Weisse Linien durch die Dunkelheit

Selbstversuch

Jonas.manser@wilerzeitung.ch
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Gerd Bingemann führt Jonas Manser von der «Wiler Zeitung» durch Wils Zentrum. (Bild: Josephine Opprecht)

Gerd Bingemann führt Jonas Manser von der «Wiler Zeitung» durch Wils Zentrum. (Bild: Josephine Opprecht)

Anlässlich des «Internationalen Tages des Weissen Stockes» startete die «Wiler Zeitung» einen Selbstversuch: Eine Stunde ohne Sicht durch Wil. Gerd Bingemann, verantwortlicher Interessenvertreter des Schweizerischen Zentralvereins für das Blindenwesen, erklärte sich dazu bereit, mich für eine Stunde durch Wil zu führen. Bingemann verlor in bereits jungen Jahren sein Sehvermögen und ist mittlerweile seit über 20 Jahren blind.

Fühlen und Hören statt Sehen

Wir treffen uns an der Informationstafel vor den Bushaltestellen des Bahnhofs Wil. Nach der Begrüssung überreicht Bingemann mir Augenbinde und Blindenstock. Ich darf zwischen Plastik- oder Holzgriff auswählen und nehme nach kurzem Betasten den Stock mit hölzernem Griff – er fühlt sich besser in meiner Hand an. Meine Wahl wird von ihm mit einem Kopfnicken quittiert: «Eine gute Wahl. Den habe ich selbst entworfen.» Der Plastikgriff sei jedoch für Regen geeigneter. Das Wasser tropfe besser ab. Ich schliesse die Augen und setze die Augenbinde auf. Ich finde mich in kompletter Dunkelheit wieder. Noch habe ich die Orientierung nicht verloren.

«Fasse mich am Arm und tas­te vorerst einmal den Boden mit dem Stock ab. Fällt dir etwas auf?» Ich versuche die Oberflächenbeschaffenheit zu spüren. Tatsächlich ertaste ich eine Leitlinie. Doch ich muss ihm eingestehen, dass es mir schwerfällt, sie im Durcheinander von den anderen Belägen zu unterscheiden. «Das ergeht mir genau gleich. Diese Markierungen hier am Bahnhof sind leider überhaupt schwer zu ertasten.»

Wir starten die von ihm geplante Route. Bereits nach wenigen Schritten habe ich komplett die Orientierung verloren. Rundherum werde ich von Geräuschen und Gerüchen regelrecht erdrückt. Zum Glück habe ich eine blinde Person, die mich führt – geht mir der ironische Gedanke durch den Kopf. Bingemann überlässt mir das Abtasten. Angestrengt versuche ich, die feinen Unterschiede des Belags herauszuspüren. Immer wieder verliere ich das Gefühl des Stockes, welcher eigentlich über die Linien streifen sollte. In der Flut von Geräuschen stellen die Linien für mich der einzige Halt dar. Verliere ich sie aus dem Gefühl, bin ich verloren. Wir gelangen an den Fussgängerstreifen beim Schwanen. Eine Distanz, die man normalerweise kaum wahrnimmt, fühlt sich wie eine halbe Ewigkeit an. Ungewissheit und unablässige Konzentration dehnen Zeit und Distanz. Jedes unerwartete Geräusch, jedes Hindernis strapaziert meine Nerven: Bin ich gegen einen Menschen gestossen? War dies gestern auch schon da? Bin ich am falschen Ort? «Es gibt auch Hindernisse, die Struktur hineinbringen. Nach ihnen kann ich mich zum Teil auch orientieren», sagt Bingemann. Es wartet bereits die nächste Schwierigkeit auf uns: Die von Bingemann vorgesehene Strecke endet im Restaurant Hirschy. Wie findet man den Eingang? Bis anhin hat sich Bingemann an der leichten Wölbung der Oberen Bahnhofstrasse orientiert: «Wenn du mit dem Stock einen weiten Bogen zeichnest, spürst du, dass sich die Strasse von der Mitte aus beidseitig nach unten neigt.»

Fingerspitzengefühl und Erfahrung

Wir tasten uns nach rechts. Der Widerhall unserer Stimmen am Gebäude kündigt die sich nähernde Wand an. Wir suchen den Boden nach dem Eingangsteppich ab und finden unser Ziel. Ich mache mir keine Illusionen: Nur dank der jahrelangen Erfahrung und dem guten Vorstellungsvermögen von Bingemann haben wir ins Restaurant gefunden. Er führt mich gekonnt an einen Tisch. Erleichtert darf ich die Augenbinde wieder abnehmen. Vom grellen Licht geblendet darf ich blinzelnd meine Umgebung auf mich wirken lassen. Dieses Privileg ist leider nur mir gegönnt.

Jonas Manser

jonas.manser@wilerzeitung.ch

Hinweis

Der 15. Oktober ist der Internationale Tag des Weissen Stockes. Mitglieder der in der ganzen Schweiz aktiven Schweizer Blinden- und Sehbehindertenverbände sind an öffentlichen Plätzen in Städten wie Bern, Chur, Fribourg oder Lausanne anzutreffen. Ziel der Aktivitäten ist es, die Öffentlichkeit auf die Bedürfnisse stark sehbehinderter Menschen zu sensibilisieren. (pd)