Was aus dem Vormund geworden ist

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb steht immer wieder in der Kritik. Um die Berufsbeistandschaften hingegen bleibt es meist ruhig. Das hat seine Gründe, wie ein Blick auf die Regionale Berufsbeistandschaft Bezirk Münchwilen zeigt, die zugleich ein Sonderfall ist.

Hans Suter
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Das Wohl der Mandanten zum Ziel: RBBM-Geschäftsführer Dario Schlegel lobt die Zusammenarbeit mit Kesb, Trägerverein und Gemeinden. (Bild: Hans Suter)

Das Wohl der Mandanten zum Ziel: RBBM-Geschäftsführer Dario Schlegel lobt die Zusammenarbeit mit Kesb, Trägerverein und Gemeinden. (Bild: Hans Suter)

REGION. Menschen in besonderen Situationen, die nicht mündig waren (bis 18 Jahre) oder als nicht urteilsfähig beurteilt wurden, erhielten in der Vergangenheit einen Vormund. Zuständig war die Vormundschaftsbehörde der Wohngemeinde. In der Volksmeinung galten bevormundete Personen mangels besseren Wissens lange Zeit als nicht ernst zu nehmend.

Grosse Veränderungen

In den vergangenen Jahren hat sich im Vormundschaftswesen viel verändert. An die Stelle einstiger Vormunde sind Berufsbeistände getreten. Menschen, die der Hilfe bedürfen, erfahren heute in vielen Fällen eine noch zielgerichtetere und professionellere Unterstützung als früher. Ursprung dieser Veränderung ist eine Änderung in der nationalen Gesetzgebung. Am 1. Januar 2013 wurden die Vormundschaftsbehörden in der ganzen Schweiz durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) abgelöst. Die Kesb sind für zahlreiche Aufgaben in den Bereichen Vormundschaft, Beistandschaft, Kindesschutzmassnahmen, elterliche Sorge und Obhut, Adoption, Erwachsenenschutz und Ähnliches mehr zuständig.

Beispiel: Bezirk Münchwilen

Viele Gemeinden sind zu klein, um eine professionelle Beistandschaft zu gewährleisten. Deshalb haben sich viele von ihnen mit anderen Gemeinden zusammengeschlossen oder beziehen Leistungen von der Berufsbeistandschaft einer grösseren Gemeinde oder einer Stadt. Ein Sonderfall im Kanton Thurgau ist der Bezirk Münchwilen. Hier haben alle 13 Gemeinden den Verein «Regionale Berufsbeistandschaft Bezirk Münchwilen» (RBBM) gegründet und nehmen die entsprechenden Aufgaben gemeinsam wahr. Bereits vor der Gründung der Kesb erfüllten mehr als ein halbes Dutzend Gemeinden im südlichen Thurgau die vormundschaftlichen Belange gemeinsam. Geschäftsführer der RBBM ist Dario Schlegel. Ihm steht an den zwei Standorten Sirnach und Aadorf ein Team von zehn Berufsbeiständinnen und -beiständen sowie acht Mitarbeitende in den Bereichen Sachbearbeitung und Buchhaltung zur Seite.

466 Mandate in 13 Gemeinden

Die RBBM betreut in den 13 Gemeinden mit 44 860 Einwohnerinnen und Einwohnern 466 Mandate. Statistisch bedarf somit eine Person pro 100 Einwohner einer Hilfe der Berufsbeistandschaft. Gemäss Zivilgesetzgebung (ZGB) wird unterschieden in Begleitbeistandschaft, (niederschwelligste Form Vertretungsbeistandschaft, Mitwirkungsbeistandschaft, Kombination von Beistandschaften und umfassende Beistandschaft (einschränkendste Form). Die Entscheidung, wer einen Beistand benötigt, welcher Art diese sein soll und welche Person ernennt wird, entscheidet die Kesb. Die Berufsbeistandschaft hat nur ausführende Wirkung und legt der Kesb im Rhythmus von zwei Jahren einen Bericht mit Rechnungsabschluss vor.

Grosse Unterschiede

Die Kosten für die Beistandschaften trägt der Steuerzahler. Die Mandanten selber können je nach Einkommens- und Vermögenssituation mit einer Gebühr von 1400 bis 4000 Franken für zwei Jahre belastet werden. Auf den ersten Blick auffallend ist im Bezirk Münchwilen, wie gross die Unterschiede der Klientenzahl im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist. Aadorf mit 8555 Einwohnern hat aktuell 54 Mandate, Sirnach mit 7496 Einwohnern das Doppelte (109). Augenfällig sind auch Braunau mit nur drei Mandaten (755 Einwohner) und Rickenbach mit 51 Mandaten (2715 Einwohner).

Auf den zweiten Blick lassen sich diese grossen Unterschiede aber erklären. RBBM-Geschäftsführer Dario Schlegel hat in der jüngeren Vergangenheit die Klientenzahl mit der Sozialhilfequote verglichen. «Dabei hat sich eine weitgehende Übereinstimmung gezeigt.» Die entstehenden Kosten von rund zwei Millionen Franken tragen die Gemeinden: 50 Prozent werden auf alle Gemeinden nach Einwohnerzahl verteilt, 50 Prozent der Kosten werden den Gemeinden entsprechend ihrer Mandate in Rechnung gestellt.