Wahlen lösen in Wil ein politisches Erdbeben aus: Fast kein Stein bleibt auf dem anderen

Hans Mäder ist der neue Wiler Stadtpräsident. Von den Bisherigen schafft einzig SP-Stadtrat Dario Sulzer die Wiederwahl.

Gianni Amstutz
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Sie bilden für die nächsten vier Jahre die Wiler Stadtregierung (von links): Ursula Egli (SVP), Andreas Breitenmoser (parteilos), Stadtpräsident Hans Mäder (CVP), Dario Sulzer (SP) und Jigme Shitsetsang (FDP).

Sie bilden für die nächsten vier Jahre die Wiler Stadtregierung (von links): Ursula Egli (SVP), Andreas Breitenmoser (parteilos), Stadtpräsident Hans Mäder (CVP), Dario Sulzer (SP) und Jigme Shitsetsang (FDP).

Bild: Hans Suter

Es kommt zum grossen Umsturz im Wiler Stadtrat. Von den vier Bisherigen schafft einzig Dario Sulzer (SP) die Wiederwahl. Daniel Meili (FDP), Jutta Röösli (parteilos) und Daniel Stutz (Grüne Prowil) wurden abgewählt.

An ihrer Stelle ziehen Jigme Shitsetsang (FDP), Andreas Breitenmoser (parteilos) und Ursula Egli (SVP) neu in den Stadtrat ein. Keine Änderungen, was die Parteifarben angeht, gibt es an der Spitze der Stadt Wil: Hans Mäder verteidigt den Sitz, der seit dem Wechsel von Susanne Hartmann in die St.Galler Kantonsregierung offen war, für die CVP.

Hans Mäder mit über 2000 Stimmen Vorsprung gewählt

Hans Mäder setzt damit die Tradition fort, wonach in Wil die CVP das Stadtpräsidium besetzt. Mit dem Eschliker Gemeindepräsidenten erhält die Stadt Wil einen Politiker mit Erfahrung in der Führung einer Gemeinde.

Seine Wahl war absehbar. Bereits nach dem ersten Wahlgang hatte Mäder einen Vorsprung von über 700 Stimmen auf seinen ersten Verfolger, SP-Stadtrat Dario Sulzer. Diesen Vorsprung konnte Mäder nun sogar ausbauen. Er machte 4331 Stimmen, also rund 2000 mehr als Sulzer.

Das zeigt, dass Mäder erwartungsgemäss stärker vom Rückzug der zwei bürgerlichen Kandidaturen profitieren konnte. Einen Grossteil der Stimmen, die im ersten Wahlgang an FDP-Stadtrat Daniel Meili und den parteilosen Oliver Baumgartner gingen, konnte sich Mäder sichern.

Auch die Wahl in den Stadtrat schaffte Mäder mit dem besten Ergebnis locker. Der Verzicht der FDP aufs Stadtpräsidium habe ihm sicher in die Karten gespielt.

Im Hinblick auf die grossen Veränderungen im Stadtrat sagt Mäder:

«Die Wählenden haben ihren Wunsch nach einem Neustart deutlich zum Ausdruck gebracht.»

Es tue ihm leid für die Abgewählten. Die Wahl sei eine Zäsur für die Stadt und der Stadtrat müsse sich jetzt erst einmal finden. «Das wird nicht ganz einfach sein, aber wir packen das mit Elan an.»

Sulzer nimmt Niederlage sportlich

Der unterlegene Dario Sulzer gratulierte Hans Mäder zur Wahl. Seine Chancen seien als Linker in Wil klein gewesen. «Ein linker Stadtpräsident wäre ein historisches Ereignis gewesen.» Da müsse man realistisch sein. Die Enttäuschung halte sich deshalb in Grenzen.

Sulzer verfehlte zwar die Wahl als Stadtpräsident relativ deutlich, bei den Stadtratswahlen schnitt der SP-Politiker – vor allem im Verhältnis zu seinen Ratskollegen – gut ab.

Mit 3666 Stimmen erreichte er das viertbeste Resultat und schaffte die Wiederwahl. Darüber freue er sich, sagte Sulzer. Dies umso mehr, als dass die Abwahl von drei Bisherigen gezeigt habe, dass eine Wiederwahl keine Selbstverständlichkeit sei.

Erklärungsversuche für das schlechte Abschneiden seiner Ratskollegen hatte Sulzer nicht parat.

«Ich weiss nicht genau, was zwischen dem ersten und dem zweiten Wahlgang passiert ist, das dieses Resultat erklären könnte.»

Als einzig Bisheriger sieht sich Sulzer in einer besonderen Funktion, mehr Verantwortung im Gesamtstadtrat zu übernehmen. Deshalb, und um eine gewisse Kontinuität zu gewährleisten, gehe er davon aus, dass er weiter das Sozialdepartement führen werde.

Wahlerfolg mit einem Wermutstropfen

Hocherfreut über seine Wahl, die er mit dem zweitbesten Ergebnis schaffte, zeigte sich FDP-Stadtparlamentarier und -Kantonsrat Jigme Shitsetsang.

«Als Neuer das zweitbeste Resultat zu erreichen, ist nicht selbstverständlich.»

Er sehe das als Wertschätzung der Bevölkerung für seine bisherige Arbeit in der Stadt und im Kanton. Die Abwahl seines Parteikollegen Daniel Meili bezeichnete Shitsetsang als Wermutstropfen. «Es tut mir sehr leid für ihn, hat er sein Departement doch eigentlich sehr gut geführt.»

Dass gleich drei amtierende Stadträte abgewählt worden seien, müsse wohl als Zeichen gedeutet werden, dass sich die Bevölkerung einen Wechsel in der Regierung gewünscht habe. Ausserdem seien alle Neukandidierenden in Wil gut vernetzt und bekannt.

Bezüglich der Ressortverteilung sei es noch zu früh für klare Aussagen. Er spienzle aber nicht aufs Sozialdepartement von Dario Sulzer, sagte der Amtsleiter des Gossauer Sozialdepartements. Im Hinblick darauf, dass Dario Sulzer der einzig verbliebene Bisherige in der neuen Regierung sei, erachte er eine gewisse Kontinuität als wichtig.

Ein politischer Newcomer im Stadtrat

Mit Andreas Breitenmoser, dem ehemaligen Geschäftsführer des Finn- shop, schaffte auch ein politischer Newcomer auf Anhieb die Wahl in den Stadtrat. Auf ihn entfielen 3807 Stimmen, womit er sich auf Rang 3 klassierte.

Er machte damit im Vergleich zum ersten Wahlgang einen grossen Sprung nach vorne. «Damit habe ich wirklich nicht gerechnet», sagte ein überraschter und erfreuter Andreas Breitenmoser. Sein gutes Abschneiden führt er darauf zurück, dass er sein Profil und seinen Auftritt nach dem ersten Wahlgang nochmals deutlich geschärft habe.

«Personen, die mich persönlich nicht kannten, konnten mich zu wenig einordnen.»

Diese Herausforderung sei er angegangen. Vielleicht habe ihm auch der Rückzug von Oliver Baumgartner ebenfalls geholfen, da dieser sich auch in der bürgerlichen Mitte positioniert habe. Bezüglich der Verteilung der Departemente müsse man noch abwarten. Er sei grundsätzlich bereit, jedes Departement zu übernehmen.

SVP zum ersten Mal in der Wiler Regierung vertreten

Mit Ursula Egli zieht die SVP zum ersten Mal in die Wiler Regierung ein. Egli holte 3108 Stimmen und somit das fünftbeste Ergebnis. Fraktionspräsident Benjamin Büsser hatte für dieses Ergebnis am Wahlsonntag nur zwei Worte: «Absoluter Triumph.»

Auch die Neugewählte Ursula Egli war gut gelaunt:

«Ich freue mich sehr, die SVP erstmals in der Wiler Regierung vertreten zu dürfen.»

Auch die Konstellation mit vier Neuen bewertet Egli als positiv. Das ermögliche den Neustart, den die Bürgerinnen und Bürger offensichtlich gewollt hätten.

Auch sie will sich noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, was die Departementsverteilung angeht. «Im Sinne des Neustarts wäre ich jedoch beispielsweise dazu bereit, das Sozialdepartement zu übernehmen.» Auch sie sei aber grundsätzlich allen Ressorts gegenüber offen.

Enttäuschung bei den Abgewählten

Des einen Freud, des anderen Leid. Ganz anders die Stimmungslage bei den Abgewählten. Daniel Meili, FDP-Stadtpräsident ad interim, verpasste die Wiederwahl nur um rund 50 Stimmen. Aus seiner Enttäuschung konnte und wollte er keinen Hehl machen:

«Das tut schon weh.»

Doch es gelte den Wählerwillen natürlich zu akzeptieren. Der Trend, dass alles neu und anders werden muss, im Unwissen, wie es jetzt wirklich weitergehe, sei zu stark gewesen, bilanzierte Meili.

Daniel Stutz, Vorsteher des Departements Bau, Umwelt, Verkehr, gab nüchtern zu Protokoll:

«Das Volk hat gesprochen, es ist wie’s ist.»

Dass drei amtierende Stadträte abgewählt worden seien, zeige das Problem, das man in Wil habe: «Die Arbeit des Stadtrats wird nicht wertgeschätzt.»

Die parteilose Jutta Röösli, amtierende Schulratspräsidentin, war am Sonntag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.