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Von Stau war noch keine Rede

Auf Graffiti haben Sechstklässler aus Niederuzwil den Verlauf der Nationalstrasse 1 von St. Margrethen bis Genf nachgezeichnet. Das war vor 42 Jahren. Niemand erahnte damals die starke Zunahme des Strassenverkehrs.
Philipp Stutz
Armin Benz hat im Jahr 1976 zusammen mit seinen Sechstklässlern die Graffiti unter der Autobahnbrücke geschaffen. (Bild: Philipp Stutz)

Armin Benz hat im Jahr 1976 zusammen mit seinen Sechstklässlern die Graffiti unter der Autobahnbrücke geschaffen. (Bild: Philipp Stutz)

Sanft plätschert das Wasser des Flusses – von oben aber dringt Lärm des Autoverkehrs. Der Wanderweg vom Buchental hinunter zur Thur führt entlang der Glatt, und der Spaziergänger unterquert eine Brücke der Autobahn. Der Beton präsentiert sich grau in grau. Doch eine Wand zeigt sich bunt koloriert. Graffiti sind nicht auf illegale Weise entstanden, sondern mit ausdrücklicher Bewilligung der Behörden von Uzwil und Oberbüren. Mit Dispersionsfarbe sind Sechstklässlerinnen und Sechstklässler als Künstler aufgetreten. 42 Jahre ist das her. Leider ist das Werk, das sich auf eine Länge von rund 50 Metern erstreckt, in der Zwischenzeit an verschiedenen Stellen überschmiert und verunstaltet worden. Ein Four-Letter-Word hier, ein Hakenkreuz dort. Und dazwischen haben sich Liebespaare mit ihren Vornamen auf dem Beton verewigt.

Die Ausmasse des N1-Bauwerks sind an einer Inschrift auf der Wand festgehalten. (Bild: Philipp Stutz)

Die Ausmasse des N1-Bauwerks sind an einer Inschrift auf der Wand festgehalten. (Bild: Philipp Stutz)

260 Arbeitsstunden für die Malerei aufgewendet

«Von September bis November 1976 haben die Malarbeiten gedauert», erinnert sich der ehemalige Uzwiler Primarlehrer Armin Benz. Er hat das Werk damals zusammen mit seinen Sechstklässlern vollbracht. Viel Arbeit war nötig, um die ganze N1 von St. Margrethen bis Genf, vom Bodensee bis zum Genfersee nachzuzeichnen. An die 360 Arbeitsstunden sind zusammengekommen. «Die Schüler waren nicht immer mit gleichem Eifer bei der Sache», erinnert sich Benz, «aber es ging Schritt für Schritt voran.» Und zum Schluss sei es zu einem Wettlauf mit dem heranbrechenden Winter gekommen. Benz, inzwischen längst pensioniert, hat Wert darauf gelegt, keine Lektionen in Sprache und Rechnen ausfallen zu lassen. Standen doch die Aufnahmeprüfungen für den Eintritt in die Sekundarschule kurz vor der Tür.

Ein damaliger Sechstklässler bei den Malarbeiten. (Bild: PD)

Ein damaliger Sechstklässler bei den Malarbeiten. (Bild: PD)

Materialaufwand hielt sich in engen Grenzen

Zuerst wurde die Wand in 50-Zentimeter-Quadrate eingeteilt. Nach der Skizzierung mit Bleistift konnte mit dem Malen begonnen werden. Die 15 wichtigsten Ortschaften an der N1 wurden auf den Beton gezeichnet. Hinzu kamen Kantonswappen, und auch die Nachbarländer Österreich und Frankreich wurden nicht vergessen. Der finanzielle Aufwand fürs Material hielt sich mit 200 Franken in Grenzen. «Wanderer! Hier stehst Du bei Kilometer 362 unter der N1», heisst es auf einer Inschrift. Die Strecke von St. Margrethen nach Genf umfasst gemäss dieser Information 75 Anschlüsse und Verzweigungen, zwölf Werkhöfe und vierzehn Restaurants.

Der «Fressbalken» bei Würenlos

Die grösste Raststätte bei Würenlos, im Volksmund «Fressbalken» genannt, haben Schüler ebenfalls illustriert. Die Bauzeit des ganzen Nationalstrassennetzes dauerte von 1959 bis 1995. Und die Kosten betrugen laut Inschrift 30000 000 000 Franken. Auch die Vorteile dieses gigantischen Bauwerks werden aufgezählt: bequem, sicher, zeitsparend zur Arbeit. Aber auch die Nachteile finden Erwähnung: lärmig, tödlich, stinkig und landhungrig. Von Stau war damals noch keine Rede.

Ein Blick zurück zeigt, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der Autobesitzer rasant anstieg. 1958 stimmte das Schweizer Volk dem Bau eines Nationalstrassennetzes zu. Elf Jahre später wurde die Teilstrecke von Wängi über Uzwil nach St. Gallen eingeweiht. Dieser Abschnitt ist Teil der Autobahn N1, die später in A1 umbenannt wurde. Sie verläuft quer durch die Schweiz vom Bodensee bis zum Genfersee. Dank ihr ist Uzwil verkehrstechnisch national vernetzt. Um den Durchgangsverkehr von der Autobahnausfahrt in Oberbüren aufzunehmen und der Uzwiler Industrie entgegenzukommen, baute man die Gupfenstrasse.

Dies darf im Nachhinein als weiser Entscheid bezeichnet werden, würde sich doch sonst heute der gesamte Autoverkehr durchs Dorf Niederuzwil zwängen. Der Autobahnanschluss hat durch die gute Erreichbarkeit Industriefirmen angelockt, die sich beidseitig der Autobahn niederliessen. Die neuen Perspektiven hatten auch eine sprunghafte Bevölkerungsentwicklung zur Folge. Die Gemeinde Oberbüren setzte sich schon früh für ein eigenes Anschlusswerk ein. «Wenn unser Gemeindegebiet schon auf einer Länge von sieben Kilometern durchschnitten werden sollte, wollten wir nebst den Nachteilen auch einen Nutzen», sagte der ehemalige Oberbürer Gemeindeammann Ernst Benz.

Positive wie negative Folgen

Die nach der am 8. September 1969 erfolgten Eröffnung der A1 eingetretene Entwicklung gab ihm recht. Mit dem eigenen Anschlusswerk Oberbüren/Uzwil wurde die verkehrstechnische Voraussetzung für die Umwandlung in einen Dienstleistungs-, Gewerbe- und Industriestandort gegeben. Viele neue Arbeitsplätze wurden geschaffen. Negative Aspekte der Autobahn sind Lärm- und Abgasimmissionen, die beim Bau noch nicht abgeschätzt werden konnten. Dazu kommen die starke Zunahme des Individualverkehrs und die sich daraus ergebenden Stauzeiten. «Eine derartige Entwicklung hatte man damals nicht voraussehen können», sagt Armin Benz.

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