Waschmittel statt Schnee am Baum: Eine Degersheimerin erzählt von Weihnachten in Neuseeland

LaVerne Schweizer-Bösch aus Degersheim erzählt von Weihnachten in ihrem ehemaligen Heimatland Neuseeland.

Zita Meienhofer
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LaVerne Schweizer-Bösch ist in Neuseeland aufgewachsen. Die begnadete Akkordeonistin lebt nun seit fast 30 Jahren in der Schweiz.

LaVerne Schweizer-Bösch ist in Neuseeland aufgewachsen. Die begnadete Akkordeonistin lebt nun seit fast 30 Jahren in der Schweiz.

Bild: PD

In Springdale, auf der Nordinsel Neuseelands, ist LaVerne Schweizer-Bösch geboren und aufgewachsen. Während der Weihnachtszeit zeigt das Thermometer dort rund 25 Grad Celsius an. Die Sommerferien stehen an. Von Mitte Dezember bis Ende Januar haben die Kinder schulfrei. Die Familien verweilen während der Weihnachtszeit am Strand oder gehen wandern. Nichts von Schnee und kalter Jahreszeit. Und trotzdem: Auch in Neuseeland kommt Father Christmas auf dem Schlitten, kommt er durch den Kamin zu den Kindern, obwohl auf den Dächern nur dünne Rohre sind und kein Schnee liegt. «Als Kinder glaubten wir daran, es hatte etwas Magisches.» Die Weihnachtslieder handeln ebenso von Kälte und Schnee. «Das Klischee Schnee und Weihnachten war überall und uns Kindern gefiel das», sagt sie. Dieses Weiss, das wollten die Böschs ebenfalls am Baum haben.

«Wir haben deshalb ein Gemisch aus Waschmittel und Wasser auf die Äste aufgetragen.»

Weihnachtsbaum vom Strassenrand

Im Unterschied zu anderen Neuseeländern stand in Böschs Stube ein echter Baum, zwar keine Tanne, sondern ein Macrocarpa-Tree. Sie holten den zypressenartigen Baum nicht aus dem Wald, sondern schnitten ihn am Strassenrand ab. LaVerne Schweizer-Bösch erinnert sich, dass Böschs die einzige Familie gewesen war, die einen echten Baum hatte. Dies wohl deshalb, weil ihr Vater aus der Schweiz stammte. Mit 25 Jahren wanderte er nach Neuseeland aus, heiratete eine Einheimische und wurde Vater von vier Kindern. Der Baum wurde Anfang Dezember geschnitten und in der Stube platziert. Ihn zierten farbige Weihnachtsgirlanden und rot-weisse Zuckerstangen. Lametta oder Schoggi sei niemals daran gehangen. Ebenso gab es keine Krippe und auch keine Adventszeit. Einzig in den Einkaufsläden war die Stimmung seit Anfang Dezember weihnächtlich gestimmt. Da stand öfters der rundliche Father Christmas im roten Gewand und mit dem weissen Bart. Die Kinder durften sich auf seinen Schoss setzen und für ein Erinnerungsfoto ablichten lassen.

Den Weihnachtstag am Strand verbracht

Den Nikolaustag hat LaVerne Schweizer-Bösch in besonderer in Erinnerung. «Mein Vater war im Schweizer Club. Dort kam am 6. Dezember der Nikolaus.» Die Bösch-Kinder bekamen deshalb etwas vom Samichlaus, ein Haarspängeli oder etwas in dieser Art. «In Neuseeland kennen sie diesen Brauch nicht. Wir Kinder hatten deshalb überhaupt nicht begriffen, was das soll.»

In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember brachte Father Christmas die Geschenke.

«Solange wir Kinder daran glaubten, legte unser Vater die Geschenke unter den Baum».

Am Morgen wurde ausgepackt. Am Mittag gab es etwas Kaltes zu essen, meist Poulet. Wenn Besuch kam, dann waren es die Grosseltern mütterlicherseits, worüber sich LaVerne Schweizer-­Bösch stets sehr freute. «Meine Grossmutter brachte den Christmas-Cake, einen Kuchen, wie ihn die Engländer kennen.» Den Tag verbrachte die Familie am Strand oder bei einer Wanderung. Als die Kinder erwachsen wurden, waren sie mit Kollegen unterwegs. Sehr selten schauten sie sich die Christmas-Parade im Dorf an. Ein Umzug, der mit den Fasnachtsumzügen in der Schweiz verglichen werden kann: Firmen und Vereine organisieren einen Wagen mit entsprechendem Sujet und plärrender Musik. Den Abend verbrachte Familie Bösch meist bei der Familie vom Onkel, die nur fünf Minuten von ihrem Zuhause entfernt wohnte. «Ich kann mich so gut erinnern daran, weil es immer Pouletschenkel gab und meine Tante diese so gut zubereitete.»

Am 26. Dezember ist Boxing-Day, der Geschenkschachtel-Tag. Traditionell werden an diesem Tag die Bediensteten von ihren Arbeitgebern beschenkt. LaVerne Schweizer-­Bösch ist dieser Tag nicht in besonderer Erinnerung – nur der Name. «Wir hatten einen Landwirtschaftsbetrieb und konnten deshalb nicht längere Zeit von zu Hause fernbleiben.» Rege benutzt wurde in dieser Zeit hingegen der eigene Swimmingpool.

Pohutukawa, der blühende Weihnachtsbaum

Bei Familie Bösch hatte das Musizieren einen hohen Stellenwert. «Mutter war musikalisch, Vater hörte gerne Musik.» Deshalb erlernten die Kinder verschiedene Instrumente. LaVerne Schweizer-Bösch gehörte mit ihrem Bruder, ihrer Musiklehrerin und einem holländischen Geschwisterpaar einer Band an. Diese hatte während der Vorweihnachtszeit und an Weihnachten etliche Auftritte. «Wir spielten an einigen Orten, oft im Schweizer Club, allerdings spielten wir nie Weihnachtslieder».

Denkt LaVerne Schweizer-­Bösch an Weihnachten in Neuseeland, denkt sie auch an den Pohutukawa, ein Myrtengewächs mit roten Blüten. Der Baum ist immergrün, aber er schmückt sich passend zum Fest selbst. Im sommerlichen Neuseeland entfacht der Pohutukawa während der Weihnachtszeit seine Blütenpracht. Im Gegensatz zu unseren heimischen Weihnachtsbäumen sägt aber niemand den Baum ab und stellt ihn in die Wohnung.

Die Karte ist wichtig, nicht der Inhalt

Sehr wichtig ist LaVerne Schweizer-Bösch auch heute noch der Christmas-Letter. «Weihnachtskarten sind in Neuseeland ein grosses Ding», erklärt sie. Diese Tradition hat sie über all die Jahre beibehalten. Bereits zehn Christmas-Letter sind bei ihr angekommen – von Verwandten, Bekannten und Kolleginnen oder Kollegen. Auf diese Karten wird nicht viel geschrieben, wichtig sei die Karte selbst. LaVerne Schweizer-Bösch hält diese Tradition ebenfalls aufrecht. Etwa 25 Karten mit von Hand geschriebenen, persönlichen Sätzen verschickt sie ins Ausland. Die typischen Karten sind mit besonderen Motiven bedruckt wie Fotos oder Zeichnungen von Bäumen. Es gibt allerdings auch Karten mit lustigen Sujets: Eine Kiwi, der eine rote Zipfelmütze und Gummistiefel trägt.

Zur Person

Zur Person LaVerne Schweizer-Bösch (48) ist in Springdale (Neuseeland) aufgewachsen. Mit 18 Jahren hat sie mit ihrem Vater, einem gebürtigen Schweizer, erstmals dessen Heimatland besucht. Ein Jahr später, 1991, packte sie einige Kleider in ihren Rucksack, nahm ihr Akkordeon und reiste in die Schweiz. Ihr gefiel es. Sie blieb, arbeitete in der «Konservi» in Bischofszell und melkte die Kühe ihrer Gastfamilie. Für diese holte sie die Rinder im Engadin ab und traf dort auf ihren künftigen Ehemann, der ebenfalls seine Rinder wieder ins Unterland brachte. LaVerne Schweizer-­Bösch ist Mutter eines erwachsenen Sohns. Gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet sie in Degersheim einen Landwirtschaftsbetrieb und ist als begnadete und talentierte Akkordeonistin öfters zu hören. (zi)

Während der Adventszeit erscheinen Texte unter dem Titel: «Wie wird Weihnachten im ehemaligen Heimatland gefeiert.» Personen von anderen Kontinenten erzählen von den Bräuchen und Traditionen aus dem Land, in dem sie aufgewachsen sind.

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