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Von totaler Repression weggekommen: Wie sich die Drogenpolitik der Schweiz entwickelt hat

Seit 25 Jahren gibt es die Wiler Suchtberatung. Hermann Gander war von Anfang an dabei, er hat den Wandel in der Suchtpolitik miterlebt.
Gianni Amstutz
Die offenen Drogenszenen, wie sie Ende der 1980er-Jahre in vielen Städten der Schweiz entstanden, zeigten eindrücklich auf, dass die Repressionspolitik versagt hatte. Im Bild der ehemalige Bahnhof Letten. (Bild: Keystone)

Die offenen Drogenszenen, wie sie Ende der 1980er-Jahre in vielen Städten der Schweiz entstanden, zeigten eindrücklich auf, dass die Repressionspolitik versagt hatte. Im Bild der ehemalige Bahnhof Letten. (Bild: Keystone)

Seit 1994 – also seit deren Bestehen – leitet Hermann Gander die Suchtberatungsstelle Wil. Der Zeit der Gründung waren Jahre vorausgegangen, in denen offene Drogenszenen in vielen Schweizer Städten international für Schlagzeilen sorgten.

Unvergessen sind die Bilder vom Platzspitz und später dem Letten in Zürich oder auch dem Schellenacker in St. Gallen, wo offener Drogenhandel und -konsum an der Tagesordnung waren. Mit allen Begleiterscheinungen wie Kriminalität, Krankheiten und Überdosen, die teilweise tödlich endeten. Auch in Wil waren die Auswirkungen dieser Zeit spür- und sichtbar, wenn auch in geringerem Mass als etwa in Zürich und St. Gallen.

Lange Zeit schien die Politik überfordert. Ihr einziges Mittel: Repression. Mit Verboten, Bussen und Inhaftierungen sollte das Problem gelöst werden. Doch die offenen Drogenszenen der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre machten deutlich, dass diese Politik versagt hatte. Sie zwangen Politik und Gesellschaft zum Umdenken.

Drogenkonsum wurde nicht mehr tabuisiert, Süchtige nicht mehr ihrem Schicksal überlassen. Das sogenannte Vier-Säulen-Prinzip wurde eingeführt, bestehend aus Prävention, Therapie, Schadensverminderung und Repression. Dies ebnete schliesslich den Weg für Beratungsstellen, wie sie in Wil und andernorts vor 25 Jahren entstanden.

Zusammenarbeit zwischen den Akteuren aufgebaut

In dem Vierteljahrhundert seit es die Beratungsstelle gibt, hat sich einiges verändert. «Wir mussten viel Aufbauarbeit leisten», sagt Hermann Gander. Er meint damit vor allem Vernetzungsarbeit. Behörden, Hausärzte, die psychiatrischen Dienste und die bereits existierenden Wiler Integrations- und Präventionsprojekte (Wipp) wurden ins Boot geholt.

In Wil habe sich die Suchtberatung schnell etabliert und es seien kaum Vorbehalte aus Bevölkerung und Politik gegen das damals neue Angebot spürbar gewesen, erzählt Gander. Das habe auch damit zu tun, dass mit den Wipp unter der Leitung des kürzlich verstorbenen René Akeret in Wil bereits Pionierarbeit im Suchtbereich geleistet worden sei.

Durch die Zusammenarbeit verschiedener Stellen konnten Menschen mit einer Suchtmittelabhängigkeit in Wil umfassende Hilfe erhalten. Auch den Kontakt zu den Apotheken baute Gander auf. Dort werden seitdem kostenlos Spritzen abgegeben – oder auch Methadon, ein Ersatzopiat für Heroinabhängige.

Das ist auch heute noch so, die Suchtmittel haben sich jedoch verändert. Heroin spiele nur noch eine verschwindende Rolle, während es früher die Droge Nummer eins gewesen sei, sagt Gander. «Heute sind legale Suchtmittel – allen voran Alkohol – das Hauptproblem.»

Auf die Methode der Behandlung hat die Art der Sucht aber nur einen kleinen Einfluss. «Egal ob Heroin, Alkohol oder Spielsucht: In der Beratung geht es darum, eine Beziehung zum Klienten aufzubauen», sagt Gander. Das mache einen Grossteil des Erfolgs aus. «Die Klienten müssen sich hier wohlfühlen.»

Etwas, worauf sich Gander zu verstehen scheint. Das wird auch beim Interviewtermin klar. Auch wenn die Situation anders ist als bei einem Beratungsgespräch, wird deutlich, dass der Suchtberater die Fähigkeit besitzt, eine offene und angenehme Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Es ist nicht schwer sich, vorzustellen, wie ihm das auch bei Therapiesitzungen gelingt.

Abstinenz nicht mehr 
das Hauptziel

Einen weiteren Paradigmenwechsel, der sich in den vergangenen 25 Jahren vollzogen hat, ist die Zielsetzung in der Suchtberatung. Die Abstinenz – also das komplette Wegkommen von der Sucht – sei zwar immer noch ein Ziel, jedoch nicht mit der Totalität, wie dies noch früher der Fall gewesen sei, sagt Hermann Gander.

Das zeigt sich auch in der Einführung von Methadonabgabestellen in den frühen 1990er-Jahren. Unter der Nulltoleranz-Politik zuvor wäre dies noch unvorstellbar gewesen. Denn Methadon ist nicht etwa harmlos, die Wirkung des Opiats hält sogar um ein Mehrfaches länger an als jene von Heroin. Doch jemandem die Abstinenz aufzuzwingen, sei nicht lösungsorientiert – und oft nur kurz von Erfolg gekrönt.

«Ich muss den Leuten Sicherheit vermitteln, die zu mir in die Beratung kommen. Aufgezwungene Massnahmen würden das Vertrauensverhältnis zerstören.»

Es gebe auch Personen, die zwar mit ihrer Sucht weiterleben, dies aber in einem geregelten, gut strukturierten Alltag machten. Auch das sei ein Erfolg.

«Eine Musterlösung
gibt es nicht»

Nichtsdestotrotz ist das Ziel der Suchtberatung, Wege zu finden, die ein Leben ohne die Sucht ermöglichen. Hermann Gander kann mit seinem reichen Erfahrungsschatz auf viele Behandlungsstrategien zurückgreifen. Trotzdem sagt er: «Eine Musterlösung gibt es nicht. Jeder Mensch ist anders.»

Als Suchtberater könne man mögliche Wege aufzeigen. Was funktioniert, müsse aber der Klient herausfinden. Dies auch im Gegensatz zu früher. Damals habe man in der Suchtberatung den Klienten noch vorgegeben, was richtig und was falsch ist.

Häufig liege der Sucht eine Konditionierung zugrunde. Will heissen: Mit bestimmten Gewohnheiten und Verhaltensmustern versuchen Personen, Probleme zu bewältigen. Das Suchtmittel wird dabei mit positiven Erfahrungen in Verbindung gebracht.

Ganders Aufgabe ist es, aufzuzeigen, dass solche positiven Erfahrungen auch ohne das Suchtmittel möglich sind. «Die Veränderung muss für die Person einen Gewinn bringen.» Wenn Verzicht die Situation nicht verbessere, sei ein Rückfall programmiert. Das sei nur menschlich. «Wir alle machen das, was wir subjektiv als das Beste für uns empfinden.»

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