben Roland Zahner auf seinem Weg bestätigt und aus der gemeinsamen Leidenschaft fürs Alphornbauen hat sich letztlich eine veritable Freundschaft zwischen Lehrmeister und Lehrling entwickelt.

Für die kürzlich in Angriff genommene Dreierserie hat der zweifache Vater bereits einige Verbesserungen im Köcher. Doch zuerst macht er sich nun daran, seinem Alphorn Töne zu entlocken. Der Flawiler Musiklehrer Ulfried Tölle ist bisher sehr zufrieden mit den Fortschritten des ehemaligen Posaunisten, lobt die hohe Qualität des Zahner-Alphorns und zeigt sich begeistert davon, wie leicht die Töne ansprechen.

Mehr als nur ein Hobby?

«Die Sorge, dass er sein Know-how mit ins Grab nehmen und es so gänzlich verschwinden würde, lastete lange Zeit schwer auf Gérald Pot», offenbart Roland Zahner die grosse Angst seines Mentors, welcher der Leidenschaft Alphornbauen seit nunmehr vierzig Jahren frönt. Unendlich erleichtert, im 44-Jährigen einen seelenverwandten Nachfolger gefunden zu haben, der sein Lebenswerk dereinst weiterführen wird, kann die Alphornbauerkoryphäe nun getrost zurücklehnen und ihren Lebensabend geniessen.

Und wer weiss, vielleicht entwickelt sich aus dieser faszinierenden Freizeitbeschäftigung ja irgendwann ein Broterwerb, und Roland Zahner wird zum Alphorn-Stradivari aus dem beschaulichen Henau.

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