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Von Flawil nach Syrien: Der Helfer im vergessenen Land

Arsel Thuma aus Flawil reiste mit einem Hilfswerk nach Syrien – und versuchte dort zu helfen, wo die Hoffnungslosigkeit am grössten ist.
Lara Wüest

Arsel Thuma sieht nicht so aus, als wäre er erst kürzlich aus einem Kriegsgebiet zurückgekehrt. Auf der Terrasse einer Beiz in der Nähe des Flawiler Bahnhofs sitzt er vor einem Glas Eistee und qualmt eine Zigarette nach der anderen. Aufgeweckt wirkt er, voller Energie. Dabei ist erst ein guter Monat vergangen, seit der kleine Mann mit Millimeterschnitt an zerbombten Häusern und Strassen vorbeifuhr. Arsel Thuma aus Flawil reiste im August nach Syrien. Nicht, um für irgendjemanden oder irgendetwas zu kämpfen, sondern um den Frieden voranzubringen. Der 41-Jährige war mit einem Hilfswerk unterwegs und versuchte die Zustände in einem Land zu verbessern, das eigentlich in keinem Zustand mehr ist.

Seit acht Jahren herrscht in Syrien Bürgerkrieg und eine der grössten humanitären Krisen in der Nachkriegszeit. Mehrere hunderttausend Menschen wurden getötet, Millionen aus ihrer Heimat vertrieben. Nun soll sich der Krieg seinem Ende neigen, heisst es, die rebellischen Truppen seien besiegt. Doch nach wie vor sind Kämpfe im Gange. So hörte auch Arsel Thuma in der Ferne die Bomben niederprasseln, als er sich in der Stadt Aleppo aufhielt.

Mit der Region verbunden

Arsel Thuma ist Aramäer und gläubiger Christ. Er gehört einer christlichen Volksgruppe an, die unter anderem in der Türkei und auch in Syrien ihre Wurzeln hat. Seine Eltern kamen mit dem türkischen Pass in die Schweiz, als Thuma acht Monate alt war. Seit er klein war, sagt er, fühle er sich den Menschen in dieser Region verbunden. Schon länger spendet er dem Hilfswerk «Aramaic Relief International» deshalb Geld. Doch irgendwann kam der Wunsch auf, «vor Ort zu helfen». Und so flog er zusammen mit drei weiteren Männern aus der Schweiz in den Libanon und reiste dann mit dem Auto über die libanesische Grenze nach Syrien – noch fliegen keine Passagierflugzeuge in das versehrte Land.

Thumas Umfeld in der Schweiz verstand nicht so recht, was ihn dorthin zog. Sein Vater bat ihn, nicht zu gehen und viele seiner Freunde bezeichneten ihn als Spinner. Auch seine Frau und seine drei Kinder waren besorgt, sagten, sie würden für ihn beten. Doch Thuma hörte nicht auf sie. «Die Leute dort, die zählten auf uns», sagt er. Und vielleicht lockte ihn auch ein wenig das Abenteuer in der Fremde.

Seine Reise führte Thuma nach Homs, Aleppo und zum Schluss nach Latakia, einer Stadt an der Westküste. Für zwei Wochen fuhren er und seine Mitreisenden über die Strassen Syriens, in die «langsam wieder Leben einkehrt.» Thuma erzählt von Läden, die wieder öffnen und von den Menschen, die endlich wieder draussen unterwegs seien. «Vor einem Jahr, so sagten mir die Leute, war auf den Strassen keine Menschenseele anzutreffen.»

Die Hilfe, die Thuma und seine Begleiter den Leuten in Syrien brachten, war zum einen Geld. Mehrere Tausend Franken Spendengelder setzten sie für jene Menschen ein, die so stark unter den Kriegsfolgen leiden, dass sie alleine nicht mehr auf die Beine kommen. Unter ihnen war beispielsweise ein junges Mädchen mit einer Autoimmunkrankheit, dessen Medikamente ungefähr so viel kosten, wie die Familie im Monat verdient. «Gerade einmal 100 Franken sind das», sagt Thuma. Oder dann war da der Junge, der dringend eine neue Niere braucht und regelmässig in die Dialyse muss. Seine Familie kann sich diese fast nicht leisten. Ihnen und noch vielen anderen gaben die Männer vom Hilfswerk jeweils 1000 Franken.

Auf die Frage, ob diese kurzfristige Hilfe in Form von Geld nicht zu wenig nachhaltig sei, antwortet Thuma: «Ein Stück weit schon.» Aber Geld sei eben das, was die Menschen dort im Moment am dringendsten bräuchten. «Nur so können sie sich wieder eine Existenz aufbauen.» Und das Hilfswerk würde auch nachhaltigere Projekte fördern. Ein Teil des Geldes, das die Helfer mitbrachten, floss zum Beispiel in ein Bildungszentrum und in lokale Start-Ups. Menschen, die eine Idee zum Geldverdienen hatten, konnten diese dem Hilfstrupp präsentieren. Fanden der Flawiler und seine Mitreisenden die Idee gut, erhielten die Start -Ups 1000 bis 2000 Franken. Eine Familie, sagt Thuma, habe sich zum Beispiel Schafe kaufen wollen um Milch und Wolle zu produzieren. Und ein Mann wollte einen Kiosk eröffnen.

Jahrelange Aufbauarbeit nötig

Wenn Arsel Thuma spricht, bleibt er meistens sachlich. Nur seine Hände, die Hüpfen hin und her, als müssten sie überschüssige Energie loswerden. «Meine Emotionen, die musste ich dort unterbinden», sagt er. Und so spricht aus ihm, der in der Schweiz als Selbstständiger in der Immobilien- und Glasfaserbranche tätig ist, wohl ganz der Fachmann, wenn er sagt, all die zerbombten Häuser wieder aufzubauen, das sei jahrelange Arbeit.

«Überall fehlen die Böden und die Heizungen. Die Tapeten lösen sich von den Wänden.»

Manchmal kommt in Thuma aber auch Mitgefühl hoch, wenn er von seiner Reise berichtet. «Die Menschen in Syrien sind in einer schlimmen Lage. Aber fast niemand beklagt sich», wiederholt er mehrmals im Gespräch. Und fügt an, wie nahe es ihm gegangen sei, wenn die Leute ihm erzählten, sie fühlten sich von der Welt im Stich gelassen und vergessen.

Verdrängte Angst

Einzig von der Angst, die Thuma ab und zu auf seiner Reise verspürte, von dieser spricht er nicht gern. «Ich bin keine ängstliche Person», wehrt er ab. Situationen zum Fürchten gab es aber genug. Immer wieder fiel in ganzen Stadtteilen zum Beispiel der Strom aus. «Stockdunkel war es dann jeweils», sagt er. Das «komische Gefühl», das dann in ihm aufkam, habe er aber verdrängt.

Nur bei den zahlreichen Strassensperren, welche die Helfer immer wieder passieren mussten, wenn sie mit dem Auto unterwegs waren, war ihm ein bisschen mulmig. Bewacht wurden diese Sperren meistens von Männern der Regierung. Einmal, unterwegs nach Aleppo, da blieb sogar ihr Auto liegen. An einem Ort, mitten im Nichts, an dem sich eigentlich niemand gerne aufhält. Nicht weit weg von Aleppo war das, dort, wo besonders viele Bomben niedergingen. «Die Einheimischen nennen diese Strasse das Death Valley, das Tal des Todes, weil dort so viele starben», so der Flawiler. Eine Stunde mussten sie ausharren, bis Hilfe kam.

Über einen Monat ist das alles mittlerweile her, und im Leben von Arsel Thuma wieder Alltag eingekehrt. Zurücklehnen mag er sich aber nicht, immer noch verspürt er den Drang zu helfen. «Ich möchte so bald wie möglich wieder hin.»

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