Von der Sinnfrage bis zum Applaus

Die Vernehmlassungsfrist für die neuen Kulturreglemente der Stadt Wil ist abgelaufen. Bei den kulturellen Akteuren fallen die Reaktionen darauf nicht nur positiv aus. Auf Kritik stösst insbesondere der Zeitpunkt der Vernehmlassung.

Ursula Ammann
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WIL. «Es macht keinen Sinn, die heutigen Strukturen in Reglementen zu fixieren, bevor der vom Parlament geforderte und seitens der Kulturschaffenden mit Spannung erwartete Evaluationsbericht vorliegt», schreibt die IG Kultur Wil in ihrer Vernehmlassungsantwort zu den neuen Kulturreglementen (siehe Infokasten).

Der genannte Evaluationsbericht betrifft die Stelle der/des Kulturbeauftragten. Um diese Stelle neu zu schaffen, hatte das Parlament im November 2012 einen jährlichen Betrag von 90 000 Franken gesprochen. Allerdings hiess eine knappe Mehrheit damals auch einen Zusatzantrag der Grünen gut, wonach dem Parlament innert dreier Jahre nach der Anstellung der/des Kulturbeauftragten ein Bericht vorzulegen sei. Dieser solle unter anderem Auskunft über die Arbeitsweise und Wirkung der neu geschaffenen Stelle geben und die Ergebnisse einer Bedürfnisabklärung unter den Kulturschaffenden enthalten.

Vorgehen nicht nachvollziehbar

Da dieser Bericht noch nicht vorliegt, hält die IG Kultur Wil den Zeitpunkt der Vernehmlassung zum Reglement über die Kulturpolitik und Kulturförderung für zu «verfrüht». Sie beantragt in ihrem Schreiben an die Stadt deshalb, dessen Weiterverarbeitung und Verabschiedung zurückzustellen, bis der Evaluationsbericht vorliege. Es dürfe nicht geschehen, dass die Fachstelle Kultur bereits vorher «in Stein gemeisselt» werde, hält sie weiter in einem Kommentar zu einem Reglementsartikel fest.

Auch aus Sicht des Künstlerkollektivs Ohm41, das ebenfalls Stellung zu den neuen Kulturreglementen nahm, hätte dieser Bericht unbedingt abgewartet werden müssen, bevor man mit den neuen Kulturreglementen in die Vernehmlassung geht. «Die jetzige Vorgehensweise ist für uns nicht nachvollziehbar», sagt Markus Eugster. Zu den Reglementen selbst sagt er: «Sie wiederholen weitgehend Aussagen sowie Grundideen des Leitbildes.» Die Stelle der/des Kulturbeauftragten sowie der Kulturkommission würden darin genauer umrissen, die Kulturkommission aber eher geschwächt als gestärkt. «Für uns stellt die Kulturkommission jedoch das wichtigste Gremium dar», sagt Markus Eugster unter Verweis, dass Ohm41 nur die Wirkungen für die zeitgenössische bildende Kunst beurteilen könne. In diesem Bereich sei wenig zu spüren, seit neue Stellen, Leitbilder und Reglemente geschaffen worden seien. Die Interpellation Hürsch («Kulturpolitik der Stadt Wil – quo vadis»), die von Ohm41 mitgetragen wurde, habe gezeigt, dass die strategische Ausrichtung der Kulturpolitik noch klarer gefasst werden müsse.

Hohe Ziele in der Kulturpolitik

«Wichtig war uns, festzuhalten, dass Reglemente dann zu administrativen Verwaltungsakten verkommen, wenn sie nicht mit der notwendigen Strategie und Vision verbunden sind», erklärt Markus Eugster.

Lobende Worte für die neuen Kulturreglemente findet Thurkultur. In ihrer Stellungnahme zeigt sich die Organisation erfreut darüber, «dass sich die Stadt Wil hohe Ziele in der Kulturpolitik setzt». Der reglementarisch festgehaltene Wille, eine Ausstrahlung über die Stadtgrenzen hinaus zu erreichen, das bestehende Kulturniveau zu pflegen und nach Möglichkeit zu erhöhen, neue, innovative Kulturangebote zu unterstützen und günstige Rahmenbedingungen für kulturelle Aktivitäten zu schaffen, sei beispielhaft und verdiene Applaus. Einziger Wermutstropfen ist für Thurkultur die Formulierung «kann» in Artikel 21: «Bei öffentlichen Bauvorhaben kann bis 1 Prozent der Bausumme für Kunst verwendet werden.»

Wil als Expo-Standort

«Ich finde es gut, dass sich die städtische Kulturpolitik Rahmen und Ziele setzt und insbesondere die Rollen der Kulturfachstelle und der Kulturkommission klärt», sagt Matthias Loepfe, Präsident des Vereins Kulturzentrum Wil, der den Gare de Lion betreibt. Viel wichtiger als ein Kulturreglement scheine ihm jedoch, wie Kulturförderung und Kulturpolitik von den relevanten Akteuren gelebt wird – beispielsweise von der Fachstelle Kultur, der Kulturkommission, aber auch vom Stadtrat. «Hier stelle ich seit der Einstellung der Kulturbeauftragten Kathrin Dörig einen Wandel zu einem aktiveren Engagement fest, was ich sehr begrüsse», betont Matthias Loepfe und verweist auf Veranstaltungen wie das Kulturcafé oder den Kulturapéro. Als positives Beispiel erwähnt er auch die Kooperationen mit dem Gare de Lion wie bei der Jungbürgerfeier und der Ausstellung zum 25-Jahre-Jubiläum.

Dennoch: Der städtischen Kulturpolitik – und dem Kulturreglement als Ausdruck davon – fehle es an einem Alleinstellungsmerkmal und einer visionären Leitidee, hält Matthias Loepfe fest. «Was zeichnet Wil und die Wiler Kulturszene aus? Was macht die Stadt Wil gegenüber anderen Städten in der Ost- und Deutschschweiz speziell? Wo möchte Wil hin?», das sind für ihn Fragen, die nach wie vor offen bleiben. «Derartige Visionen fallen nicht vom Himmel, sie können auch nicht über Reglemente verordnet werden, sondern sie müssen partizipativ erarbeitet werden», so Matthias Loepfe. Eine Möglichkeit zur Diskussion solcher Fragen wäre für ihn eine Kulturkonferenz mit internen und externen Leuten aus der Kulturszene. Ebenfalls begrüssen würde er das Engagement des Stadtrates bei der Expo 2027: «Als potenzieller Expo-Standort könnte Wil als Kulturstadt einen regelrechten Schub erhalten, der langfristig und nachhaltig nachwirkt.»