Was noch gebraucht werden kann, wird repariert

Vor über einem Jahr habe ich bereits über die Handwerker in Ägypten berichtet. Damals war ich fasziniert von den Schreinern und Nähern, welche in den Strassen von Manasra Möbel anfertigen. Ebenfalls habe ich den Bau eines Gebäudes beschrieben, den ich von meinem Küchenfenster aus beobachtet habe.

Lucienne Suter
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Blick in den Betrieb eines Schuhmachers in Kairo. (Bild: Lucienne Suter)

Blick in den Betrieb eines Schuhmachers in Kairo. (Bild: Lucienne Suter)

Vor über einem Jahr habe ich bereits über die Handwerker in Ägypten berichtet. Damals war ich fasziniert von den Schreinern und Nähern, welche in den Strassen von Manasra Möbel anfertigen. Ebenfalls habe ich den Bau eines Gebäudes beschrieben, den ich von meinem Küchenfenster aus beobachtet habe. Dies tue ich übrigens noch immer. Das neunstöckige Gebäude, für das die Handwerker im Januar 2014 mit dem Aushub begonnen hatten, ist mittlerweile fast fertig erstellt.

Ich erinnere mich daran, dass bereits der Aushub praktisch von Hand erfolgte, mit Spaten und einem Metallrohr, welches als Bohrer verwendet wurde und dazu von mehreren Männern im Kreise gedreht wurde. Für das gesamte Gebäude wurde ohnehin nur eine Maschine verwendet: ein Betonmischer. Der Beton wurde übrigens stets nachts gegossen, weil tagsüber die Temperaturen zu heiss sind und so der Beton austrocknen und rissig werden würde.

Besonders spektakulär war für mich die Arbeit des Abriebs und des Malens der Aussenwand des Gebäudes. Dazu wurde ein Gerüst aus relativ dünnen Holzlatten gebaut, welche mit Textilbändern aneinander geknüpft wurden. Auf diesen circa 20 Zentimeter breiten Latten sassen die Maler ganz entspannt – rund 20 Meter über dem Boden –, selbstverständlich ohne Sicherung und mit Flip Flops an den Füssen. Während sie jeweils ein Schwätzchen hielten mit irgendeinem Nachbar, der gerade aus dem Fenster schaute, tauchten sie unbeirrt ihre Pinsel in den Farbtopf und strichen die Fassade. Ab und zu nippten sie an ihrem Tee, der auf der Holzlatte ebenfalls nicht fehlen darf. Nach fast zwei Jahren ist das Gebäude nun fertig – zumindest das Äussere. Die zwei Gebäudeseiten zur Strasse sind mit eleganten Verzierungen versehen. In diesem Gebäude werden wohl bald Versicherungsbüros, Schönheitssalons und teure Boutiquen eröffnet, in welche diese einfachen Handwerker wohl niemals einen Fuss setzen werden.

Die Handarbeit ist sehr günstig in Ägypten. Während massenproduzierte Produkte von Ikea hier eher teuer sind, werden handgemachte Möbel aus Massivholz zu einem Bruchteil des Preises angeboten. Überall findet man Schuhmacher, Schmiede, Schreiner und Näher. Weggeworfen wird kaum etwas. Was man noch brauchen kann, wird repariert. Egal, was kaputt ist, ob Kleider, Schuhe, Taschen oder Haushaltsgeräte, ich bringe alles zu diesen Handwerkern. Ich bewundere die Arbeiter, die ihr Handwerk bestimmt über Generationen von ihren Vätern gelernt haben. Gerade in unserer heutigen Wegwerfgesellschaft sollten wir uns ein Beispiel an ihnen nehmen.

Lucienne Suter aus Wil lebt in Kairo. Für die Wiler Zeitung berichtet die 26-Jährige über Erlebnisse in der ägyptischen Hauptstadt.

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