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Wandelnde in Welt und Worten

Im Ärztezentrum Flawil bildet sie Fachkräfte aus, in Südafrika betreute sie Analphabeten, an der HSG vermittelte sie Bücher in die Welt. Jetzt öffnet Irmgard Carpanese ein neues Kapitel: Sie wird Präsidentin der Gemeindebibliothek Flawil.
Mario Fuchs
Liest am liebsten Belletristik und Bücher, aus denen Theaterstücke entstanden: Irmgard Carpanese. (Bild: Mario Fuchs)

Liest am liebsten Belletristik und Bücher, aus denen Theaterstücke entstanden: Irmgard Carpanese. (Bild: Mario Fuchs)

FLAWIL. Einst erklärte sie die Welt mit Büchern – ab Montag erklärt sie die Welt von Büchern: Irmgard Carpanese. Nicht unschuldig daran ist ihr Bruder. Denn wenn der Bruder im Gemeinderat sitzt, kann das Folgen haben. In diesem Fall heisst er Erwin Thalmann – und dieser suchte Ersatz für das Präsidium des Vereins Gemeindebibliothek Flawil. «Vor einem Jahr fragte er mich zum ersten Mal. Da konnte ich mir das aber noch überhaupt nicht vorstellen», sagt Irmgard Carpanese. Simone Zwingli hatte im Vorfeld der HV 2012 ihren Rücktritt eingereicht, derzeit wird der Verein interimistisch von Barbara Tigges präsidiert. Doch Irmgard Carpanese ist, das merkt man bald, keine, die in schwarz und weiss denkt. Für sie gab es deshalb nicht per sofort ein Ja oder Nein, sondern ein «schauen wir doch mal». Sie sagt: «Ich bin Stammkundin in der Bibliothek, hatte aber keine Ahnung, wie der Verein funktioniert. Aber das kann man ja lernen.»

Neun Jahre in Südafrika

So erklärte sich die 52-Jährige 2013 bereit, sich für ein Jahr in den Vorstand wählen zu lassen – als Beisitzerin, ohne Aufgabe, quasi zum Schnuppern. Dann benötigte die Bibliothek eine neue Mitarbeiterin, Irmgard Carpanese hatte damit ihre erste Aufgabe. Die Rekrutierung fiel ihr, die im Ärztezentrum Flawil für die Rekrutierung der Lernenden mitverantwortlich ist, leicht, machte ihr sogar Spass.

Jetzt ist das Jahr als Beisitzerin um, und Irmgard Carpanese wird am Montag an der Hauptversammlung (19.30 Uhr in der Bibliothek) als neue Präsidentin des Vereins Gemeindebibliothek Flawil vorgeschlagen. Sie geht's gelassen an, freut sich auf die Herausforderung. Nur etwas zeichnet noch sanfte Sorgenfalten in ihr Gesicht: «Ich rede einfach nicht gerne vor Leuten.»

Ganz fremd ist ihr Vorstandsarbeit nicht. Im Ökorama an der Enzenbühlstrasse, wo Familie Carpanese eines der ökologisch gebauten Reihenhäuser bewohnt, ist sie für die Kasse der Genossenschaft zuständig. Dieses Amt wird sie im Mai abgeben.

Die gebürtige Bettenauerin öffnet damit nicht zum ersten Mal ein neues, spannendes Kapitel. Nach der Ausbildung zur Arztgehilfin war sie mit ihrem Mann Markus, der bei der Bühler AG als Spezialist für Müllereimaschinen arbeitet, nach Südafrika gezogen. Während er am Bühler-Standort in Johannesburg arbeitete, betreute sie für eine Nichtregierungsorganisation erwachsene Analphabeten. «Wir gingen mit ihnen auf die Post, zeigten, wie man Geld überweist», erzählt Irmgard Carpanese. Neun Jahre verbrachte sie insgesamt am Kap. Zwischendurch musste ihr Mann für ein Jahr zurück in die Schweiz, um sich weiterzubilden. Sie arbeitete währenddessen in St. Gallen an einem HSG-Institut und befasste sich ein zweites Mal vertieft mit Wörtern, mit Büchern: Sie besorgte Fachliteratur über Lateinamerika und vermittelte diese in die ganze Welt.

Familienglück gefunden

In Südafrika fanden Carpaneses nicht nur Arbeit und Horizonterweiterung, sondern auch ihr Familienglück: Sie adoptierten zwei Kinder. Kurz nach Ende der Apartheid sei es in den Strassen Johannesburgs kein selbstverständliches Bild gewesen, wenn eine weisse Mutter mit zwei schwarzen Kindern einkaufen ging. «Wir gehörten zur ersten Gruppe, denen eine <transracial adoption> erlaubt war. Das war eine spannende Zeit.»

1995 kehrte die Familie definitiv zurück in die Schweiz. Sie zog nach Flawil, wo bereits Bruder Erwin Thalmann wohnte, und wo man im Ökorama ein passendes Zuhause gefunden hatte. Für grosse Freude in der Familie sorgte zudem die Geburt eines leiblichen Kindes.

«Team ist wahnsinnig engagiert»

Wenn sie selbst lese, sagt Irmgard Carpanese, sei es Belletristik. Regelmässig trifft sie sich zudem in einer Lesegruppe: «Wir wählen jedes Jahr ein Stück aus, das am Theater St. Gallen gespielt wird. Wir lesen das Buch und schauen uns danach die Vorstellung an.» Die Gemeindebibliothek Flawil wähnt sie in einem sehr guten Zustand. Das Team sei «sehr engagiert», der Betrieb laufe gut. Einzig der Platz sei ein Problem: «Wir haben derzeit viel zu wenig davon.» Zwar sei der Standort im Bezirksgebäude an der Bahnhofstrasse ideal, aber allenfalls könne man die Einrichtung noch optimieren. Sehr wichtig ist ihr auch, die Bibliothek «endlich rollstuhlgängig zu machen»: Zum Eingang führt eine Treppe, eine Rampe fehlt bislang.

Einst erklärte sie die Welt mit Büchern – ab Montag erklärt sie die Welt von Büchern. Ein neues Kapitel, das noch geschrieben werden muss.

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