«Während sieben Tagen die Woche im Vier-Schicht-Betrieb»: Coronavirus füllt die Auftragsbücher einer Degersheimer Firma

Die Coronakrise bringt auch Gewinner: Aufgrund der Nachfrage produziert die Nolato Treff AG in Degersheim an sieben Tagen rund um die Uhr.

Andrea Häusler
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In den Reinräumen des Degersheimer Kunststoffverarbeiters, wo Arbeitsmittel für Laboratorien hergestellt werden, war die umfassende Schutzbekleidung schon vor der Covid-19-Krise Standard.

In den Reinräumen des Degersheimer Kunststoffverarbeiters, wo Arbeitsmittel für Laboratorien hergestellt werden, war die umfassende Schutzbekleidung schon vor der Covid-19-Krise Standard.

Bild: PD

Handschuhe, Hygienehaube, Mund-/Nasenschutzmaske und ein Schutzoverall: In den Reinräumen der Nolato Treff AG in Degersheim sind Hygienemassnahmen Standard. Und dies nicht erst seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie. Gleichwohl hat sich die globale Ausbreitung des Virus auf den Degersheimer Kunststoffverarbeiter ausgewirkt. Geschäftsleiter Guido Vollrath sagt:

«Im Wesentlichen positiv, in einigen Bereichen herausfordernd.»

Wirtschaftlich gehört die Schweizer Tochter der Schwedischen Nolato Group zu den Profiteuren des krisenbedingten Lockdowns.

Die Nolato Group

Die schwedische Unternehmensgruppe Nolato entwickelt und fertigt Produkte aus Polymerstoffen, zum Beispiel Kunststoff, Silikon und thermoplastische Elastomere. Die Kunden sind Anbieter der medizintechnischen, pharmazeutischen, Telekommunikations-, Automobil-, Geräte- und Hygieneindustrie. Der seit 2016 zur Gruppe gehörende Standort Treff in Degersheim stellt mit rund 240 Mitarbeitenden Kunststoffspritzgussteile für die Bereiche Diagnostik/Medizintechnik, Industrie und Labor her und erzielt einen Jahresumsatz von rund 70 Millionen Franken. Vor gut einem Jahr wurde hier die Produktionsfläche um 1500 auf rund 11000 Quadratmeter erweitert. (ahi)

Während Kleinunternehmen ums Überleben kämpfen, Grossfirmen mit Kurzarbeit die drohenden Arbeitsplatzverluste abzuwenden suchen, laufen die Fertigungsanlagen in Degersheim auf Hochtouren. «Während sieben Tagen die Woche im Vier-Schicht-Betrieb», präzisiert Vollrath. Speziell in der Sparte «medizintechnische Komponente» sei die Nachfrage exorbitant gestiegen.

Guido Vollrath, Geschäftsleiter der Nolato Treff AG.

Guido Vollrath, Geschäftsleiter der Nolato Treff AG.

Bild: PD
«Von einigen Artikeln könnten wir derzeit das Dreifache der Produktionskapazität verkaufen.»

Beispiele dafür sind Bestandteile für Testanlagen wie Einwegpipetten aus Kunststoff oder sogenannte PCR-Platten, die zur Erkennung von Virusinfektionen oder auch für das Erstellen genetischer Fingerabdrücke in biologischen und medizinischen Laboratorien eingesetzt werden.

Vorteile der Systemrelevanz

Die Bedeutung des Degersheimer Unternehmens als Zulieferer für «system-relevante Betriebe» im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie untermauert Guido Vollrath mit mehreren Schreiben von Grosskunden aus Deutschland und der Schweiz. Darin wird die Nolato Treff AG aufgefordert, intern, aber auch im Austausch mit Behörden, alles daran zu setzen, dass die Lieferketten nicht unterbrochen werden.

Dieser faktische Ausnahmestatus, den sich Nolato Schweiz sichern konnte, erleichtere unter anderem auch die Beschaffung von Desinfektionsmitteln und Schutzmasken, die in der Fertigung unabdingbar sind. Trotz des globalen Mangels und der Lieferverzögerungen seien Nachbestellungen im März noch möglich gewesen, sagt Guido Vollrath.

Das Chrom und die Beatmungsgeräte

Von erschwerenden Auswirkungen der Krise gänzlich verschont blieb die Nolato Treff AG aber doch nicht. An Ohnmachtsgrenzen stösst das Unternehmen dann, wenn Abhängigkeiten vom Ausland bestehen. Wie etwa bei den Bedienknöpfen für Beatmungsgeräte. Diese werden zwar in Degersheim produziert, aber in Italien verchromt. Nun funktioniert derzeit die grenzüberschreitende Kooperation nicht.

Um die Verfügbarkeit der Teile trotzdem sicherzustellen, seien schon besondere Efforts nötig gewesen. Vollrath räumt aber ein, dass Nolato diesbezüglich in guter Gesellschaft sei: «Wenn wir lieferfähig sind, bedeutet das noch nicht, dass unsere über ganz Europa verteilte Kundschaft produzieren kann. Fehlen Teile anderer Zulieferer, kommen trotzdem keine Endprodukte auf den Markt.»

Flexibilität und neue Pausenräume

Ungeachtet des Sonderstatus und der vollen Auftragsbücher ist das Geschäftsjahr 2020 auch für Nolato Schweiz ein besonderes. Der Vier-Schicht-Betrieb, beziehungsweise die Zusatzschichten, verlangten von den Mitarbeitenden hohe Kooperationsbereitschaft und Flexibilität. Dessen ist sich die Unternehmensleitung bewusst.

Und mehr noch: «Homeoffice ist in der Produktion kein Thema. Trotz Massnahmen zum Schutz der Gesundheit, der betriebsinternen Kommunikation und eines neuen, den Bundesvorschriften entsprechenden Pausenareals war die Verunsicherung bei der produzierenden Belegschaft gross», sagt Vollrath. Hingegen sei der Nachteil der aus mehreren Gebäuden zusammengesetzten Firmenanlage zum Vorteil gediehen:

«Ein Coronafall im Betrieb bedeutete dank dessen lediglich die befristete Schliessung eines Produktionstrakts, nicht aber des ganzen Betriebs.»

Kunststoffe und ihr ökologischer Fussabdruck

Der derzeit boomende Medizintechnikbereich ist eines der Standbeine der Nolato Treff AG. Laborzubehör sowie Bauteile für die Industrie – beispielsweise Brühgruppen für (Nespresso-)Kaffeemaschinen oder Kunststoffteile für die Automobilbranche – machen weitere aus. Gemeinsam ist allen Produkten:Sie bestehen aus Kunststoff.

Und das Image von «Plastik» ist nun einmal nicht das beste. Er landet in den Mägen von Fischen und Seevögeln, vermüllt die Meere und bedroht in Mikroform das ganze Ökosystem, wird kritisiert. Nur: Kaum ein anderer Werkstoff ist derart wandlungsfähig und vielseitig einsetzbar.

Nicht alle Kunststoffe über einen Kamm scheren

Das weiss kaum einer besser als Guido Vollrath. Und er macht klar: «Es ist falsch, alle Kunststoffe über einen Kamm zu scheren und des ökologischen Fussabdrucks wegen zu verteufeln.» Denn dieser sei nicht per se problematisch. Aufgrund des geringen Gewichts seien Kunststoffe gar geeignet, einen Beitrag zur Reduktion des CO2-Ausstosses zu leisten. Sprich, den Energieverbrauch zu verringern.

Als Praxisbeispiele nennt er Elektrofahrzeuge. Aber auch für den Bau beziehungsweise einen effizienten Betrieb von Windrädern oder Solaranlagen sei der Einsatz geeigneter Kunststoffe unabdingbar.