Vom Turnfest in die Notaufnahme

Platzwunden statt Medaillen: Für sechs Rheintaler Turner endete der diesjährige Tannzapfe-Cup im Spital. Sie waren von Unbekannten mit Schlagringen und Pfefferspray angegriffen worden. Es ist nicht der erste Vorfall im Hinterthurgau.

Olaf Kühne
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Da war die Welt des Tannzapfe-Cups noch in Ordnung: Turner des STV Langendorf zeigen ihr Programm. (Bild: Magnus Graf)

Da war die Welt des Tannzapfe-Cups noch in Ordnung: Turner des STV Langendorf zeigen ihr Programm. (Bild: Magnus Graf)

OBERWANGEN. Ein «Sommernachtsfest bis in den frühen Morgen» hätte es werden sollen, ein gemütlicher Ausklang des diesjährigen Tannzapfe-Cups. 120 Vereine waren am vorletzten Samstag nach Oberwangen gekommen, um sich am alljährlichen Höhepunkt der Hinterthurgauer Turnersaison sportlich zu messen und danach ein friedliches Fest zu feiern. Doch für sechs Turner aus dem Rheintal endete die Nacht im Spital. Um Mitternacht wollten sich die St. Galler auf den Heimweg machen. Sie waren im Begriff, ihren Reisecar zu besteigen, als sie von einer Gruppe Unbekannter verbal angepöbelt wurden. Ein Wort gab schnell das andere, so Zeugenaussagen, und schon flogen die Fäuste. Doch es sollte ein ungleicher Kampf werden. Denn die Angreifer waren mit Schlagringen und Pfefferspray perfekt auf den Konflikt vorbereitet, hatten die Auseinandersetzung offenbar gesucht. Blaue Augen, genähte Platzwunden und ein angerissenes Jochbein waren die hässlichen Folgen einer Nacht, die so friedlich begonnen hatte.

Keine lückenlose Sicherheit

«Wir bedauern den Vorfall zutiefst und verurteilen ihn aufs Schärfste», sagt OK-Präsident Beat Aebi. Zwar habe man «ein ausgereiftes Sicherheitskonzept», welches man Jahr für Jahr den Bedürfnissen und Gegebenheiten anpasse. Zudem arbeite man vor und während des Anlasses mit einer professionellen Sicherheitsfirma und eng mit der Kantonspolizei zusammen. Auf einem Festgelände mit mehreren tausend Besuchern könne man aber schlicht nicht den letzten Meter zu jeder Sekunde überwachen. «Erschwerend kommt hinzu», so Aebi weiter, «dass wir offensichtlich mit einem neuen Phänomen konfrontiert sind.» Solch äusserst aggressiv und brutal auftretende Gruppen, die nur aus diesem Grund anreisten, seien schon an verschiedenen Anlässen aufgetaucht, so Anfang Mai am Kantonalen Schwingfest in Balterswil.

Schläger waren keine Turner

Daniel Stamm war OK-Präsident des Schwingfestes. Er bestätigt den Vorfall, präzisiert aber, dass dieser sich nicht am eigentlichen Sportanlass ereignet habe, sondern zwei Tage zuvor am Bar-Pub-Festival. «Ein Festbesucher wurde von Unbekannten angegangen und musste sich danach im Spital behandeln lassen», sagt Stamm. Nach seinen Erkenntnissen seien die Angreifer, wie auch in Oberwangen, Aussenstehende gewesen, keine Festteilnehmer. Stamm glaubt denn auch nicht, dass sein Sicherheitskonzept mangelhaft gewesen sei. «Kommt jemand an einen Anlass, um Randale zu machen, ist man machtlos», sagt er. Grössere Anlässe stehen für den das Schwingfest organisierenden TV Balterswil derzeit nicht an. In die Organisation künftiger Feste werde man die Ereignisse aber sicher einfliessen lassen, so Stamm. An ein Aufrüsten im Sicherheitsbereich glaubt er nicht. «Zu viele Uniformierte können je nach Stimmung auch kontraproduktiv sein.» Vielmehr würde Stamm künftig auf die abschreckende Wirkung einer Videoüberwachung setzen. «Zürcher Turnvereine haben schon gute Erfahrungen gemacht.»

Kein bekanntes Phänomen

Der Angriff auf die Turner nach dem Tannzapfe-Cup ist bei der Kantonspolizei Thurgau aktenkundig, wie Mediensprecher Matthias Graf bestätigt. «Wir haben bereits Auskunftspersonen befragt», sagt er. «Die Ermittlungen sind im Gange.» Nicht bestätigen kann Graf den Vorfall in Balterswil. Zwar sei in der Nacht auf den 2. Mai tatsächlich ein entsprechender Notruf eingegangen. «Als die Patrouille eintraf, konnten aber keine Personen angetroffen werden.» Auch sei in der Folge keine Anzeige erstattet worden. Graf will denn auch nicht von einem bekannten Phänomen sprechen. «Eine Häufung solcher Vorfälle an Turnfesten ist uns nicht bekannt.»