Wenn die Zielscheibe miaut: Unbekannter schoss in Wilen mit einem Luftgewehr auf Büsis

Treibt in Wilen bei Wil ein Tierquäler sein Unwesen? Eine der beiden misshandelten Katzen musste sogar eingeschläfert werden. Der Besitzer ist fassungslos.

Lara Wüest
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Katzen, die ins Freie können, sind wohl glücklicher, treffen draussen aber immer wieder auf Gefahren. (Bild: Fotolia)

Katzen, die ins Freie können, sind wohl glücklicher, treffen draussen aber immer wieder auf Gefahren. (Bild: Fotolia)

Wenn Samuel Gerber aus Wilen erzählt, was mit seinen Katzen geschehen ist, zuckt er immer wieder mit den Schultern. Wie jemand einen solchen Hass auf seine beiden Tiere entwickeln konnte, ist für ihn nicht nachvollziehbar. Alles begann vor einem Jahr im August. Eines Abends kam eine der beiden Katzendamen, die seit 15 Jahren ein Teil seiner Familie waren, nach Hause und zog ihr linkes Hinterbein nach.

«Unser Büsi hatte Schmerzen, doch eine Verletzung war nicht zu sehen», sagt Gerber, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, da er nicht will, dass ihn sämtliche Nachbarn auf das Geschehene ansprechen. Ein Besuch beim Tierarzt zeigte Erschreckendes. Auf das Büsi wurde geschossen. In einer Röntgenaufnahme sah der Tierarzt, dass im Bein der Katze die Patrone eines Luftgewehres steckte. Für Gerber, seine Frau und die beiden Kinder war das ein Schock. Einen solchen Befund hatten sie nicht erwartet.

Auf dem Röntgenbild der einen Katze der Familie Gerber ist das Luftgewehrprojektil gut zu sehen. (Bild: PD)

Auf dem Röntgenbild der einen Katze der Familie Gerber ist das Luftgewehrprojektil gut zu sehen. (Bild: PD)

Da eine Operation mehr Schaden als Nutzen hätte anrichten können, entschieden sich die Gerbers, das Projektil an Ort und Stelle zu lassen. Einzig Antibiotika erhielt das Büsi, damit sich die Wunde nicht entzündete. Bereits nach zwei Wochen ging es der Katze besser, sie schien keine Schmerzen mehr zu haben. So schlimm der Schuss auf den geliebten Vierbeiner die Familie traf, für Gerbers war klar: Sie wollten die Geschichte auf sich beruhen lassen. Samuel Gerber sagt:

«Wir hatten Angst, dass es in unserem Quartier böses Blut geben könnte, wenn wir bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt eingereicht hätten.»

Schon damals hegte er den Verdacht, dass der Täter aus der Umgebung stammen könnte.

Zweite Katze noch schwerer verletzt

Am vergangenen Mittwoch nun, schien es, als müsste die Familie Gerber den Zwischenfall vom August nochmals durchleben – erneut hatte jemand ihr Büsi verletzt. Diesmal war es die andere Katze, die am Abend hinkend nach Hause kam. Sie schien sogar noch mehr zu leiden, als die Katze im Jahr davor. Das Bein zog sie hinter sich her, belasten konnte sie es nicht mehr. Das Tier, das sonst gerne überall hochsprang und sehr aktiv war, schlich geduckt im Haus umher und verzog sich dann in eine ruhige Ecke. «Eines meiner Kinder bemerkte es zuerst», sagt Gerber. Und wieder zeigte ein Besuch beim Tierarzt: Die Katze hatte die Patrone eines Luftgewehrs im Schienbein.

In einem Bein die Patrone vom Luftgewehr, das andere Bein gebrochen: das Röntgenbild der zweiten Katze der Gerbers. (Bild: PD)

In einem Bein die Patrone vom Luftgewehr, das andere Bein gebrochen: das Röntgenbild der zweiten Katze der Gerbers. (Bild: PD)

Allerdings war die Luftgewehrkugel diesmal nicht die Ursache für das Hinken. Der Tierarzt, auch er möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, weil es ihm «um die Sache geht und nicht um seine Person», sagt: «Das Projektil könnte sich schon länger im Bein befunden haben.» Nicht selten merken Besitzer nämlich nicht, wenn jemand mit dem Luftgewehr auf ihr Haustier schiesst. Der Tierarzt sagt:

«Zwar wird das Tier durch den Schuss verletzt, doch wegen dem Fell sieht man die Verletzung nicht.»

Und meistens würden die Wunden schnell heilen und keine weiteren Schäden oder Schmerzen verursachen. So war es wohl auch in diesem Fall.

Das Büsi der Gerbers hinkte diesmal aus einem anderen Grund. Der Oberschenkel der Katze war zweimal gebrochen, «ein sehr komplizierter Bruch», wie der Tierarzt sagt. Einen Autounfall schliesst er aus, die Verletzungen sprechen eine andere Sprache. «Die Höhe der Fraktur am Bein ist sehr untypisch für einen Autounfall», sagt der Tierarzt. Zudem seien die Krallen der Katze intakt gewesen. «Diese fransen normalerweise aus, wenn ein Büsi angefahren wird, da es versucht, sich auf dem Asphalt festzukrallen.» Der Tierarzt hat deshalb einen anderen Verdacht:

«Die Katze könnte getreten worden sein.»

Wer hinter den Vorfällen steckt, ist unklar. Ebenso, ob ein und dieselbe Person für die Schüsse mit dem Luftgewehr und den Oberschenkelbruch verantwortlich ist. Doch Gerber glaubt, dass die Person aus der Nähe stammen könnte. «Unsere Büsis bewegten sich immer in einem sehr kleinen Radius um unser Haus», sagt er.

Anzeige gemäss Polizei ratsam

Treibt in Wilen also ein Tierquäler sein Unwesen? Der Kantonspolizei Thurgau und der Kantonspolizei St.Gallen sind keine anderen Fälle von misshandelten Tieren in dieser Umgebung bekannt. Betrachtet man aber die Zahlen in den gesamten Kantonen, zeigt sich: Es kommt ab und zu vor, dass jemand zum Luftgewehr greift, wenn er sich über eine Katze ärgert. Im Kanton Thurgau verzeichnete die Polizei gemäss Mediensprecher Michael Roth in diesem Jahr bisher drei Fälle, in denen eine Katze angeschossen wurde.

Und Florian Schneider, Mediensprecher bei der Kantonspolizei St.Gallen, spricht von durchschnittlich einem Vorfall pro Jahr. Und Fälle von Katzen, die in irgendeiner Form misshandelt würden, hätten sie «jedes Jahr einige», so Schneider. Er vermutet sogar, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist. Denn längst nicht alle Zwischenfälle werden von den Besitzern angezeigt. Doch genau das wäre nötig, um den Täter zu finden und weitere Vorfälle zu verhindern. Das Quälen von Tieren ist strafbar und kann gemäss dem Tierschutzgesetz mit einer Busse oder sogar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren belangt werden. «Eine Anzeigeerstattung sollte unbedingt erfolgen», rät Michael Roth.

Misshandlung mit schlimmen Folgen

Die Gerbers entschieden sich nach dem zweiten Vorfall bei der Thurgauer Polizei, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Denn für das zweite Büsi hatten die Misshandlungen schlimme Folgen. Zwar hätte man den Bruch operieren können. Doch die Katze war bereits alt, eine Operation hätte sie stark belastet. Um danach schmerzfrei leben zu können, hätte sie eine Büsi-Physiotherapie besuchen müssen. Samuel Gerber und seine Frau beschlossen deshalb, die Katze einzuschläfern. «Sie hatte über 15 Jahre ein schönes Leben. Wir wollten sie lieber jetzt gehen lassen, als ihr noch mehr Leid zuzumuten», sagt Gerber. Den beiden Kindern diesen Entscheid mitzuteilen, war das Schlimmste. Der Familienvater sagt:

«Dass jemand ein Tier so quält, verstehen meine Kinder nicht.»

Trotzdem suchen die Gerbers nach einer Erklärung für das, was geschehen ist. «Ich kann verstehen, wenn sich jemand über Katzenkot im Garten oder über das Büsi, das ständig auf dem Auto sitzt, ärgert.» Doch es gebe andere Mittel als ein Luftgewehr und Tritte, um eine Katze abzuschrecken. Zum Beispiel eine Wasserpistole oder einen Gartenschlauch. «Und man kann immer auch das Gespräch mit den Besitzern suchen», sagt er.