Von der Gerbe zum Wisental: Ein Blick auf die Flawiler Industriegeschichte

Das Flawiler Areal Wisental lag rund 30 Jahre brach, nun ist eine Überbauung geplant. Von einer Gerberei, über eine Schmiede, bis hin zum Autoabbruch: Das Areal wurde in den vergangenen 170 Jahren vielseitig genutzt.

Johannes Rutz
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Ansicht 1910: Das Gebäude der Gerberei Thürlimann dominiert die Aufnahme. Im Hintergrund die alte katholische Kirche, 1958 abgebrochen. Am Hang die Rosenkulturen und Baumschulen der damaligen Firma Stahel.

Ansicht 1910: Das Gebäude der Gerberei Thürlimann dominiert die Aufnahme. Im Hintergrund die alte katholische Kirche, 1958 abgebrochen. Am Hang die Rosenkulturen und Baumschulen der damaligen Firma Stahel.

Bild: Ortsmuseum Flawil

Auf dem Areal Wisental an der Wiler Strasse in Flawil ist eine moderne Wohnüberbauung geplant. Das grosse, seit rund 30 Jahren brach liegende Areal erlebte schon etliche Nutzungen, die einen ex­emplarischen Einblick in die Flawiler Industriegeschichte erlauben.

Die erste dokumentierte Überbauung auf dem Wisental-Areal ist eine Gerberei. Die alte Gerbe, wie sie genannt wurde, erbaute 1850 Gerber Johann Kobelt. Zur Gerberei gehörten ein Wohnhaus, acht Gerbgruben, Lohmühle und Lohstampfe. Als Lohe werden zum Gerben verwendete Baumrinde und Blätter bezeichnet. Das benötigte Wasser wurde dem Botsbergbach entnommen.

1881 kaufte Gerber Markus Thürlimann die Liegenschaft. Das Gerben wurde ab etwa 1910 zunehmend seltener und die Liegenschaft als Wohnhaus und Laden genutzt. Um 1930 gerbte man nur noch Kleintierfelle, die auf der Längsseite des Hauses getrocknet wurden.

Von der Schmiede zum Autoabbruch

1943 kaufte Georg Steinemann die alte Gerbe. Hier richtete er seine Huf- und Wagenschmiede ein, die er 1906 gegründet hatte. Die Firma Steinemann entwickelte sich zu einer industriellen Gesenk- und Freiformenschmiede für die Herstellung von Werkzeugen. Weitere Fa­brikationszweige wurden im Laufe der Jahre durch die Gründung von Konstruktionswerkstätten angegliedert.

Ansicht 1978: Am unteren Bildrand ist das lang gezogene Gebäude der Firma Steinemann zu sehen. Die Firma ist bereits ausgezogen. Der Autoabbruch Frey benützt nun das Areal.

Ansicht 1978: Am unteren Bildrand ist das lang gezogene Gebäude der Firma Steinemann zu sehen. Die Firma ist bereits ausgezogen. Der Autoabbruch Frey benützt nun das Areal.

Bild: Ortsmuseum Flawil

Fritz Steinemann, der Sohn von Georg, baute die Firma zu einem Spezialisten für die Herstellung von Bauwerkzeugen aus. Mit der Zeit genügten die Platzverhältnisse im Wisental nicht mehr. Eine moderne Fabrikationsstätte entstand im «Städeli» an der Flawiler Strasse nach Oberuzwil. Sie konnte 1968 bezogen werden.

Die leerstehenden Fabrikationsanlagen fanden mit der Zeit einen neuen Besitzer. Hanspeter Frey, Oberbüren, betrieb ab Mitte der 1970er-Jahre eine Firma für Autoabbruch. Garagisten aus der Region bezogen bei ihm Ersatzteile wie Pneus, Motoren, Getriebe, Karosserieteile. Das Geschäft florierte. Jedoch musste es Frey 1991 aufgeben, weil es hiess, die Gebäude müssten einem Neubau weichen. Die Gebäude wurden zwar abgerissen. Aber das Areal blieb eine Brache, bis auf den heutigen Tag. Frey setzte seine Tätigkeit in Oberbüren fort. Dort betreibt heute sein Sohn Tobias die Firma BFG Frey als Autoreparatur-Werkstätte mit Karosserie-Spenglerei.

Überbauung nach 30 Jahren Brache

Nach bald 30 Jahren Funkstille kommt jetzt eine neue Bewegung in das Areal. Die Gossauer Firma Forol Immobilien AG plant einen Fachmarkt mit drei Mehrfamilienhäusern zu je sechs 2 ½-Zimmer-Wohnungen. Das Projekt passt städtebaulich gut ins Quartier. Die gegliederten Baukörper korrespondieren mit den gegenüberliegenden Häusern aus der Stickereizeit. Seit kurzem sind zudem die Visiere gestellt.

Eine verschwundene Bezeichnung

Die Ortsbezeichnung für das heutige Gebiet Wisental ist auf der Landkarte von 1883 noch mit «Gerbe »angegeben. Die Bezeichnung machte Sinn, denn die Gerberei war die namensgebende Fabrik. Ab 1952 findet man den Begriff nicht mehr. Die Ortsbezeichnung Wisental dagegen galt im 19. Jahrhundert noch für das heutige Areal Fischbacher bis Sägestrasse. Heute wird er für das Gebiet vom Kindergarten Wisental bis zum Niederbergweg verwendet. Der damals bekannten Firma Stahel, die grosse Rosenkulturen und Baumschulen im Niederberg bewirtschaftete, wurde mit dem Namen „Baumschulweg“ ein Denkmal gesetzt. Die Gerberei jedoch ist dem Vergessen anheimgefallen. (jr)

Am Wisental-Areal zeigt sich anschaulich der wirtschaftliche Wandel in Flawil. Der ehemalige bedeutende Industriestandort wird zunehmend zu einem ausgeprägteren Wohn- und Einkaufszentrum.

Das Areal heute: Die Visiere markieren, wo die moderne Überbauung zu liegen kommen soll.

Das Areal heute: Die Visiere markieren, wo die moderne Überbauung zu liegen kommen soll.

Bild: Johannes Rutz