VOGELSCHUTZ: Der Liebling wird zum Jäger

Mit dem Frühling beginnt die Brutzeit. Jungvögel sind eine begehrte Beute mitunter bei Katzen. Der Präsident von Natur plus in Fischingen empfiehlt, diese gar nicht erst frei rumlaufen zu lassen, wenn man in einem Schutzgebiet wohnt.

Thomas Riesen
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Niklaus Schnell von Natur plus Fischingen zeigt einen der vielen katzensicheren Nistplätze an seinem Haus. (Bild: Marlies Scarpino)

Niklaus Schnell von Natur plus Fischingen zeigt einen der vielen katzensicheren Nistplätze an seinem Haus. (Bild: Marlies Scarpino)

Thomas Riesen

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Häufig haben die Stubentiger zierliche Namen wie Kitty, Cindy oder Simba. Doch egal, wie Katzenbesitzer ihr Tier auch nennen: Es ist immer auch ein kleines Raubier, sobald das Haus verlassen wird. Dann wird die Katze zum Jäger. Vögel sind eine beliebte Beute. Während es anspruchsvoll ist, erwachsene Vögel zu erwischen, sieht es bei Jungvögeln anders aus. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass der Beuteanteil von Vögeln rund 20 Prozent beträgt. Schweizer Wissenschafter haben errechnet, dass freilaufende Katzen in Mitteleuropa durchschnittlich 25 Vögel pro Jahr fangen.

Bodenbrüter und Schilfbrüter gefährdet

In der Schweiz leben nicht weniger als etwa 1,5 Millionen Katzen. Rund 70 Prozent geniessen freien Auslauf. «Studien gehen davon aus, dass es rund 50 bis 60 Katzen pro Quadratkilometer sind», sagt Niklaus Schnell, Präsident des Vereins «Natur plus» in Fischingen. Wenn die Zahlen stimmen, erbeuten Katzen in der Schweiz jährlich rund eine halbe Million Vögel. «Die Zahlen sind erschreckend», sagt der Präsident des Hinterthurgauer Vereins. Laut der Vogelwarte Sempach sind es meist Amseln, Meisen, Finken und Sperlinge. Sie sind jedoch nicht gefährdet.

Bei den tangierten Vogelarten liegt die Betonung auf «meist». Betroffen sind auch Bodenbrüter und Schilfbrüter. Diesen Hinweis liefert Mathis Müller vom Verein Thurgauer Vogelschutz, Mitarbeiter der Vogelwarte Sempach. Er weist darauf hin, dass ein gewisser Verlust bei den meisten Singvögeln von der Natur einkalkuliert ist. «Wenn es aber den Jungvogel einer gefährdeten Art trifft oder gar die Mutter, dann ist es ein echter Verlust, der kaum zu ersetzen ist», sagt Niklaus Schnell.

In der Region Wil gibt es mehrere Schutzgebiete für gefährdete Vogelarten wie Kiebitze, Laubsänger, Rohrsänger, Feldlerche oder andere. Auf St. Galler Seite sind es das Girenmoos (Flawil), das Botsberger-Riet (Flawil), der Bettenauer Weiher (bei Oberzuwil), das Auengebiet entlang der Glatt (Uzwil, Oberuzwil, Flawil) sowie das Naturschutzgebiet Thurau bei Wil. Auf Thurgauerseite sind es Ägelsee (Littenheid), Mooswanger Ried (bei Sirnach) und Bichelsee. In all diesen Gebieten bittet Niklaus Schnell die Anwohner, ihre Katzen nicht ins Freie zu lassen. Mathis Müller betont: «Wer in der Nähe eines Schilfs lebt, sollte sich bewusst sein, was seine Katze bewirkt.»

Der Mensch als grösster Feind

Doch so sehr sich Mathis Müller und Niklaus Schnell die heikle Situation der nächsten Monate bewusst sind, so wenig wollen sie die Katze verteufeln. Schnell weist auf ihren Nutzen für Landwirte und als Familienmitglied hin. Denn eines sollte nicht vergessen werden: Vögel haben zahlreiche, natürliche Feinde und die Gefährdung gewisser Vogelarten ist vor allem auf den Menschen zurückzuführen. Und zwar durch die Verschlechterung der Lebensräume und die illegale, aber in südlichen Ländern weit verbreitete Jagd auf das Rotkehlchen und andere Zugvögel.