Sie bringen Hoffnung: Die Seelenpfleger in den Spitälern Wil und Wattwil

Weihnachten im Spital zu verbringen, ist für viele Patienten schwer. Spitalseelsorger in Wil und Wattwil sind auch in dieser Zeit für sie da.

Lara Wüest
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Spitalseelsorge umfasst mehr als Beten.

Spitalseelsorge umfasst mehr als Beten.

Bild: Getty

Die Einsamkeit, sie ist es, die vielen Menschen im Umfeld von Toni Ziegler über die Weihnachtszeit am meisten zu schaffen macht. So etwa auch jener Frau vor ein paar Jahren, die sich am 24. Dezember so allein fühlte, dass Ziegler kurzerhand herbeigerufen wurde, um ihr beizustehen. Und das, obwohl Zieglers Kinder ihn lieber bei sich gehabt hätten. Toni Ziegler ist katholischer Spitalseelsorger am Spital Wil. An diesem Nachmittag wird er zwischen drei und zwanzig Patienten besuchen – je nachdem, wie lange die einzelnen Gespräche dauern – und dabei vor allem eins: zuhören.

Jetzt, kurz vor Mittag, sitzt der 41-jährige Mann aus Kirchberg aber noch im Café des Spitals Wil und erzählt aus seinem Alltag. Neben ihm sitzt der 62-jährige Wattwiler Rainer Pabst, auch er ein Seelsorger, allerdings ein reformierter, der am Spital in Wattwil tätig ist. Beide tragen Brille und schlichte Kleidung. Wäre da nicht der Badge, den Toni Ziegler vorne an seinem grauen Shirt befestigt hat und auf dem das Wort «Seelsorger» zu lesen ist, könnte man sie auch für Informatiker oder Steuerberater halten. Auffallen, das gehört nicht zu ihren Aufgaben. Wenn sie arbeiten, geht es um die anderen, die Patienten. Und für manche ihrer Patienten sind diese Tage besonders schwer. «Viele würden über Weihnachten gerne nach Hause, aber sie können nicht», sagt Rainer Pabst.

Rainer Pabst (l.) zu Besuch bei Toni Ziegler im Spital Wil.

Rainer Pabst (l.) zu Besuch bei Toni Ziegler im Spital Wil.

Bild: Lara Wüest

Ein gefragtes kirchliches Angebot

Die Kirche verliert Mitglieder, seit mehreren Jahren kehren ihr immer mehr Menschen den Rücken. Nicht so den Spitalseelsorgern, zumindest nicht in Wattwil und Wil. «Wenn wir sämtliche Patienten regelmässig abdecken wollten, bräuchten wir mehr Stellenprozente», sagt Ziegler, der auch noch in der katholischen Kirchgemeinde Wil arbeitet und als Hausmann tätig ist. Ähnlich geht es seinem Kollegen in Wattwil. «Viele Menschen sind positiv überrascht, wenn ich sie zum ersten Mal in ihrem Zimmer besuche», sagt Pabst. Nur ab und zu schicke ihn jemand wieder hinaus. «Die sagen mir dann, ich solle wieder gehen, sie seien noch nicht am Sterben», sagt der Seelsorger, der zugleich Pfarrer der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg ist, und schmunzelt.

Glaube steht nicht im Zentrum der Gespräche

Sowohl in Wil als auch in Wattwil sind jeweils zwei Seelsorger für die seelischen Bedürfnisse der Kranken da, alle arbeiten unter 50 Prozent. Ihre Dienste werden zu einem Teil von der Landeskirche, zu einem Teil vom Kanton St.Gallen finanziert, die Patienten bezahlen nichts, egal welcher Konfession sie angehören. Immer wieder betreuen Ziegler und Pabst zum Beispiel auch Muslime. Der Glaube, sagen beide, sei in den Gesprächen nur ein Thema, wenn Patienten dies wünschten.

Viele Kranke wollen jedoch über anderes sprechen, beten steht nicht an erster Stelle. Manchmal geht es um ihre Krankheit, manchmal um ihre Sucht, manchmal einfach um die Zukunft. In der Weihnachtszeit gibt es ein Thema, das besonders im Vordergrund steht: die Familie. «In vielen Familien kommt es während Jahren über die Weihnachtstage zu Streit. Und im Spital kommen solche alten Konflikte häufig hoch», sagt Rainer Pabst. Auch der Tod eines Kindes oder der fehlende Kontakt zum Sohn oder zur Tochter sei für viele dann besonders schwer zu ertragen. «Die Menschen», sagt Pabst, «verspüren an Weihnachten die Sehnsucht nach einer guten Welt.»

Rund um die Uhr für Patienten da

Rund um die Uhr ist in den Spitälern ein Seelsorger für die Patienten da. «Mein Telefon habe ich immer eingeschaltet», sagt etwa Ziegler. Normalerweise auch an Weihnachten. Dieses Jahr ist er über die Feiertage jedoch in den Ferien, für Notfälle springt sein Kollege ein.

Die meisten Patienten treffen die Seelsorgenden ein- bis höchstens dreimal. Je nach Bedürfnis und Aufenthaltsdauer im Spital. Bei den Besuchen geht es nicht darum, jemanden zu therapieren. «Seelsorger bringen Hoffnung», sagt Pabst. Trotzdem lernten Pabst und Ziegler in ihrer Seelsorgerausbildung, welche beide nach ihrem Theologiestudium absolvierten, wie man mit ähnlichen Methoden wie die Psychotherapeuten ein Gespräch führt.

Dieser Hintergrund ist für ihre Arbeit wichtig. Denn gewissen Patienten geht es so schlecht, dass Papst und Ziegler ohne dieses Wissen nicht weiter wüssten. Und auch so kommen sie manchmal an die Grenzen. Einmal, während seiner Ausbildung, besuchte Rainer Pabst zum Beispiel eine Frau, die gerade erfahren hatte, dass sie in einigen Monaten sterben würde. Die Atmosphäre im Patientenzimmer, in dem sich auch der Ehemann der Patientin aufhielt, hat Pabst beinahe erdrückt. «Das war Ohnmacht pur», sagt er. Mit den Jahren hat er gelernt, diese Ohnmacht auszuhalten, manchmal im Schweigen. «Ich stehe in diesem Moment einfach an ihrer Seite.»

Neue Spitallandschaft verändert Alltag der Seelsorger

Durch die neue Spitalstrategie und die mögliche Schliessung des Spitals Wattwil liegt die Zukunft der Seelsorger zu einem gewissen Teil im Dunkeln. Die Arbeit würde ihnen dadurch zwar kaum ausgehen, die stationären Wattwiler Patienten würden bloss an einem anderen Ort untergebracht. Einige davon wohl in Wil. Trotzdem dürften Veränderungen auf die Seelsorger zukommen. Rainer Pabst wird davon nicht betroffen sein, in gut drei Jahren geht er in Pension. Doch Toni Ziegler dürfte eine Schliessung in seinem Alltag zu spüren bekommen. «Wenn Wil Patienten von Wattwil übernimmt, bedeutet das für die Seelsorger hier mehr Arbeit.» Denn dass die Patienten die Seelsorgerdienste weiterhin brauchen, da ist er sich sicher.

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