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Von Brotbrüsten, randalierenden Junggesellen und betrunkenen Schülern: Wie Bräuche Wil prägten und prägen

Bräuche prägen das Leben der Menschen seit jeher. Während einige aus dem Leben der Stadt verschwanden, hielten sich andere beharrlich oder wandelten sich in eine zeitgemässere Form.
Gianni Amstutz
Während in der Schweiz Agathabrötchen nur entfernt an Brüste erinnern, sind die Franzosen mit ihren Darstellungen deutlicher. (Bild: PD)

Während in der Schweiz Agathabrötchen nur entfernt an Brüste erinnern, sind die Franzosen mit ihren Darstellungen deutlicher. (Bild: PD)

Abgeschnittene Brüste einer Märtyrerin, die zum Gedenken an sie in Brotform gebacken und verspiesen werden, Junggesellen, die vermummt und randalierend durch die Strassen der Stadt ziehen und Angst und Schrecken verbreiten sowie Schüler, die für einen Tag das Zepter übernehmen und sich dann volllaufen lassen: All diese Bräuche nahmen und nehmen teilweise heute noch einen Platz im Jahreskalender der Stadt Wil ein.

Zwar seien im Laufe der Zeit viele Bräuche verloren gegangen oder hätten an Bedeutung verloren, das Interesse daran nehme aber wieder zu, sagt Historikerin Magdalen Bless-Grabher. Bräuche stärkten immer das «Wir-Gefühl» und die Zusammengehörigkeit in einer Gemeinschaft. Vielleicht sei das gestiegene Interesse an Bräuchen als Gegenbewegung zur gesellschaftlichen Tendenz nach immer mehr Individualismus zu verstehen.

Verbindung kirchlicher mit ursprünglichen Bräuchen

Ihren Ursprung haben die meisten Bräuche in einem ursprünglichen Weltbild, in dem Geister und Dämonen als beseelte Naturkräfte eine zentrale Rolle spielten. Um diese gutzustimmen, führte man im Kalenderjahr verschiedene Rituale durch. Bedeutungen und Interpretationen der Bräuche wandelten sich stetig.

Zentral war dabei auch die Rolle der Kirche, die ihrerseits eigene Bräuche pflegte. Nicht zuletzt um die Angewöhnung der vormals heidnischen Bevölkerung an den neuen Glauben zu erleichtern, verstand sie es, kirchliche mit ursprünglichen Bräuchen zu verbinden. So legten sie den Termin für Weihnachten auf die Wintersonnenwende, die bereits bei heidnischen Völkern zelebriert wurde. Weihnachten selbst war aber lange Zeit nicht der wichtigste Tag im Advent. Der 6. Dezember wurde weit ausgiebiger gefeiert.

Allerdings anders als heute. So übernahmen früher die Wiler Schüler für einen Tag das Zepter in der Stadt. Als wäre das nicht genug, galt ihre Narrenfreiheit auch in den Wirtshäusern, wo sie trotz ihrer jungen Jahre auch mit alkoholischen Getränken bedient wurden. Später, in der Zeit der Aufklärung, wurde der Brauch auch auf Drängen des Stadtrats etwas sittlicher begangen. Der heutige Samichlaus übernahm den 6. Dezember für sich. Zuvor hatten «Chläuse» einen eher zweifelhaften Ruf.

Vom 16. bis 18. Jahrhundert zog jeweils donnerstags in den letzten drei Wochen des Jahres eine wilde Meute junger Männer als Verkörperung der Wintergeister vermummt, lärmend und randalierend durch die Gassen der Stadt Wil. Sie schlugen Scheiben ein, johlten und versetzten Leute, die ihnen auf der Strasse begegneten, mit ihren Peitschen in Angst und Schrecken.

All dies ist Briefen aus dieser Zeit zu entnehmen. Später wurde der Brauch verboten. «Viele alte Bräuche lassen sich nur anhand solcher Verbote rekonstruieren», sagt Magdalen Bless-Grabher.

Ein Busengebäck bietet Schutz vor Feuersbrünsten

Ein anderer Brauch, der bis heute überdauert, ist das Agathabrot. Er geht zurück auf die heilige Agatha, die als Märtyrerin starb. Als Folter wurden ihr dabei die Brüste abgeschnitten. Das Brot, das am 5. Februar gebacken und gesegnet wird, soll schützende Kräfte haben. Eine Legende besagt, dass Einwohner der Stadt Catania auf Sizilien nahe des Vulkans Ätna durch einen Seidenschleier von Agatha von einem Lavastrom verschont blieben. So galt und gilt Agatha bis heute als Schutz vor Feuer. Für die Bewohner Wils mit seinen dicht aneinandergebauten Häusern in der Altstadt war solcher Schutz Gold wert.

Agathas Martyrium entsprechend wird das Brot in Form von Brüsten gebacken. Hierzulande sind die Darstellungen jedoch etwas weniger explizit als beispielsweise in Südfrankreich oder Sizilien. Dem gesegneten Busengebäck werden aber weit mehr als schützende Kräfte gegen Feuer nachgesagt. So soll es auch gegen Heimweh oder Krankheiten helfen.

Bis heute sind in der Stadt Wil weitere Bräuche hinzugekommen. «Denn Brauchtum ist nie abgeschlossen», erklärt Magdalen Bless-Grabher. Bestes Beispiel hierfür sei das Adventssingen, das erst seit einigen Jahren stattfindet, aber das Potenzial hat, sich einen festen Platz im Kalender der Äbtestadt zu sichern. Auch der Laternenumzug an Silvester, das Steckliträge und nicht zuletzt die Fasnacht sind aus Wil nicht wegzudenken.

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