«Wenn Betroffene merken, dass etwas nicht stimmt, ziehen sie sich zurück»

Ueli Häfeli leitet Workshops für Angehörige von Menschen mit Demenz. Dies, nachdem seine Eltern an einer Demenz erkrankt waren. Dank seines Hobbys, dem Improvisationstheater, entwickelte er einen Umgang damit.

Cecilia Hess-Lombriser
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Ueli Häfeli sieht im Improvisationstheater Anknüpfungspunkte für den Umgang mit Demenzkranken.

Ueli Häfeli sieht im Improvisationstheater Anknüpfungspunkte für den Umgang mit Demenzkranken. 

Bild: Benjamin Manser

Ueli Häfeli ist Goldschmied von Beruf und betreibt einen kleinen Laden im Zentrum von Flawil mit ebenso kleiner Werkstatt im Untergeschoss. Schönes und Edles gehört zu seinem Alltag. Das Kostbare kann jedoch beim Tragen Kratzer bekommen oder gar kaputtgehen. Er repariert es, damit die Menschen wieder Freude daran haben können.

Ein Leben kann, wie ein Diamant, aus seiner gewohnten Fassung fallen – dann beispielsweise, wenn eine Form von Demenz diagnostiziert wird. Veränderungen drängen sich auf, Gewohntes muss aufgegeben, neue Wege müssen gefunden werden. Repariert werden kann es nicht, wohl aber die Beziehung zwischen Angehörigen und der von Demenz betroffenen Person so gestaltet werden, dass es beiden Seiten gut geht und die Freude trotz allem möglich ist. Die neue Fassung heisst dann: Geduld, Akzeptanz und Empathie.

Die Chance des Improtheaters

Seit 13 Jahren ist das Improvisationstheater das intensive Hobby von Ueli Häfeli. Spontan sein, Figuren auf die Bühne bringen, die glaubhaft sind, eine echte Stimmung schaffen und dem Publikum etwas bieten, bilden die Motivation für das fordernde Spiel, das nur funktionieren kann, wenn alle Schauspieler mitgehen, aus ihrem Inneren schöpfen und sich von sich selbst überraschen lassen. Häfeli leitet auch andere Menschen in Workshops zum «Improtheater» an, wie es in der Kurzform heisst. «Es geht darum, die Rolle anzunehmen, sich in die Figur einzufühlen und auch das Gegenüber in seiner Rolle anzunehmen», erklärt Ueli Häfeli.

Akzeptieren lernen

Als er seine Mutter, die vor vier Jahren gestorben ist, während ihrer Krankheit begleitete, erkannte er die Parallelen, wendete die Grundregeln von «Impro» im Zusammensein mit ihr an, freute sich an der Wirkung und begann, Workshops für Angehörige von Menschen mit Demenz zu entwickeln. «Es geht nicht darum, mit den Betroffenen Theater zu spielen, sondern sie in ihrer Geschichte zu akzeptieren und mit ihnen auf dieser Basis zu kommunizieren.» Die Zusammensetzung der Teilnehmenden kann beliebig sein. Die Betroffenen können dabei sein oder auch nicht, es können Geschwister miteinander kommen, Partner oder Einzelpersonen. «Sie sollen daran interessiert sein, miteinander eine stressfreie Zeit zu verbringen und positive Erlebnisse zu teilen, mit dem Resultat, dass es allen Beteiligten im Zusammensein besser geht», sagt er.

Realität als wahr annehmen

Ueli Häfeli weiss, dass viele Menschen direkt oder indirekt mit einer Demenz konfrontiert sind. Oder mindestens jemanden aus ihrem näheren oder weiteren Umfeld kennen, der davon betroffen ist. Das Thema macht hilflos und Angst. Das muss nicht sein, wenn offen damit umgegangen wird und die Bereitschaft vorhanden ist, mit den Betroffenen mitzugehen.

Die Angehörigen kennen die Geschichte der Betroffenen. «Dann wird es möglich, den erkrankten Menschen so anzunehmen, wie er ist, und ihn dort abzuholen, wo er steht», hat Häfeli selber erfahren.

Er erzählt von seiner eigenen Mutter, die gerne mit ihm im Auto ausfuhr, am liebsten auf Strecken, die sie von früher kannte. «Sie konnte je nach Ort ihr Alter ändern; die Zwölfjährige sein, die ihre Grossmutter besuchen wollte, oder sie fragte nach ihrer Mutter. Wir haben dann an der Tür des leer stehenden Hauses ihrer Grossmutter geklopft und natürlich hat niemand geöffnet. Dann war einfach niemand zu Hause, und das Thema war damit erledigt.»

Korrigieren, behaupten, insistieren, erklären oder gar streiten, das schade nur. «Die Betroffenen merken dann, dass etwas nicht stimmt, und ziehen sich aus Angst in sich selber zurück. Es ist einfacher, den Ball, den sie einem zuwerfen, aufzunehmen und im Lebensabschnitt, in dem die Betroffenen ihrer Meinung nach sind, mitzugehen. Genau wie beim Improtheater», sagt Ueli Häfeli.

Blockierender Umgang

«Sage Ja zum Publikumsinput auf der Bühne, sage Ja zu deinem Gegenüber, das gehört zu den Grundregeln des Improtheaters», erklärt Häfeli. In seinen Workshops übt er mit den Teilnehmenden, in verschiedene Situationen hineinzugehen, zu agieren und mit Rollen und Situationen zu spielen. Bei Workshops für Menschen mit Demenz ist es anders. Da ist es das Ziel, der Perspektive der Menschen mit Demenz Priorität zu geben, nichts dazuzuerfinden, sie zu verstehen, nicht Theater mit ihnen zu spielen, sondern sich in ihr Erleben und ihre Welt einzufühlen, ihre Wahrnehmungen zu akzeptieren, mit ihnen mitzugehen und auf das Streiten über Wahrheiten und Realitäten zu verzichten.

Ueli Häfeli vermittelt auch, was für die Erkrankten wie wirkt. «Weisst du, wer ich bin?», sei die Frage, die alles blockiere. Korrigieren, belehren, sich lustig machen, über den Betroffenen hinweg kommunizieren, ein zu hohes Tempo anschlagen, ihn therapieren wollen oder Demenz mit Blödheit oder Minderwertigkeit gleichzusetzen, seien alles grosse Kommunikationssünden im Umgang mit Menschen mit Demenz.

Druck wegnehmen

Ueli Häfeli merkt, dass Angehörige von Menschen mit Demenz oft überfordert oder so belastet sind, dass sie wenig ansprechbar sind auf Lernmöglichkeiten, wie man besser mit der Situation umgehen kann. Seine Antwort: «Nutze die Möglichkeit, du gewinnst dabei so viel, dass du wieder Energie bekommst.»

Häfeli erinnert sich: «Es war nicht schön, als mich meine Mutter nicht mehr erkannte. Ich habe es angenommen und es hat mich dennoch betroffen gemacht, wenn sie sich zwischendurch bedankt hat, dass ich sie besuche und mit ihr ausfahre und ich merkte, dass sie in diesem Moment wusste, dass ich ihr Sohn bin.» Letztlich wolle man als Kind der Eltern erkannt werden, auch wenn man schon lange erwachsen sei.

«Wir kämpfen dagegen, dass unsere Kindheit vergessen wird», sagt Ueli Häfeli. «Dieser Kampf ist nicht zum Wohle der Betroffenen, sondern resultiert aus unserem Unvermögen, mit dem Verlust unserer Vergangenheit mit diesen wichtigen Menschen in unserem Leben umzugehen. Es ist wichtig, mit den eigenen Themen ehrlich umzugehen, und dann wird ein liebevoller Umgang möglich.»