Vom Fernsehen bis zum Rauchen

WIL. Seit 2011 beteiligt sich die Stadt Wil am Projekt Femmes-Tische der Caritas St. Gallen-Appenzell. Ein Ziel ist es, Migrantinnen Wissen insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Erziehung zu vermitteln. Im vergangenen Jahr haben 175 Frauen daran teilgenommen.

Ursula Ammann
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Bild: unknown

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Ihr Mann verbringe viel Zeit am Handy, wodurch das Reden etwas zu kurz komme, erzählt eine junge Frau. Die anderen Teilnehmerinnen hören ihr aufmerksam zu. Einige nicken, andere ergreifen das Wort, geben Tips: Sie solle ihren Mann einmal darauf aufmerksam machen, wahrscheinlich sei er sich des Problems gar nicht bewusst, meint eine Frau. Eine andere rät, gemeinsam Zeitfenster zu vereinbaren, in denen Handy und Fernseher ausgeschaltet seien und man sich nur auf den Partner konzentriere.

Reflexion fördern

An den Femmes-Tischen (siehe Infokasten), wie sie seit vier Jahren auch in Wil stattfinden, sprechen Migrantinnen miteinander über verschiedene Themen – sei es über Ernährung, Sport, Sucht oder Geld. Das Besondere daran: Die Teilnehmerinnen unterhalten sich in ihrer Muttersprache. In Wil gibt es die Femmes-Tische auf Albanisch, auf Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und auf Türkisch/Kurdisch. Bei Bedarf auch auf Tamil oder Tigrinya. Eine Moderatorin leitet die Gesprächsrunde jeweils, gibt der Diskussion in Form von Fragestellungen neue Anregungen. «Wie oft seid Ihr pro Tag zu Fuss unterwegs», «Wie oft esst Ihr zu Hause Früchte und Gemüse» oder «Wie lange dürfen Eure Kinder fernsehen» sind Beispiele.

«Die Idee ist, dass die Teilnehmerinnen ihr eigenes Verhalten reflektieren und dass ihnen allfällige Nachteile aufgezeigt werden», erklärt Ellen Glatzl, Projektleiterin Femmes-Tische bei Caritas St. Gallen-Appenzell. Es gebe Mütter, die ihre Kinder fast unbegrenzt fernsehen lassen, in der Hoffnung, diese würden dadurch besser Deutsch lernen. Dass sich das Kind dadurch zu wenig bewege, müsse ihnen erst bewusst gemacht werden.

Primär ein Bildungsangebot

Seit 2011 führt die Caritas St. Gallen-Appenzell das Projekt Femmes-Tische auch im Auftrag der Stadt Wil durch. Ziel sei es, dass zentrales Wissen insbesondere in den Bereichen Gesundheit und Erziehung weitergegeben werden könne, sagt Felix Baumgartner, Integrationsbeauftragter der Stadt Wil. Das Angebot richte sich vor allem an Migrantinnen, die mit diesen Informationen – gerade aufgrund sprachlicher Barrieren – schwer zu erreichen seien. Femmes-Tische sei in erster Linie als Elternbildungsangebot und erst in zweiter Linie als Integrationsmassnahme zu verstehen.

Im Lancierungsjahr 2011 haben in der Stadt Wil 91 Frauen am Projekt teilgenommen. 2012 waren es bereits 176, und im Jahr 2013 lag die Zahl der Teilnehmerinnen bei 186. Im Jahr 2014 waren es 175.

Er werte die Durchführung der Femmes-Tische als Erfolg, sagt Felix Baumgartner. Dies zumal ja nicht nur die einzelne Teilnehmerin profitiere, sondern auch deren Kinder. Zudem könne man davon ausgehen, dass die Frauen auch mit Freundinnen über das Gehörte sprechen und dadurch ein Bewusstseinstransfer stattfinde.

Projekt zeigt Mehrfachwirkung

Auch für Projektleiterin Ellen Glatzl ist klar: «Femmes-Tische löst viele Bewegungen aus.» Sie berichtet von Strategien, welche die Frauen im Gespräch mit den andern entwickeln, um Situationen zu Hause zu verbessern. Ein Beispiel: Die Teilnehmerinnen diskutierten, wie sie ihrem Besuch klar machen können, dass in der Wohnung nicht geraucht werden darf. Dadurch kam eine Migrantin auf eine Idee. Sie installierte zu Hause an der Decke eine Rauchmelderattrappe. Seither pafft der Besuch auf dem Balkon, um keinen Feueralarm auszulösen.

Wirkung zeigt das Projekt auch bei den Moderatorinnen, die in der Regel als gewöhnliche Teilnehmerinnen angefangen haben. Sie profitieren gemäss den Projektverantwortlichen, weil sie Kompetenzen erwerben und Selbstvertrauen gewinnen und so leichter einen Einstieg in den Arbeitsmarkt finden.

Das Projekt Femmes-Tische wird in Wil in verschiedenen Sprachen durchgeführt. Darunter auf Türkisch/Kurdisch und auf Albanisch. (Bild: Ursula Ammann)

Das Projekt Femmes-Tische wird in Wil in verschiedenen Sprachen durchgeführt. Darunter auf Türkisch/Kurdisch und auf Albanisch. (Bild: Ursula Ammann)

Felix Baumgartner Integrationsbeauftragter Stadt Wil

Felix Baumgartner Integrationsbeauftragter Stadt Wil

Ellen Glatzl Projektleiterin Femmes-Tische, Caritas St. Gallen-Appenzell

Ellen Glatzl Projektleiterin Femmes-Tische, Caritas St. Gallen-Appenzell

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