«Viktoria» – vom Restaurant zur Bank

Vor 100 Jahren in der «Wiler Zeitung»

Ursula Ammann
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Elisa Geissberger lud vor 100 Jahren per Inserat zur Eröffnung. (Bild: Anzeige in der «Wiler Zeitung», 19. Mai 1917)

Elisa Geissberger lud vor 100 Jahren per Inserat zur Eröffnung. (Bild: Anzeige in der «Wiler Zeitung», 19. Mai 1917)

«Es wird mein eifrigstes Bestreben sein, die werte Kundschaft aufs Beste zu bedienen.» Dies teilte Elisa Geissberger der Bevölkerung von Wil und Umgebung in einem Inserat in der «Wiler Zeitung» vom 19. Mai 1917 mit. Sie hatte am 1. Mai das Restaurant Viktoria an der Dufourstrasse übernommen und lud per Anzeige zum Eröffnungsanlass mit gemütlicher Unterhaltung.

Das Speiserestaurant Viktoria – so steht es im Buch «Gastliches Wil» des verstorbenen Geschichteforschers Willi Olbrich – war in einem prächtigen Backsteinbau beherbergt. Zuvor befand sich darin die Wirtschaft «Vier Jahreszeiten». Der damalige Besitzer musste jedoch Konkurs anmelden und verkaufte das Haus. Die neue Wirtin, Maria Katharina Hasler-Rieser, welche das Restaurant 1915 übernahm, gab diesem den Namen «Viktoria». Wie damals bei 80 Prozent aller Wirte in Wil üblich, führte sie den Betrieb nur als Nebenerwerb. Bereits ein halbes Jahr später übernahm Emil Schaub die Wirtschaft und wieder ein Jahr später Elisa Geissberger, die vor 100 Jahren das Inserat in der «Wiler Zeitung» schaltete.

Das «Viktoria» hatte in seiner Geschichte so manchen Wirte­wechsel zu verzeichnen. Im Jahr 1989 kaufte Erika Tobler, langjährige Wirtin des benachbarten Restaurants Speer, die Liegenschaft des Restaurants Viktoria dazu. Die Wände zwischen den beiden Gaststätten wurden herausgebrochen und fortan gab es nur noch das «Viktoria-Speer».

Eine Gaststätte mit zwei Charakteren

«Die beiden Restaurants hatten zwei ganz verschiedene Charaktere», sagt Erika Tobler, welche das fusionierte Restaurant bis 2011 führte. Bestimmte Gäste hätten auch nach der Vereinigung nur im «Speer» Platz genommen, wo viel gejasst wurde, andere hätten das «Viktoria» vorgezogen. «Letzteres haben wir etwas umgemodelt und noch eine Bar eingebaut», sagt Erika Tobler. Das «Viktoria-Speer» verfügte auch als zusammengeschlossene Gaststätte noch über die zwei ursprünglichen Eingänge. Auf der Karte stand aber nur ein Mittagsmenu und das kam aus ein und derselben Küche.

Erika Tobler war die letzte Wirtin des «Viktoria-Speer». Nach 36 Jahren Wirtetätigkeit trat sie in den Ruhestand. 2012 wurde das Backsteinhaus umgebaut. Heute befindet sich an der Stelle des «Viktoria» die Acrevis-Bank. Dort, wo der «Speer» war, gehen heute die Kunden von Denner ein und aus.

Ursula Ammann