Wegen eines gestohlenen E-Bikes: IV-Rentner droht Kesb-Beiständin mit Tod – jetzt hat das Kreisgericht Wil ein Urteil gefällt

Er rastet immer wieder aus, tobt, wettert und droht. Im Juni 2019 platzte ihm einmal mehr der Kragen. Weil sie sein gestohlenes E-Bike nicht versichert hatte, versprach er seiner ehemaligen Beiständin über das Telefon der Kesb Wil-Uzwil, sie zu töten.

Andrea Häusler
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Die Wut des Angeklagten entlud sich am Telefon: In einer Voicemail an die Berufsbeistandschaft drohte er, seine ehemalige Beiständin «verschwinden zu lassen».

Die Wut des Angeklagten entlud sich am Telefon: In einer Voicemail an die Berufsbeistandschaft drohte er, seine ehemalige Beiständin «verschwinden zu lassen».

Symbolbild: Andrea Häusler

Das Verhältnis zwischen dem heute 39-jährigen IV-Renter und seiner ehemaligen Beiständin, einer Mitarbeiterin der Kesb Wil-Uzwil, war grundsätzlich belastet. Als er nach dem Diebstahl seines E-Bikes feststellte, dass diese – trotz eines entsprechenden Antrags bei dessen Kauf – keine Diebstahlversicherung abgeschlossen hatte und er auf dem Schaden sitzen blieb, brannten seine Sicherungen durch. Voller ungezügelter Wut wählte er die Nummer der Berufsbeistandschaft Uzwil und hinterliess eine Voicemail an die Adresse der mutmasslich Schuldigen, die damals allerdings bereits nicht mehr für die Kesb tätig war.

Deren Inhalt hatte es in sich. Drei Tage gewährte er seiner früheren Beiständin, um ihm das Geld – 4000 Franken – für das bereits gekaufte Ersatzbike zu erstatten. Sollte sie dieser Forderung nicht nachkommen, würde er «sie verschwinden lassen, sie also töten» wie er nachweislich sagte. Und um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen, fügte er an, dass er nichts mehr kenne, keine grossen Töne mehr spucke, sondern knallhart durchgreife: Mit ihr (seiner Ex-Beiständin) fange er an, das sei ein Versprechen.

Bezahlt wurde nichts. Dafür klickten die Handschellen. Der psychisch und physisch beeinträchtigte IV-Bezüger wurde festgenommen und für 34 Tage in Untersuchungshaft gesteckt. Am Dienstag stand er nun am Kreisgericht Wil in Flawil vor Gericht.

Rückfallgefahr bleibt bestehen

Der Vorfall hatte sich im Juni 2019 ereignet. Seither hatte sich der schon mehrfach wegen Drohungen und Nötigung Verurteilte nichts Strafrelevantes mehr zu Schulden kommen lassen. Sein Bewährungshelfer sprach denn auch von einem erkennbaren Lernprozess, gewissen Erfolgen der psychotherapeutischen Begleitung und einer Entwicklung in die richtige Richtung. Allerdings auch von einer fragilen Sache und einer derzeit noch nicht auszuschliessenden Rückfallgefahr.

Tatsächlich hatte sich der Angeschuldigte auch vor den Richtern des Kreisgerichts Wil emotional im Griff, wirkte trotz fühlbarer Nervosität besonnen, antwortete ruhig und stets höflich. Er sprach seine Kindheit im Heim an:

«Dass ich so bin, wie ich bin, hat mit meiner Vergangenheit zu tun.»

Hier habe er gelernt, dass er sich so (mit «ausrasten») Beachtung verschaffen konnte. Ginge es nach ihm, würde er abseits der Gesellschaft auf irgendeiner Alp leben, sagte er: «Ich bräuchte nicht einmal ein Handy.»

Therapeutische Massnahme statt Gefängnis

Sein Bewährungshelfer und seine (neue) Beiständin waren sich vor Gericht denn auch einig: Der Angeklagte braucht ein stabiles, vertrautes und vor allem stressarmes Umfeld. Weil dieses in dieser Art fehlte, habe es auch mit der Arbeitsintegration in einer geschützten Werkstatt nicht geklappt.

In den Alpsommer geht es für den Angeklagten nicht, aber auch nicht ins Gefängnis. Anklage und Verteidigung waren sich in ihren Anträgen weitgehend einig. Der Beschuldigte sollte wegen versuchter Erpressung schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden, deren Vollzug zu Gunsten einer ambulanten Massnahme aufzuschieben wäre. Die einzige Diskrepanz bestand in der Dauer der Haftstrafe: Sechs Monate forderte die Staatsanwaltschaft, vier Monate der Verteidiger. Dies jeweils unter Anrechnung der Untersuchungshaft von gut einem Monat.

Kosten im Umfang von fast 20'000 Franken

Im Urteil folgte der Richter vollumfänglich dem Antrag der Anklage. Der Verurteilte hat ersatzweise die Therapie im Ambulatorium Wil der Psychiatrie St.Gallen Nord fortzusetzen. Die Beistandschaft und Bewährungshilfe bleiben angeordnet. Ausserdem hat der Verurteilte die Termine bei der Berufsbeistandstandschaft und der Bewährungshilfe einzuhalten.

Die Kosten, die auf den Verurteilten zukommen, sind erheblich. Knapp 20'000 Franken wurden dem IV-Rentner auferlegt. Davon entfallen allein knapp 11'000 Franken auf die Aufwände im Zusammenhang mit der Strafuntersuchung. Wie der psychisch und physisch kranke Mann diese Summe je aufbringen soll, bleibt offen.