Wenn das System funktioniert: Sozialhilfebezüger Ali Aloss aus Wil ist auf dem Weg, den Sprung in die Unabhängigkeit zu schaffen

4,1 Prozent der Wiler sind auf Sozialhilfe angewiesen. Einer von ihnen ist Ali Aloss. Er steht dank der Unterstützung bald wieder auf eigenen Beinen.

Gianni Amstutz
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Ali Aloss ist froh, bei Elektro Kuster eine Anstellung im Teillohnmodell gefunden zu haben.

Ali Aloss ist froh, bei Elektro Kuster eine Anstellung im Teillohnmodell gefunden zu haben.

Bild: PD

Nackte Zahlen, schwarz auf weiss. Sie zeigen: Ali Aloss kostet den Staat Geld. Mehrere Tausend Franken pro Monat. Grundbedarf, Miete, auswärtige Mahlzeiten, Fahrtkosten, Krankenkasse. Das alles bezahlt die Stadt Wil zu einem Grossteil für ihn und seine Familie. Denn Ali Aloss ist einer jener 4,1 Prozent der Wiler Bevölkerung, die ohne finanzielle Hilfe der Stadt ihr Leben nicht bewältigen könnten.

Gerne zitieren Parlamentarier diese Sozialhilfequote und sprechen dann von «einem Fass ohne Boden», «einer falschen Willkommenskultur», «erschreckenden Zahlen», «einer unrühmlichen Spitzenposition im Kanton» oder sie verlangen «dem Missbrauch Einhalt zu gebieten».

Ali Aloss passt aber so gar nicht in dieses Bild der Sozialhilfe als System, das viel kostet, aber wenig nützt. Der Syrer, der seit viereinhalb Jahren in der Schweiz lebt, will möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen. In leicht gebrochenem Deutsch sagt er:

«Ich hoffe, bald nicht mehr Sozialhilfe beziehen zu müssen.»

Vieles deutet darauf hin, dass er dieses Ziel erreichen wird.

Weniger als zwei Wochen bis zur ersten Arbeitsstelle

Ali Aloss kam vor viereinhalb Jahren mit seiner Familie in die Schweiz. Er war Teil eines Kontingents syrischer Flüchtlingsfamilien, welche die Schweiz aus einem Lager im Libanon aufnahm. Weniger als drei Wochen nach seiner Ankunft im Flüchtlingsheim Marienburg in Thal hatte er eine Stelle als Bäcker gefunden. Stolz zeigt er einen Beitrag von TVO über das Projekt «Bäcker bilden Flüchtlinge aus».

Der Anfang sei nicht einfach gewesen, erzählt Aloss. Schliesslich habe er damals noch kein Deutsch gesprochen. Auch die Arbeitszeiten in der Nacht entsprachen nicht den Wunschvorstellungen des damals 31-Jährigen. Doch für ihn sei klar gewesen, dass er zuerst eine Arbeitsstelle brauche – egal was für eine. «Das ist wichtig, um die Sprache und Kultur zu lernen», sagt Aloss.

Denn über die Schweiz wusste der Syrer nicht viel, bevor er herkam. «Ich kannte nur den FC Zürich und den FC Basel», sagt der Fussballbegeisterte lachend, bevor er ergänzt: «Und natürlich die Schweizer Schokolade.»

Mehr als nur finanzielle Unterstützung

Nach seiner Zeit in Thal zog es Ali Aloss und seine Familie nach Jonschwil, bevor er schliesslich Anfang September 2017 nach Wil kam. Da er zu dieser Zeit eine Stelle hatte, war er noch nicht auf Sozialhilfe angewiesen. Die Stelle verlor Aloss jedoch wieder. Für den Familienvater eine schwierige Situation. Ohne Sozialhilfe hätte er wohl nicht gewusst, wie es weitergeht.

Das eine war die finanzielle Unterstützung zur Deckung des Grundbedarfs, doch die Hilfe ging weiter als das. «Wir klären jeweils ab, wo die Stärken und Interessen einer Person liegen und versuchen dann eine Lösung zu finden», erklärt Jasmine Schönenberger, die fallführende Sozialarbeiterin. «Darüber hinaus vermitteln wir andere Anlaufstellen oder unterstützen bei Alltagsproblemen.» Auch Abklärungen mit Dritten, seien das Arbeitgeber, Versicherungen oder sonstige, nehmen die Sozialarbeiter vor.

Dafür stehen ihnen pro Klient durchschnittlich zwei Stunden pro Monat zur Verfügung. Eine knapp bemessene Zeit, wie Jasmine Schönenberger bestätigt. Der Zeitaufwand sei aber von Fall zu Fall verschieden. «Glücklicherweise haben wir auch Personen wie Herrn Aloss. Er braucht nicht mehr viel Unterstützung.»

Heute arbeitet er bei der Firma Elektro Kuster in St.Gallen im sogenannten Teillohnmodell. Das heisst, nebst der Arbeit besucht Aloss zusätzlich die Schule, um die beruflichen Grundlagen zu lernen.

Zwar war er bereits in Syrien Elektromonteur, doch läuft in der Schweiz vieles etwas anders. Mit Plänen gearbeitet hat Ali Aloss in seiner Heimat beispielsweise nicht und muss sich diese und andere Fähigkeiten erst aneignen.

Für seine Arbeit erhält er zwar einen Lohn, dieser ist aber deutlich tiefer als bei regulär Angestellten. Aktuell verdient er rund 900 Franken pro Monat, ab Mitte Mai bis November, wenn er die nächste Stufe der Ausbildung absolviert, werden es 2500 Franken sein. Damit ist er immer noch – jedoch in geringerem Ausmass – auf Sozialhilfe angewiesen.

Am Ende der eineinhalbjährigen Ausbildung erhält er eine Qualifizierung und ein Arbeitszeugnis – und vielleicht eine Festanstellung. «Ich hoffe, dass ich hier weiterarbeiten kann. Es ist das, was ich gerne mache», sagt Ali Aloss. Manchmal müssten ihn seine Kollegen sogar daran erinnern, dass er um 17 Uhr Feierabend machen könne, so vertieft sei er in seine Arbeit. Viel zu arbeiten, das mache ihm nichts aus. Schliesslich sei es in der Schweiz immer Winter oder am Regnen, da könne man gut länger arbeiten, sagt Aloss lachend.

Der Traum, dereinst als Fussballtrainer zu arbeiten

Noch lieber würde er aber in Zukunft als Fussballtrainer sein Geld verdienen. Auch hier ist er auf einem guten Weg. Aktuell trainiert er die 2. Mannschaft des FC Wil in der vierten Liga und möchte bald das nächst höhere Trainerdiplom machen. «Fussball, das ist meine Liebe», sagt er. Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass es schwierig ist, davon zu leben, weshalb er sagt:

«Die Arbeit kommt an erster Stelle, der Fussball an zweiter.»

Dass er dank der Unterstützung der Sozialhilfe bald wieder ein unabhängiges Leben führen kann, erfüllt Ali Aloss mit grosser Dankbarkeit. «Ich weiss nicht, wie ich das jemals zurückgeben kann», sagt er. Das Schweizer System sei sehr gut, sagt Aloss. «In Syrien gibt es nichts Vergleichbares.» Dort helfe einem die Familie in schwierigen Zeiten. «Es ist aber auch viel einfacher, eine Stelle zu finden.» Dokumente, die einen spezifischen Abschluss belegten, seien dafür nicht nötig.

Nicht jeder schafft den Sprung

Ali Aloss ist ein Musterbeispiel. Einer, der dank der Sozialhilfe dabei ist, seine finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Am Ende steht die Rechnung. Nackte Zahlen, schwarz auf weiss. Wenn Aloss seinen Weg weitergeht, wird er vom Sozialhilfebezüger zum Steuerzahler. Das System funktioniert.

Klar ist aber auch: Nicht jeder Mensch schafft diesen Sprung. «Das Alter kann die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt erschweren, aber auch gesundheitliche Probleme», sagt Jasmine Schönenberger.

Und dann gibt es wohl auch jene, von denen man in den Medien liest. Jene, die nicht arbeiten wollen und gemeinhin als Sozialhilfeschmarotzer betitelt werden. Wer aber deshalb die Sozialhilfe als Ganzes schlechtredet, droht aus den Augen zu verlieren, dass unter den 4,1 Prozent viele Menschen sind, die dank der Unterstützung ein besseres, unabhängiges Leben führen können. Menschen wie Ali Aloss.