Von wegen direkter Demokratie

«Politik interessiert mich nicht», sagt ein Mann mittleren Alters in ruhigem Ton am Wirtshaustisch. Resigniert wirkend fügt er hinzu: «Die da oben machen ohnehin, was sie wollen.

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«Politik interessiert mich nicht», sagt ein Mann mittleren Alters in ruhigem Ton am Wirtshaustisch. Resigniert wirkend fügt er hinzu: «Die da oben machen ohnehin, was sie wollen.» Obwohl schon tausendmal gehört, stösst er auf regen Zuspruch bei den anderen Männern am Tisch, die sich nun noch mehr am Bierglas festhalten, gleich darauf aber mit geschwellter Brust zurücklehnen. «Ja, ja, die machen sowieso, was sie wollen.»

Sodann ziehen die Männer tüchtig über die EU her. Das sei längst eine Diktatur, von Demokratie könne keine Rede mehr sein. Der Jüngste am Tisch, ein smarter Herr, versucht sachlich darzulegen, dass die Dinge nicht ganz so einfach seien. Er findet kein Gehör. «Wir können uns glücklich schätzen, in einem Land mit wahrer Demokratie zu leben», sagt ein älterer Mann mit wenig Haar, aber viel Bauch. «Meinen Sie die direkte oder die indirekte Demokratie?», wagt der junge Herr nachzufragen. «Die direkte Demokratie natürlich, du…!»

«Die kann aber nur existieren, wenn sich die Bürger für Politik interessieren und engagieren», entgegnet er. «Was sagst du da?», wird er von der Meute angefaucht. «Du Jungspund willst uns erklären, was direkte Demokratie ist?»

Was er dann nicht mehr sagen konnte: Direkte Demokratie in reiner Form gibt es weltweit nur noch in einem Land: In der Schweiz. Und auch hier nur noch in den zwei Kantonen Appenzell Innerrhoden und Glarus. In allen anderen Fällen ist sie mit einer indirekten Demokratie verwoben.

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch

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