Vom Wendepunkt zurück zum Nullpunkt

Der Stadtrat beantragt dem Parlament eine Oberstufe ohne Mädchensekundarschule St. Katharina und will den Vertrag kündigen. Damit spielt der Stadtrat mit dem Feuer, weil er die seit Jahrzehnten diskutierte Frage nicht beantworten lässt: Kathi Ja oder Nein?

Hans Suter
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Ein Höhepunkt in jedem Schuljahr an der Mädchensekundarschule St. Katharina: das selber erarbeitete Musical der Drittklässlerinnen. (Bild: Gianni Amstutz)

Ein Höhepunkt in jedem Schuljahr an der Mädchensekundarschule St. Katharina: das selber erarbeitete Musical der Drittklässlerinnen. (Bild: Gianni Amstutz)

Wie oft muss man einen Schulvertrag kündigen, bis die Kündigung in Rechtskraft erwächst? Ein Mal, im Normalfall. Im Fall Stadt Wil versus Mädchensekundarschule St. Katharina dagegen mindestens drei Mal. Zudem kann das ganze Prozedere gut und gerne Jahre oder gar Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Wie ist das möglich?
Aktuell besuchen rund 160 junge Wiler Frauen die Mädchensekundarschule St. Katharina. Das Kathi, wie die traditionsreiche Privatschule im Volksmund genannt wird, beschult ausschliesslich Mädchen der Sekundarstufe I, bislang jedoch keine Realschulmädchen und keine Knaben (siehe Zusatztext). Das Kathi untersteht wie die öffentlichen Schulen dem kantonalen Lehrplan und verfügt über eine Bewilligung für die sogenannte Seedukation (geschlechtergetrennte Beschulung). Die Gemeinde Wil und das Kloster St. Katharina als Gründerin und damalige Trägerin der Schule haben die Zusammenarbeit 1996 mit einem neuen Schulvertrag geregelt.
Aktuell entrichtet die Stadt pro Mädchen und Jahr ein Schulgeld von 20000 Franken an das Kathi. Laut Stadträtin Jutta Röösli sind die Kosten für die Beschulung an einer der drei städtischen Oberstufen Lindenhof, Sonnenhof und Bronschhofen fast genau gleich hoch.

Schulvertrag gekündigt und doch nicht gekündigt

Das Kathi ist seit Jahren ein politischer Zankapfel, bei den Mädchen und in der Bevölkerung aber sehr beliebt. An der Urne hat sich die Bevölkerung bereits einmal klar für den Erhalt dieser Schule ausgesprochen. Das liegt aber Jahrzehnte zurück und es hat sich seither viel verändert. Unter anderem hat das Dominikanerinnenkloster die Schule an die Stiftung Schule St. Katharina übertragen. Immer wieder wurde über einen neuen Schulvertrag diskutiert und verhandelt – ohne Erfolg. Am 11. Februar 2016 dann hat das Stadtparlament dem Nachtrag I zum Schulvertrag mit der Stiftung Schule St. Katharina zugestimmt. Darin wurde unter anderem festgehalten, dass der Vertrag auf Ende Juli 2023 automatisch als gekündigt gilt, falls bis Ende Juli 2018 kein neuer Vertrag abgeschlossen und durch die zuständigen Organe genehmigt worden ist. Diese Frist wäre mittlerweile abgelaufen, hätten die Jungen Grünen Wil-Fürstenland nicht eine Abstimmungsbeschwerde eingereicht. Das Departement des Innern wies die Beschwerde zwar ab, die Jungen Grünen Wil-Fürstenland legten aber beim Verwaltungsgericht Beschwerde ein und dieses wiederum wies die Beschwerde an das zuständige Departement zurück, wo sie heute noch liegt. Der vom Stadtrat gewünschte Kündigungsprozess ist somit seit nunmehr zweieinhalb Jahren blockiert. Das ist nicht unerheblich vor dem Hintergrund, dass die zwischen Stadt und Kathi vertraglich vereinbarte Kündigungsfrist fünf Jahre beträgt. Auf einen neuerlichen Versuch in diesem Jahr, den Schulvertrag zu kündigen, ist das Parlament nicht eingetreten. «Bei uns ist bis heute keine Kündigung eingetroffen», sagt Stiftungsratspräsident Armin Eugster.
Nun sieht sich das Kathi mit dem dritten Kündigungsversuch konfrontiert. Am Montag hat der Stadtrat bekannt gegeben, dass er ab dem Jahr 2024 nur noch drei statt vier Oberstufen führen will, nämlich die Oberstufenschulen Lindenhof, Sonnenhof und Bronschhofen (Ausgabe von gestern). Den Vertrag mit der Stiftung Schule St. Katharina will der Stadtrat unter Einhaltung der fünfjährigen Frist kündigen. Der Bericht mit Antrag des Stadtrats geht nun an die vorberatende Kommission. Voraussichtlich im Sommer 2019 wird das Parlament darüber entscheiden. Sollte sich die Mehrheit der 40 Parlamentarierinnen und Parlamentarier für den stadträtlichen Antrag aussprechen, können die Unterlegenen versuchen, 15 Stimmen zu gewinnen, um das Ratsreferendum zu erwirken, womit es zu einer Volksabstimmung käme. Die Chance ist nicht zu unterschätzen.

Der Haken bei der möglichen Volksabstimmung

Als letztes Mittel besteht die Möglichkeit, das fakultative Referendum zu ergreifen. Zum Erwirken einer Volksabstimmung sind 500 Unterschriften nötig, was angesichts der Beliebtheit des Kathi eine Formsache sein dürfte. Das Volk kann allerdings nur darüber abstimmen, was das Parlament entschieden hat: Also Ja oder Nein zum beantragten Schulmodell und nicht Ja oder Nein zum Kathi an sich. Lehnt die Bürgerschaft die Vorlage ab, steht der Stadtrat wieder am Nullpunkt. Er weiss dann zwar, dass das Stimmvolk das vorgeschlagene Modell ohne Kathi nicht will, aber nicht warum. Eine Antwort auf die Grundsatzfrage, ob das Volk das Kathi und geschlechtergetrennte Schulen künftig im Angebot haben will, erfährt die Exekutive nicht explizit. Damit bleibt die umstrittene Kernfrage weiterhin unbeantwortet, was den Stadtrat unter anderem vor grosse zeitliche Probleme stellen würde. Denn die Zahl der Schülerinnen und Schüler wächst weiterhin und der Schulraum wird zusehends knapper. Der Stadtrat schätzt den Investitionsbedarf in die Wiler Schule auf mindestens 133 Millionen Franken, und zwar ungeachtet des gewählten Schulmodells.
Um Klarheit über die Volksmeinung zu erhalten, müsste der Stadtrat eine Vergleichsabstimmung durchführen, bei der zwischen grundsätzlichen Varianten gewählt werden könnte. Das aber lässt die aktuelle Gemeindeordnung nicht zu. Wäre der Stadtrat bereit, die Gemeindeordnung vorgängig anzupassen, könnte er dieses Problem aus der Welt schaffen. Dazu fehlt der Ratsmehrheit aber bislang die Bereitschaft.

Rückblende in die wechselvolle Geschichte

Die heutige Mädchensekundarschule St. Katharina hat ihren Ursprung in der damaligen Schule des Dominikanerinnenklosters St. Katharina. 2009 durfte die Wiler Schule das 200-jährige Bestehen feiern. Laut der Historikerin Magdalen Bless-Grabherr ist die Schulgeschichte «genau genommen sogar noch viel älter und reicht bis ins Mittelalter zurück».

Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert bedrohten die politischen Umwälzungen der Helvetik das Kloster St. Katharina grundlegend in der Existenz. Schon vorher hatte die Klosterfeindlichkeit der Aufklärungszeit bei den grossen Nachbarn im Osten und Westen, im Habsburgerreich und in Frankreich, ihre Schatten geworfen. 1789 kam es beim westlichen Nachbarn der Schweiz zur grossen Französischen Revolution. Als eine Folge wurden in Frankreich sämtliche Klöster aufgehoben und sämtliche Nonnen und Mönche wurden vertrieben. Auch in der Schweiz insgesamt und ebenso in Wil gärte es. 1795 kam es im Fürstenland zu einem Aufstand. Noch kurz vor seinem Tod kam Abt Beda Angehrn den Forderungen des Landvogts weitgehend entgegen. Wenig später äusserten sich auch in Wil unzufriedene Bürger, worauf Abt Pankraz Vorster, ein gebürtiger Wiler, im Dezember 1797 mit einem «Gnadenbrief» reagierte. Doch schon in den folgenden Wochen überstürzten sich die Ereignisse, das Ancien Régime brach in der gesamten Eidgenossenschaft wie auch im st. gallischen Kloster zusammen. Im April 1798 proklamierten Abgeordnete aus verschiedenen Teilen der Schweiz (die Ostschweiz, inklusive st. gallisches Gebiet, war nicht vertreten) in Aarau die «Helvetische Republik». Wie überall, musste die Bevölkerung auch in Wil der neuen helvetischen Regierung einen Treueid leisten. Dies geschah am 30. August 1798 auf dem Hofplatz. Es folgten schwierige Jahre. Bisherige Strukturen funktionierten nicht mehr, neue noch nicht, und viele Leute verarmten. In dieser politisch turbulenten Zeit kam es auch noch zu Missernten. Überall in den Wiler Strassen gab es Bettler. Klöster waren bei Bettlern ein besonders beliebtes Ziel, was auch das Dominikanerinnenkloster in Wil fast an ihre Grenzen brachte.

Mit der Gründung des Kantons St. Gallen 1803 wurde das Erziehungswesen zu einer Staatsangelegenheit. Im Wissen um die gute Bildung der Nonnen wurde 1804 erstmals die Idee ausgebreitet, dass das Kloster die Mädchenschule in Wil übernehmen könnte. 1809 wurde dies Realität und sicherte dem Kloster den Fortbestand und den jungen Wiler Frauen eine gute Bildung. In den nächsten 150 Jahren wuchsen die Stadt und das Kloster, und die Schule gedieh. Bis ins Jahr 1965 trugen die Schwestern von St. Katharina die volle Verantwortung für die Mädchenschule in Wil von der 1. bis zur 8. Klasse. Auf Wunsch der Klosterfrauen wurde die Mädchenprimarschule 1965 von der Schulgemeinde Wil übernommen. Geblieben ist die Mädchensekundarschule, die weit innovativer agierte als die meisten öffentlichen Schulen. Sie führte bereits früh ein Musikprofil, Tagestrukturen und ein Musical ein. Seit 1993 steht die Schule unter einer weltlichen Leitung. (hs)

Quelle: Jubiläumsschrift «200 Jahre Mädchenschule St. Katharina Wil – 1809 bis 2009»