Viermal Gold und zweimal Silber: Eine
17-jährige Islandpferd-Reiterin aus dem Toggenburg auf Erfolgskurs

Indira Scherrer hat durch viermal Gold an der Islandpferde-Schweizer Meisterschaft ein Karriereziel erreicht.

Urs Huwiler
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Indira Scherrer und ihr Pferd Sleipnir vom Neckertal harmonieren perfekt.

Indira Scherrer und ihr Pferd Sleipnir vom Neckertal harmonieren perfekt.

Bild: Urs Huwiler

Egal, ob mit oder ohne Pferd, wer an einer international betriebenen Sportartart an den nationalen Titelkämpfen viermal eine Gold- und zweimal eine Silbermedaille gewinnt, muss was draufhaben. So auch die Islandpferde-Reiterin Indira Scherrer. Dank ihrer Erfolgsserie bei den Junioren an der Schweizer Meisterschaft (SM) ist ihr auf dem elterlichen Reithof Neckertal in Brunnadern der Aufstieg ins Senioren-Nationalkader gelungen.

Dabei hätte die erst 17-jährige Kauffrau in Ausbildung bei der Firma Mosmatic im Nachbardorf Necker eine Altersstufe tiefer bei der Jugend starten können. Doch jene Klasse dominierte sie in der Vergangenheit schon mit zehn Titeln. Vier programmierte Siege mehr hätten die Dominatorin kaum weiter gebracht. Irgendwann wird sich das gleiche Problem stellen: Bis zum 21. Geburtstag dürfte sie kaum bei den Junioren starten, sondern den vorzeitigen Sprung ins Elite-Feld wagen.

Zweifel an der Qualität von Sleipnir

Erwartet werden durfte der Durchritt deshalb nicht. «Chancen auf Podestplätze habe ich mir bei den Junioren erhofft, aber nicht vier Goldmedaillen», kommentiert Indira Scherrer ihre Bilanz. Siege wurden es für die Lokalmatadorin beim Heimspiel in den Kategorien T2 (Tölt/Ovalbahn), F1 (Fünfgang/Ovalbahn), PP1 (Passprüfung/gerade Rennbahn) und in der Gesamtwertung Fünfgang. Islandpferde beherrschen neben Schritt, Trab oder Galopp die arttypischen Gangarten Tölt und Pass.

Dreimal wurde die Tochter von Sandra und Roger Scherrer mit Sleipnir vom Neckertal von den Richtern am höchsten bewertet. Wie es der Name des Pferdes vermuten lässt, wurde ihr vierbeiniger Partner dort geboren, wo er unter der Zweibeinerin brilliert hat. Die Vermutung, es handle sich um einen seit der Geburt vorprogrammierten Erfolg, täuscht. Sleipnir gehörte jahrelang einer anderen Turnier-Reiterin. Möglich wurde der (Rück)Kauf schliesslich nur, weil die frühere Besitzerin an den Wettkampf-Qualitäten des Hengstes zweifelte.

Corona kam zum richtigen Zeitpunkt

Unter den Insidern rieb sich an der Meisterschaft beim Beobachten des Paares der eine oder die andere verwundert beide Augen über die Fortschritte. Vor einem Jahr sahen sie sich in ihrem Urteil bestätigt, als Indira und Sleipnir kein Exploit gelungen war. «Damals erwartete ich von mir und Sleipnir zu viel, setzte ihn zu oft bei Turnieren ein. Die Freude und Spannung gingen durch die Einsätze verloren», äussert sich die Nachwuchsreiterin durchaus selbstkritisch. Die Coronapause kam sozusagen zum richtigen Zeitpunkt. Indina Scherrer gibt die Blumen für die Gratulationen weiter:

«Wir konnten wochenlang zu Hause bei idealen Bedingungen für uns trainieren und Kräfte auftanken. So gut wie an der Schweizer Meisterschaft war Sleipnir wohl noch nie.»

Und fügt an, zwischen ihnen bestehe eine partnerschaftliche Beziehung.

Frisst Sleipnir allerdings, lässt er sie halb links liegen. Dann ist frisches Gras wichtiger als vier gemeinsam erkämpfte Goldmedaillen.

Immer Unterstützung erhält Indira von ihrer ebenfalls leistungsmässig reitenden Mutter Sandra und dem vorwiegend beratenden Vater Roger Scherrer, der als Inhaber der internationalen Richterlizenz eingeschlichene Fehler sofort korrigieren kann. Nicht nur der Reiterhof mit über 100 Pferden wird als Familienunternehmen geführt, sondern die Familie bildet auch sportlich ein Team.

Die talentierte Tochter des Präsidenten

Dank der Dominanz vor dem fehlenden Heimpublikum wird Indira Scherrer nun zur direkten Konkurrentin des WM-Teilnehmers Urs Strässle (Lichtensteig), der an der Schweizer Meisterschaft ebenfalls zu den Podest-Reitern gehörte. «Wir werden damit gegenseitig keine Probleme haben, gönnen einander die Erfolge», sind Indira und Roger Scherrer überzeugt. Weil Roger Scherrer der Islandpferde-Vereinigung Schweiz als Präsident vorsteht, dürfte dessen Tochter eher unter Beobachtung stehen als die Konkurrenz. Doch er macht sich keine elterlichen Sorgen:

«Unter dem Strich zählt die Leistung. Der Aufstieg von Indira ins Nationalkader kommt nicht überraschend, sondern wurde allgemein erwartet. Was sie leistet, wird anerkannt.»

Bei Selektionen gebe es im Übrigen in allen Verbänden immer Diskussionen.

Volle Konzentration auf das Reiten

Als Auszubildende im dritten Lehrjahr reitet sie täglich nach der Arbeit noch während rund vier Stunden ihre vier Pferde. Dazu gehört neben Sleipnir vom Neckertal das zweite Spitzenpferd Dugur fra Ketilsstöoum, auf dem sie an der Schweizer Meisterschaft die T2-Prüfung gewinnen konnte, das mittelfristig zur Nummer eins werden dürfte und bereits jetzt Sleipnir entlastet.

Nach abgeschlossener Ausbildung wird sie «nur» noch auf dem Reiterhof arbeiten und als Wettkampftyp ihrem Traum nachleben, irgendwann an Weltmeisterschaften, um die vordersten Positionen mitreiten zu dürfen. «Ich liebe die Turnieratmosphäre, das gesamte Ambiente», sagt die Aufsteigerin der bisherigen Saison. Der nächste Karriereschritt ist eingeleitet.