Warum gibt es weniger Geld?

Viele Sparer stellen fest, dass ihr prognostiziertes Alterskapital in der Pensionskasse viel tiefer ist als noch vor 20 Jahren. Obwohl sie fortwährend einbezahlt haben. Was läuft da schief? Experte Marcel Berlinger gibt Antworten.

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Marcel Berlinger wirft auch im Ruhestand gerne mal einen Blick auf die Börsenseite in der Zeitung. (Bild: hs.)

Marcel Berlinger wirft auch im Ruhestand gerne mal einen Blick auf die Börsenseite in der Zeitung. (Bild: hs.)

Herr Berlinger, vergleicht man den Versicherungsausweis beispielsweise der Jahre 1990 und 2012, fällt auf, dass das künftige Altersguthaben deutlich kleiner geworden ist. Weshalb?

Marcel Berlinger: Das liegt an der Verzinsung. Anfänglich lag der Mindestzins bei 4,0 Prozent, heute beträgt er noch 1,5 Prozent. Finanziert wird die Pensionskasse bekanntlich durch Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge. Es gibt noch einen dritten Beitragszahler: den Zins. In Tiefzinsphasen, wie wir sie seit geraumer Zeit haben, fällt das gehörig ins Gewicht.

Wie sicher ist das Geld in unseren Pensionskassen?

Berlinger: So sicher, wie die Finanzwirtschaft sein kann. Die Betreuer tun ihr Bestes, das angesparte Kapital – sprich Altersguthaben – zu vermehren.

Und das bedeutet konkret?

Berlinger: Die aktuelle Tiefzinslage erschwert die Arbeit. Mehr Rendite bedeutet mehr Risiko. Bedenkt man, dass das Altersguthaben mit einem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestsatz von gegenwärtig 1,5 Prozent verzinst werden muss und im Gegenzug mündelsichere Anlagen wie Obligationen nur 1,0 Prozent abwerfen, wird schnell ersichtlich, dass noch andere Anlagen wie Aktien, Immobilienfonds und weiteres beigemischt werden müssen.

Wie hoch muss die Sollrendite ausfallen, um die Zukunft der Pensionskassen und damit der Altersguthaben langfristig zu sichern?

Berlinger: Dieser Wert wird jährlich neu berechnet. Aktuell wird von einer Sollrendite von etwa drei Prozent ausgegangen. Nebst der Mindestverzinsung von 1,5 Prozent muss die Pensionskasse Rückstellungen bilden können, um ihren späteren Verpflichtungen nachkommen zu können.

Und die Verwaltungskosten?

Berlinger: Diese müssen separat einverlangt werden. Es ist nicht erlaubt, diese Kosten aus der Rendite des anvertrauten Pensionskapitals zu finanzieren.

Wie wird die zu erbringende Rendite heute erwirtschaftet?

Berlinger: Um das gleich klarzustellen: Anlagemanagement ist Risikomanagement. Es braucht ein aktives Portfoliomanagement, das sich nicht einfach auf vergangenheitsbezogene Renditen abstützt, sondern die Zukunftsaussichten einschätzen kann. Die Verantwortlichen bei den Pensionskassen oder die von den Pensionskassen beauftragten Portfoliomanager müssen also die Risiken hinter den Anlagen beurteilen und Anlageentscheide fällen.

Die Schweiz hat die Vorsorge auf einem Drei-Säulen-Prinzip aufgebaut. Welche Funktion kommt darin der Pensionskasse zu?

Berlinger: Die erste Säule ist die AHV und dient der Existenzsicherung. Die zweite Säule ist die berufliche Vorsorge, also die Pensionskasse. Sie sichert in Ergänzung zur ersten Säule die Lebenshaltungskosten. Die dritte Säule ist die Selbstvorsorge und im Gegensatz zu den anderen Säulen freiwillig. Die dritte Säule dient dem Ziel, Vorsorgelücken zu schliessen und den gewohnten Lebensstandard zu erhalten.

Wer vor der Pensionierung steht, wird mit der Frage konfrontiert: Pensionskassenkapital auszahlen lassen oder Rente beziehen? Wie lautet Ihre Empfehlung?

Berlinger: Das lässt sich nicht generell beantworten, weil es stark von den persönlichen Verhältnissen abhängig ist. In der Praxis zeigt sich, dass ein Mix aus Rente und Einmalzahlung immer beliebter wird.

Aus welchen Gründen?

Berlinger: Weil vereinfacht gesagt folgender Formel nachgelebt wird: Den Tagesbedarf (Krankenkasse, Wohnen, Essen, Kleider usw.) über die Rente finanzieren, besondere Dinge (Auto, Reisen usw.) über den Kapitalbezug.

Welche Lösung haben Sie gewählt?

Berlinger: Genau diesen Mix.

Interview: Hans Suter

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