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Glosse

Was wäre, wenn Tell und Gessler sich versöhnt hätten?

1993 ging das Schweizer Volk an die Urne, um darüber abzustimmen, ob der 1. August als arbeitsfreier Tag in der Bundesverfassung verankert werden solle. Knapp 84 Prozent des Stimmvolkes sagten damals «Ja» – und sorgten so für den mehr oder weniger glücklichen Umstand, dass wir, oder zumindest die meisten von uns, den morgigen Nationalfeiertag in Form irgendeiner Festivität statt im Büro verbringen dürfen.
Claudio Weder
Was wäre, wenn Gessler im Abendglühn seinem Freund Tell an der Wirtshaustheke mit einem Bierhumpen zugeprostet hätte? (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Was wäre, wenn Gessler im Abendglühn seinem Freund Tell an der Wirtshaustheke mit einem Bierhumpen zugeprostet hätte? (Bild: Urs Flüeler/Keystone)

Den restlichen 16 Prozent der Stimmbürger könnte man nun zu Recht einen latenten Hang zum Anti-Patriotismus vorwerfen, war ihnen der Nationalfeiertag offenbar nicht würdig genug, um in den Kreis der hochrangigsten Feiertage aufgenommen zu werden. Noch lieber hätten sie wohl an jenem Sonntag die Abschaffung des 1. Augustes, wenn nicht gleich die Abschaffung der Eidgenossenschaft besiegelt gesehen.
Abschaffen, nein: ausschaffen, sollte man diese Landesverräter, Anti-Eidgenossen und schamlosen Verachter der Cervelat-Kultur, die auch ein Vierteljahrhundert nach der besagten Abstimmung noch unter uns wandeln, auf unsere Traditionen pfeifen und wohl auch dem britischen «Telegraph» Beifall spenden würden, der im Rahmen der Fussball-WM unsere hochkarätige Nationalhymne, diese Zeilen aus Gold, als gruselig bezeichnet hatte.

Wenn wir uns aber auf die historischen Tatsachen berufen, erscheint das Fest, das wir jeden 1. August zu Ehren unseres hehren Vaterlandes steigen lassen, tatsächlich etwas übertrieben. Was feiern wir denn eigentlich am 1. August? Bestimmt nicht die Geburt von Heidi oder den geglückten Apfelschuss von Wilhelm Tell, wie manch fromme – und naive – Schweizerseele ahnen mag. Der eigentliche Grund, weshalb am 1. August tonnenweise Feuerwerkskörper in die lichten Räume des Himmels geschossen werden, ist bedauerlicherweise ziemlich unspektakulär.

Wenn am 1. August wenigstens die Eidgenossenschaft in einem aufsehenerregenden Akt gegründet worden wäre, könnte man den ganzen Jubel und Trubel ja noch verstehen. Doch dem war leider nicht so.

Der 1.-August-Kult geht zwar durchaus auf das sagenumwobene Jahr 1291 zurück. Doch wirklich gegründet wurde die Eidgenossenschaft damals nicht. Und schon gar nicht von drei bärtigen Alpöhis, die auf dem Rütli ihre Finger zusammenstreckten. So gleicht auch der Inhalt des Bundesbriefes, der Anfang August 1291 von Uri, Schwyz und Unterwalden aufgestellt wurde, mehr einem Treueversprechen in Kriegszeiten als der Gründung eines neuen Staatswesens.
Und gerade diesen Bundesbrief, dieses vermeintliche Gründungsdokument der Schweizer Eidgenossenschaft, nahm der Bundesrat im Jahr 1899 zum Anlass, den Nationalfeiertag auf den 1. August festzulegen. Mit welcher Berechtigung? Genauso gut hätte er sich auf den Brief von Brunnen, datiert auf den 9. Dezember 1315, berufen können. So würden wir heute den Nationalfeiertag im Winter feiern, mit Punsch und Glühwein.

Was feiern wir also? Nichts weiter als einen Mythos. Da ein Mythos eben ein Mythos ist, und als solcher stets Raum zur individuellen Gestaltung lässt, sollten wir dies zum Anlass nehmen, einen neuen Gründungsmythos zu erfinden, einen, der das ausgelassene Feiern am 1. August zumindest ein Stück weit rechtfertigt.
Warum ist der 1. August eigentlich kein Gedenktag an die Blutsbrüderschaft zwischen Tell und Gessler? Stellen wir uns vor, Wilhelm Tell hätte damals, als er in der Hohlen Gasse auf den habsburgischen Tyrannen wartete, seine Mordgelüste auf einmal abgelegt, und sich stattdessen in eine Kneipe gesetzt. Gessler jedoch, dieser vielbeschäftigte Mann, hätte auf sich warten lassen. Erst im Morgenrot, als der Alpenfirn sich langsam rötete, wäre er daher geritten. Im wilden Sturm durch die hohle Gasse rauschend, hätte er beinahe seinen Freund Tell übersehen, der, noch immer berauscht vom Abendglühn der letzten Nacht, an der Theke gesessen und ihm mit einem noch halb vollen Bierhumpen zugeprostet hätte: «Dich habe ich gesucht, du Hocherhabener, Herrlicher!» Im alkoholgeschwängerten Wahn hätten sich die beiden Urgesteine schliesslich das gegenseitige, ewig währende Treueversprechen gegeben: «Lass uns kindlich uns vertrauen – und verbrüdern!»

Zugegeben, diese Version hinkt ein wenig. Hätte sich Tell tatsächlich mit Gessler verblutsbrüdert, hätte sich die Schliessung des Bundes der Eidgenossen gegen die habsburgischen Vögte erübrigt. Es wäre nie zum Rütlischwur gekommen, und die Schweiz wäre nie «gegründet» worden. Folglich gäbe es keinen 1. August. Wie schade.

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