Weihnachten auf syrisch-orthodox

Ishak Gabriel aus Wil und Ibrahim Uenes aus Wattwil sind syrisch-orthodox. In ihrer türkischen Heimat wird Weihnachten anders gefeiert. In der Schweiz begehen sie das Fest mit «Landeskirchen-Einschlag».

Patricia Wichser
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Ishak Gabriel (links) und Ibrahim Uenes kennen und leben zwei Weihnachten: Jenes der Schweizer Landeskirchen und jenes der syrisch-orthodoxen Kirche. (Bild: Patricia Wichser)

Ishak Gabriel (links) und Ibrahim Uenes kennen und leben zwei Weihnachten: Jenes der Schweizer Landeskirchen und jenes der syrisch-orthodoxen Kirche. (Bild: Patricia Wichser)

Patricia Wichser

redaktion

@wilerzeitung.ch

«Weihnachten auf syrisch-orthodox beginnt eigentlich zehn Tage vorher, mit einer Fastenzeit», sagt Ibrahim Uenes. Östlich der Türkei, zwischen Tigris und Euphrat, wo die beiden aufwuchsen, gab es in dieser Zeit vor allem Linsensuppe, Reis, Gemüse, Brot und Teigwaren ohne Eier. «In dieser Zeit essen die Gläubigen keine tierischen Lebensmittel», erläutert Ishak Gabriel. Bis zur Mittagszeit wird gar nichts gegessen. Die Erwachsenen hielten die Vorschriften streng ein, bei Kindern war man ein wenig lockerer.

Weihnachtsmesse als grosser Treffpunkt

Die Syrisch-Orthodoxen feierten früher Weihnachten am 25. Dezember. Der 24. Dezember war für sie ein ganz gewöhnlicher Tag. «Frühmorgens am 25. Dezember gingen die Kinder zu den Nachbarn und wünschten frohe Weihnachten. Dann bekamen sie von den Nachbarn Zuckerbonbons», erklärt Ibrahim Uenes den Brauch. Der Gottesdienst am Weihnachtstag dauerte von 5 bis 8.30 Uhr morgens. Auch am Abend ging man zur Kirche. In der Schweiz feiern die Syrisch-Orthodoxen am 24. Dezember Weihnachten. Das Datum wurde übernommen. Im Kanton St. Gallen wird ein Jahr im Voraus geplant, in welcher katholischen Kirche und um welche Zeit die Syrisch-Orthodoxen ihre Weihnachtsmesse abhalten können. Der Gottesdienst ist also regional. Da kann es gut sein, dass sich gegen 1000 Gläubige einfinden. «Es ist ein grosser Treffpunkt, und man sieht viele Bekannte», erzählt Ibrahim Uenes enthusiastisch. «Man hört das Wort Gottes und wird nachdenklich, aber auch zugleich fröhlich. Man ist ein anderer Mensch, wenn man die Kirche verlässt», sagt Ishak Gabriel. Die Leute gehen gerne in die Kirche. Sie sind stolz, Christen zu sein, und tragen Sorge zum Glauben.

Wie bei den Katholiken und den Reformierten, steht eine Krippe in der Kirche. Der Gottesdienst dauert drei Stunden und ist eine grosse Präsentation. So macht die Krippe mit dem Jesuskind prozessionsartig eine Runde um das Kircheninnere. Ebenfalls im Einsatz ist viel Weihrauch. Der Hauptpfarrer liest singend die Texte auf Hocharamäisch. Ibrahim Uenes und Ishak Gabriel sprechen jenes Aramäisch, welches im Volk umgangssprachlich verwendet wird. Das Aramäische gilt auch als die Sprache Jesu. Die Gestaltung des Gottesdienstes ist nicht gleich wie bei den Reformierten oder den Katholiken. «Aber wir sind alles Christen. Wir glauben an die gleiche Bibel», sagt Ishak Gabriel. Ein für ihn wichtiger Punkt. Auch die Weihnachtsgeschichte ist dieselbe.

Kein Christbaum wie in der Schweiz

An den schweizerischen Christbaum mussten sich die beiden erst noch gewöhnen. «In der ­Türkei haben wir keinen Christbaum. Wir haben keine Tannen. Aber es wurde auch kein anderer Baum stattdessen genommen», sagt Ishak Gabriel. In der Schweiz wie in der Türkei gibt es jedoch ein Festmahl zu Weihnachten. «Früher waren das weisse Bohnen an Tomatensauce, Couscous und Schaf- oder Hühnerfleisch», blickt der Assyrer zurück. Alkohol war jedoch nicht üblich und entsprach nicht ihrer Kultur. In ihrer Heimat besass fast jeder einen kleinen Rebberg. Die Trauben wurden so gegessen. Doch der eine oder andere kelterte für den Eigengebrauch auch Wein, für besondere Anlässe. Geschenke gab es auch. «Meistens waren es Sachen, die man das Jahr hindurch nicht vermochte, beispielsweise neue Kleider für die Kinder», erzählt Ishak Gabriel. Jeweils zu Weihnachten steht die Verbindung zu seiner Vergangenheit, zu seiner alten Heimat. «Wir telefonieren mit unseren Verwandten», sagt Ishak Gabriel.

Zur aktuellen Lage in Syrien und zu ihren Glaubensgenossen möchten sich die beiden nicht äussern. Im Gespräch wird jedoch klar, dass sich beide für Frieden aussprechen, sei es in der Religion oder unter Volksstämmen. Und wenn dies zwei Assyrer zu Weihnachten äussern, dann hat das eine besondere Symbolik und Prägnanz.