Vierbeinige Missen

Der Gast aus Südamerika staunt. Die Schweiz sei ein schönes Land, und die Leute freundlich. Aber dass sie ihrem Vieh diese Ehre antun, sei seltsam. In seiner Heimat seien die Rinder und Kühe Fleisch- und Milchlieferanten, und die Misswahlen zweibeinigen Schönheiten vorbehalten.

Urs Bänziger
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St. Gallen - Urs Bänziger Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

St. Gallen - Urs Bänziger Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Der Gast aus Südamerika staunt. Die Schweiz sei ein schönes Land, und die Leute freundlich. Aber dass sie ihrem Vieh diese Ehre antun, sei seltsam. In seiner Heimat seien die Rinder und Kühe Fleisch- und Milchlieferanten, und die Misswahlen zweibeinigen Schönheiten vorbehalten. Die Schweizer Sitten und Bräuche sind ihm fremd. Und unsere Kühe kennt er nur aus der Distanz.

Darum gibt es Viehschauen. Nicht nur für Touristen. Denn auch viele Schweizerinnen und Schweizer kennen ihre Milch- und Fleischlieferanten nur vom Vorbeifahren. Die Viehschauen bieten Gelegenheit, genauer hinzuschauen. Ein Experte ist man nach dem Besuch einer Viehschau noch nicht. Aber man weiss zumindest, dass nicht jede Kuh gleich aussieht.

An der Viehschau vereinen sich Arbeit und Stolz der Züchter mit Schweizer Tradition. Den Missen genügt eine Wiese oder ein Ring aus Sägemehl als Laufsteg, um das Publikum zum Entzücken zu bringen. Sauber herausgeputzt sind sie alle, und als Accessoire genügt eine Glocke. An der Viehschau sorgen die Glocken für die Musik. Und auf den Wiesen manchmal für Verdruss. Worüber sich der Gast wundert. Er kann nicht verstehen, dass sich die Leute über das Gebimmel ärgern. Wenn die Schweizer ihre Kühe schon zu Missen küren, dann gehörten Nebengeräusche dazu. Das sei schliesslich bei den zweibeinigen Schönheiten nicht anders.