Von der Politik begeistert

Interessieren sich Schweizer Jugendliche wirklich nicht für Politik? Cristina Steinmann wollte diesem Vorurteil auf den Grund gehen und hat dazu eine Arbeit veröffentlicht, die von «Schweizer Jugend forscht» ausgezeichnet wurde.

Manuel Gemperli
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Uzwil. Cristina Steinmanns erste Berührung mit Politik hat sie nachhaltig beeindruckt. Kein Wunder: Es war gleich die ganz grosse Show. Denn im jungen Alter von sieben Jahren war sie hautnah dabei, als die Amerikaner Bill Clinton zum zweiten Mal zu ihrem Präsidenten wählten. Sie lebte damals, von 1996 bis 2000, in den USA und erzählt gerne von ihren Eindrücken. «Da sind meterlange Schlangen vor den Wahllokalen. So etwas sieht man in der Schweiz nicht», berichtet die heute Zwanzigjährige. Nichtsdestotrotz beschäftigt sie sich mittlerweile intensiv mit der hiesigen Politik.

Thema war schnell klar

Unter anderem tat sie das in ihrer Abschlussarbeit für die kaufmännische Lehre, die sie bei der Relesta AG in Zuzwil absolvierte. Zur Schule ging sie zu dieser Zeit am Berufs- und Weiterbildungszentrum in Uzwil. Als es daran ging, ein Thema für die Arbeit zu wählen, war ihr schnell klar, dass es etwas mit Politik zu tun haben sollte. «Es gibt das Vorurteil, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessieren.

Das kommt nicht nur von Erwachsenen, sondern auch teilweise von Jugendlichen selbst», berichtet Cristina Steinmann. Sie wollte es genauer wissen und machte sich daran, eine umfangreiche Umfrage mit 133 Schülern durchzuführen.

Schlimmer als befürchtet

Ihre Arbeitshypothese lautete: «Nur dreissig Prozent der Befragten am Berufs- und Weiterbildungszentrum Uzwil kennen aktuelle Themen der Ostschweiz und können diesen den politischen Parteien zuordnen.

» Obwohl sie mit dem knappen Drittel relativ vorsichtig rechnete, wurden ihre Erwartungen gar noch unterboten. Nach ihrer Analyse waren es nämlich nur gut zwanzig Prozent, die wichtige aktuelle Ostschweizer Themen erkannten. «Ich habe es schon befürchtet, dachte aber, meine Vorgabe sollte zu schaffen sein», sagt Cristina Steinmann und fügt hinzu: «Ich hätte es lieber anders gehabt.» Das sagt sie aber nicht einfach so dahin, sondern sie versucht auch etwas dafür zu tun, Jugendliche für Politik zu begeistern.

Selbst politisch aktiv

Sie ist nämlich im Vorstand des Vereins «Jugendparlament St. Gallen», der jedes Jahr zwei Mal eine Jugendsession veranstaltet. Dabei werden in Workshops aktuelle Themen diskutiert, und zwar mit Experten genau so wie mit Politikern. Auch offene Diskussionen werden geführt, an denen sich die sechzig bis hundert Jugendlichen, die jedes Mal dabei sind, beteiligen können. «Die meisten, die kommen, besuchen die Jugendsession auch gerne wieder», berichtet sie. Auch aus ihrem eigenen Kollegenkreis hat sie schon Leute dafür motivieren können.

«Es gab Kolleginnen, die zunächst nichts davon wissen wollten, aber danach begeistert waren.»

Lieber Zeitung als Internet

Ihre Arbeit brachte noch weitere interessante Erkenntnisse hervor. Beispielsweise gaben 43 Prozent der Befragten an, sich via Zeitungen über Politisches zu informieren, und nicht, wie wohl viele annehmen würden, über das Internet. «Das hat sicher mit den Gratiszeitungen zu tun. Doch ich denke, lieber lesen sie eine solche als gar keine Zeitung.

» Ihre umfangreiche Arbeit, für die sie insgesamt zwischen 120 und 130 Stunden investierte, stiess bei ihren Experten am BZU auf Begeisterung. Sie erhielt eine glatte Sechs. So wurde auch «Schweizer Jugend forscht» auf sie aufmerksam, denn Exponenten von dort kamen in die Schule und schauten sich die besten Arbeiten an. So konnte sie an einen Workshop nach Zug, wo ihr ein Experte Tips gab, wie sie ihre Arbeit noch weiter verbessern könnte.

Prädikat «sehr gut»

Letztlich schaffte sie es an den finalen Wettbewerb in Basel, wo die 64 besten Schweizer Arbeiten ausgestellt wurden. Dafür konnte Cristina Steinmann einen Stand einrichten und sich auch andere Arbeiten aus den verschiedensten Bereichen anschauen. «Das war wahnsinnig interessant», erzählt sie begeistert. Interessant fand die Jury auch ihre Arbeit und bewertete sie mit dem Prädikat «sehr gut». Wer sich so sehr mit Politik beschäftigt, hat bestimmt grosse Ambitionen, selbst in politischen Ämtern für Furore zu sorgen.

«Natürlich bin ich dem nicht abgeneigt. Doch im Moment habe ich noch keine Partei gefunden, zu der ich hundertprozentig passe. Mal schauen, was sich ergibt.» So wird sie sich ab dem Herbst erstmal auf ihr Studium der Betriebsökonomie an der Fachhochschule in St. Gallen konzentrieren. Aber sicher immer mit einem interessierten Blick auf das politische Geschehen.