Vorbereitung mit Hindernissen: Wie sich Lernende der Region Wil und Toggenburg auf die Prüfungen vorbereiten

Viele Lehrbetriebe sind geschlossen, trotzdem müssen sich Lernende auf die praktische Prüfung vorbereiten.

Fabio Giger
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In diesem Jahr ist es ein steiniger Weg zur Lehrabschlussprüfung

In diesem Jahr ist es ein steiniger Weg zur Lehrabschlussprüfung

Mareycke Frehner

Relativ rasch nach dem Lockdown stellte Wirtschaftsminister Guy Parmelin klar: Lehrlinge können ihre Ausbildung diesen Sommer abschliessen, schriftliche Prüfungen wird es aber keine geben. Ob und wie die praktischen Abschlussprüfungen durchgeführt werden können, haben nationale Berufsverbände letzte Woche entschieden.

Von gut 250 Lehrberufen verzichten 43 Berufe auf den praktischen Prüfungsteil. Darunter sind die drei beliebtesten Lehrberufe: Fachperson Gesundheit, Detailhandelsfachperson und Kaufmann/Kauffrau.

Nicht mit der Absage gerechnet

Lehrlinge anderer Berufe stecken indes mitten in der Vorbereitung auf die Prüfung. Jedoch unter erschwerten Bedingungen, weil in vielen Lehrbetrieben kein normaler Arbeitsalltag herrscht. Dentalassistentin Rashee Solenthaler machte in der geschlossenen Zahnarztpraxis Trockenübungen. Floristin Jasmin Ettlin musste wegen Importengpässen mit Frühlingsblumen statt Schnittblumen an ihren Strausskünsten üben. Und Jungkoch Maurin Böni fällt wegen des geschlossenen Restaurants etwas aus der Routine – hat dafür aber mehr Zeit zum Probekochen.

Anders die Lage von Remzije Osmani. Sie ist Verkäuferin bei Walder Schuhe im dritten Lehrjahr und muss keine Prüfung ablegen. Sie hatte mit der Absage gerechnet und ist erleichtert, nicht antreten zu müssen. Fachfrau Gesundheit Alissa Dei Cas hingegen hatte ihre praktische Prüfung bereits absolviert. Genützt hat’s nichts – die Note fliesst nicht ins Abschlusszeugnis ein. Sie kann den Entscheid ihres Branchenverbandes nicht ganz nachvollziehen.


Der schöne Teil der Prüfung fällt weg

Floristin Jasmin Ettlin

Floristin Jasmin Ettlin

Bilder: PD

Die Abschlussprüfung verlangt der Floristin Jasmin Ettlin nochmals alles ab: Beim Dekorationsentwurf für einen speziellen Anlass ist Kreativität und Vorstellungsvermögen gefragt, beim Blumenbouquetbinden handwerkliches Geschick und das Auge fürs Detail. Ihr Lehrbetrieb, die Gärtnerei und Floristik Blattstiel in Bazenheid, liefert während des Lockdowns auf Bestellung und unterhält eine Abholstation. Ettlin konnte sich fast wie gewohnt vorbereiten. «Weil keine Schnittblumen aus dem Ausland geliefert wurden, übte ich vorwiegend mit Frühlingsblumen», berichtet Ettlin. Eine Umgewöhnung und gute Vorbereitung zugleich: «Ein Frühlingsstrauss könnte auch an den Prüfungen verlangt werden.» Floristen absolvieren ihre Prüfung in den Olma-Hallen. Nicht um Social Distancing einzuhalten, sondern weil die Werke nach dem Examen ausgestellt werden. Dieser Teil fällt aber dem Virus zum Opfer. «Schade», findet Ettlin. «Ich wäre gerne durch die Sträusse und Bouquets meiner Schulkolleginnen und -kollegen geschlendert.» Nun wird ihr Abschlusswerk im Laden der Floristik Blattstiel ausgestellt sein. 


Gemischte Gefühle nach Absage

Remzije Osmani

Remzije Osmani

Die Rickenbacherin Remzije Osmani ist Verkäuferin bei Walder Schuhe an der oberen Bahnhofstrasse. Seit ihr Lehrbetrieb Corona-bedingt schliessen musste, investierte sie zu Hause viel Zeit in die Prüfungsvorbereitung. Gemeinsam mit ihrer Schwester oder einer Schulkollegin via Skype imitierte sie die Prüfungssituation: Kunden begrüssen, sich nach dessen Vorstellungen erkunden, das Sortiment präsentieren und schliesslich den passenden Schuh finden. «Dabei ernst zu bleiben, war nicht immer einfach», sagt Osmani und lacht.

Die Schuhverkäuferin hat letzte Woche erfahren, dass ihre am 12. Mai angesetzte praktische Abschlussprüfung nicht durchgeführt werden kann. «Ich hatte es bereits geahnt», sagt Osmani am Telefon. Die Absage erweckte gemischte Gefühle: «Ich hatte keine Angst vor der praktischen Prüfung. Weil ich aber etwas aus der Routine fiel, war ich auch erleichtert, dass ich nicht antreten muss.» Osmani möchte nach ihrer Lehrzeit auf dem Beruf bleiben. Weil viele Läden die Sparbremse angezogen hätten, sei es aber gar nicht so einfach, einen Job zu finden.


«Ich will zeigen, was ich kann»

Rashee Solenthaler

Rashee Solenthaler

Mitte Mai muss Dentalassistentin Rashee Solenthaler zum ersten Teil ihrer praktischen Abschlussprüfung antraben. «Ich bin soweit gut vorbereitet», sagt die Lernende, die ihre Ausbildung bei Zahnarzt Marc Raby in Flawil abschliesst. «Als die Praxis im April geschlossen war, durfte ich hierhinkommen, um zu üben. Das ging auch ohne Patienten ganz gut», berichtet die Wittenbacherin. Sie hat sich immer wieder verschiedene Behandlungssituationen ausgedacht: «Ich desinfizierte die jeweils benötigten Zahninstrumente, legte sie bereit und sterilisierte danach alles sachgerecht.» In ihrem Beruf dreht sich alles um Hygiene – nicht nur zu Zeiten von Corona.

Die Automatismen zu verinnerlichen war für Solenthaler wichtig. «Sonst wäre es an der Prüfung eng geworden.» Dass die schriftlichen Tests gestrichen wurden, damit kann sie gut leben. Ihre Erfahrungsnoten hätte sie kaum aufbessern können. Ganz ohne Prüfungen hätte die Dentalassistentin ihr Diplom dann aber doch nicht gewollt: «Ich will nochmals zeigen, was ich kann. So hat der Abschluss für mich mehr wert.»


Kochprüfung wird abgespeckt

Maurin Böni

Maurin Böni

Bei einer mit Bier, Tomaten und Essig lackierten Entenbrust mit Gorgonzolaschaum und einem mediterranen Salat soll den Prüfungsexperten des angehenden Kochs Maurin Böni das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das Menu des 18-jährige Lehrlings des Restaurants Krone in Mosnang ist bereits «mise en place». Böni freut sich auf die Prüfung: «Da kann ich mich nochmals beweisen.» Er hat auch schon klare – und ambitionierte – Notenvorstellungen: «Mein Ziel ist es, mit einer 5,3 abzuschliessen. Mindestens.»

Das Restaurant Krone hatte im vergangenen Monat geschlossen, bot aber Take-away an. «Man fällt schon etwas aus der Routine, normalerweise ist es hektischer in der Küche. Dafür hatte ich mehr Zeit zum Probekochen», sagt der Jungkoch. Ein Vorteil, denn unter Zeitdruck müssen alle Handgriffe sitzen. Fehler kann er sich nicht erlauben. Weil der Prüfungsplan abgespeckt wurde, musste Böni ein Menu kippen: «Das Fischgericht, pochierter Lachs mit Wolfsbarschpralinen, lass ich aus. Über die Zubereitung werde ich aber mündlich geprüft.»


«Dass Prüfung nicht zählt, wurmt mich»

Alissa Dei Cas

Alissa Dei Cas

In jeder Hinsicht speziell ist die Situation im Gesundheitswesen: Einige Lehrlinge hatten ihre praktische Prüfung bereits im Februar absolviert. Andere hätten ihren Termin Ende Mai gehabt. Zu Ersteren gehört Alissa Dei Cas, Fachfrau Gesundheit im Spital Wil. Sie hat nach ihrem Examen ein gutes Gefühl gehabt: «Dass die Prüfung nicht gewertet wird, wurmt mich. Ich hatte viel Zeit und Energie in die Vorbereitung investiert.» Die Abschlussnote bildet sich nun einzig aus der Bewertung ihrer Ausbildnerin und der schulischen Erfahrungsnote.

«Ich verstehe nicht, wieso man die praktische Prüfung nicht durchführen kann. Hygienemassnahmen müssen wir auch zu Normalzeiten einhalten – da ändert Corona nichts daran», sagt sie. Das Schulprogramm wird indes mittels Homeschooling weitergeführt. Aber: «Die meisten haben ab dem Moment abgehängt, als bekannt wurde, dass die Prüfungen nicht durchgeführt werden», sagt Dei Cas. Im September beginnt sie die zweijährige Ausbildung zur Pflegefachfrau an der höheren Fachschule. Das Virus wird sie auch da weiter beschäftigen – und hoffentlich nicht bremsen.

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