Vollmond liess sich nicht lumpen

Vom Hanfgarten bis zur Höll und von der Ottenegg bis zum Kloster Fischingen. Die gegen 200 Nachtwanderer erlebten einen phantastischen Abend und eine filmreife Vorführung des aufgehenden Mondes über der Höll.

Ruth Bossert
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FISCHINGEN. Alleine wandern kommt für die 10jährige Eliane überhaupt nicht in Frage. «Ich mag das Wandern nur, wenn noch andere Leute dabei sind», erzählt die gesprächige Viertklässlerin, deshalb habe sie gleich selber noch Leute zusammengetrommelt. Mit dabei ist auch ihre Freundin Delia. «Wir wollten eigentlich nur bei uns zu Hause übernachten, nun habe ich sie gleich mitgenommen zum Wandern», Eliane lacht und schubst ihre Freundin. Zusammen mit ihren Eltern ist Eliane das dritte Mal dabei und findet die Wandernacht einfach cool, und zudem könne man dann einmal so richtig lange aufbleiben und müsse nicht schon ins Bett, wenn es noch fast hell ist. Zudem kenne man noch die eine oder andere aus dem Dorf, und bei der Höll, wo man dann auch noch vorbeikomme, wohne eine Schulfreundin von ihnen. «Doch bis zur Höll, ja das ist dann noch ein langer Weg», stellt sie fest und packt Delia am Rucksack und los geht es vom Kloster Richtung Anetsprungen.

Von der besten Seite

Noch bevor Werner Ibig, Präsident des Verkehrsvereins Fischingen, die Wanderer zur 8. Schweizer Wandernacht begrüsst hat, laufen sie los, die ganz Schnellen, die Langsamen oder die, die einfach nicht mehr warten wollten. Da jeder sein eigenes Marschtempo bestimmen kann, zieht sich der Tatzelwurm der nächtlichen Wandervögel schnell mal in die Länge. Die einen laufen los, als absolvieren sie ein Training für den nächsten Alpen-Marathon, andere stellen seelenruhig ihre Wanderstöcke in die richtige Länge und viele schwatzen, lachen und verweilen bei einer Rauchpause, während sie von rüstigen Senioren sportlich überholt werden. Der Abend zeigt sich von seiner besten Seite. Der Himmel ist fast wolkenlos, die Temperaturen sind ideal um die 20 Grad. Die Steigung von ungefähr 200 Höhenmetern bis zum Rotbühl spüren die Untrainierten, die Unterhaltung wird weniger, hin und wieder greift der eine oder andere zur Wasserflasche, die Schweissperlen sammeln sich auf der Stirn. Die Wanderer bewundern die Wiesenblumen am Wegrand: Margeriten, Witwenblumen, Wiesen-Pippau, Flockenblumen und Wiesensalbei, es ist eine Pracht.

Beim Rotbühl hat die Wanderschaft den ersten höchsten Punkt erreicht, nun geht es wieder bergab, Richtung Hinterschwendi. Eliane und Delia sitzen bereits am Gartentisch und mampfen eine Grillwurst. «Die haben sie sich verdient», sagt Elianes Mutter, Pia Etter aus Fischingen. Der Service geht rasch und die Würste finden reissenden Absatz. Von den 200 vorbereiten Cervelats und Bratwürsten sind nicht mehr viele übrig, und noch lange sind nicht alle Wanderer hier. Die Ersten sind schon wieder weg, bevor die Letzten da sind. «Das ist gut so, erklärt Werner Ibig, «so kommt man sich nicht in die Quere.» Wer es bis dahin geschafft hat, kriegt einen Gutschein für einen Gratis-Dessert am Ziel. Mit leichtem Schritt geht es abwärts. In der Au hätte man nun die Möglichkeit, die verkürzte Route direkt nach Fischingen zu nehmen.

Romantische Stimmung

Doch kaum jemand will den Mond verpassen, die Allermeisten nehmen den erneuten Aufstieg in Kauf. Der Schatten wird nun länger, die Sonne verabschiedet sich und lässt einen farbigen Himmel zurück. Die Umrisse der umliegenden Wälder und Hügel zeichnen sich exakter ab vom Horizont, die Dämmerung umspielt die Landschaft und plötzlich ist es nicht mehr die schneeweisse Iddaburg, welche sich als einzige am waldigen Horizont zeigt. Prall, leuchtend und kugelrund zeigt sich urplötzlich der Mond in seiner schönsten Pracht.

Die Wanderer bleiben stehen, schauen und staunen. «Unten die Höll, oben der Mond und mittendrin die Marienstatue, wenn das nicht ein mystischer Moment ist», sagt eine Frau aus Wil und setzt sich fast ehrwürdig ins leicht feuchte Gras. Nun geht es aber zügig durch den dunklen Wald Richtung Fischingen und bald schon ist man da, vor der Pforte des Klosters, und wird eingelassen und mit einer Meringue und Rahm aufs Feinste verwöhnt. Auch Eliane und Delia sind schon da und schlecken das Sahnehäubchen von ihren Lippen.