Was dieser Wiler Meister des Wing Tsun mit Bruce Lee gemeinsam hat

Mit 39 Jahren ist Samuel Lutz vor kurzem zum Meister des Wing Tsun ernannt worden.

Christof Lampart
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Samuel Lutz in seinem Dojo in Wil.

Samuel Lutz in seinem Dojo in Wil.

Bild: Christof Lampart

Ein Schläger war der in Degersheim aufgewachsene, heutige Physiotherapeut und Wing-Tsun-Meister noch nie. Und er wollte es auch nicht damals sein, als er in der Schule gemobbt wurde. «Ich suchte für mich nach einer Möglichkeit, die es mir erlaubte, mir potenzielle Angreifer mit Nachdruck vom Leib zu halten – und zwar im Idealfall, ohne dabei kämpfen zu müssen», erinnert sich Samuel Lutz gelassen in seinem Dojo, welchen er in Wil im gleichen Gebäude wie das M-Fit-Fitnessstudio betreibt.

Seitdem hat Lutz, den seine Schülerinnen und Schüler jetzt eigentlich mit dem ehrenvollen Titel «Sifu» (chinesisch für «väterlicher Meister») anreden müssten, eine weite Strecke auf dem Weg zur Meisterschaft als Kampfkunstexperte zurückgelegt. Nicht nur bezüglich der reinen Techniken, sondern auch hinsichtlich der Verinnerlichung der dem Wing Tsun zugrunde liegenden Philosophie. «Für mich ist Wing Tsun der Weg, auf dem ich meine eigene Persönlichkeit schulen konnte; es ist mir ein Achtsamkeitstraining im Alltag», streicht Lutz im Gespräch die Bedeutung des Wing Tsun für sich selbst heraus.

Ein Meister seiner Kampfkunst

Auf den Meistergrad arbeitete Lutz zielstrebig hin. «Als ich mit Wing Tsun anfing, sagte ich mir, dass ich mit 40 Jahren Meister sein möchte. Dieses Ziel war für mich etwas ganz Besonderes. Das mag jetzt zwar für viele Schweizer nicht gerade sehr spektakulär klingen, aber mit diesem Grad bin ich in China eine Respektsperson».

Zur Erklärung: Im Wing Tsun sind die Grade 1 bis 4 den Lehrern, die Grade 5 bis 8 den Meistern und die Grade 9 und 10 den Grossmeistern vorbehalten. Samuel Lutz hat jüngst den fünften Grad erreicht und ist somit einer von nur 160 Europäern, die sich Wing-Tsun-Meister nennen dürfen.

In den vergangenen rund zehn Jahren stand für Samuel Lutz, nebst dem Unterrichten und dem stets immer noch eigenen Unterrichtetwerden, jedoch noch ein weiteres Anliegen im Fokus: die Verknüpfung von Kampfkunst und Physiotherapie. «Für mich ist das eine untrennbar mit dem anderen verbunden. Beide Bereiche profitieren voneinander, bringt doch Wing Tsun Körper und Geist harmonisch in eine Balance, geht es doch bei dieser Kampfkunst vor allem darum, ohne Widerstand mit Kräften umgehen zu können», erläutert Lutz. Unterrichtet wurde Samuel Lutz von Grossmeister Giuseppe Schembri und Grossmeister Keith R. Kernspecht. Der Kämpferstammbaum von Letzterem lässt sich bis zu Yip Man zurückverfolgen – dem Lehrmeister von Bruce Lee.

Ein Schüler im fünften Meistergrad

Im Wing Tsun wird viel auf Traditionen gegeben, und nicht zuletzt auch auf einen so glorreichen Kämpfer-Stammbaum. Trotzdem bildet sich Samuel Lutz mitnichten ein, jetzt schon alles erreicht zu haben: «Mir ist es nach wie vor wichtig, selbst Schüler zu sein; Schüler im fünften Meistergrad».

Dass ihn seine Schüler jeglichen Alters mit Vornamen anreden, ist Samuel Lutz deshalb lieb und recht. Nichtsdestotrotz ist es ihm ein persönliches Anliegen, im eigenen Unterricht seinen Schülerinnen und Schüler echte Werte weiterzuvermitteln – wobei es ihm primär nicht um die Einhaltung eines traditionellen Hierarchiedenkens geht. «Ich möchte vielmehr die philosophischen Grundlagen und somit die ethischen Werte transportieren, die in unserer schnelllebigen Gesellschaft immer mehr auf der Strecke bleiben. Das ist für mich heute die Motivation, um nach wie vor begeistert mit Wing Tsun weiterzumachen», sagt Lutz.