VIER JAHRE: «Wieso nicht die Stadt im Grünen?»

Morgen Samstag endet Susanne Hartmanns erste Legislatur als Stadtpräsidentin. Die CVP-Politikerin über einen Konflikt, Millionensummen, (k)einen grossen Wurf und eine Marke für Wil.

Philipp Haag
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Stadtpräsidentin Susanne Hartmann in ihrem Büro im Rathaus. (Bild: Philipp Haag)

Stadtpräsidentin Susanne Hartmann in ihrem Büro im Rathaus. (Bild: Philipp Haag)

Philipp Haag

philipp.haag@wilerzeitung.ch

Susanne Hartmann, zum Abschluss ihrer ersten Legislatur als Stadtpräsidentin von Wil entstand eine unschöne Situation, der Konflikt mit Wil Tourismus. Wie konnte es so weit kommen?

Das frage ich mich auch. Ich kann es mir nicht erklären, zumal Wil Tourismus von Anfang an mit einem offiziellen Vertreter aktiv und gleichberechtigt in den Prozess der Neuausrichtung der Organisation involviert war.

Eine Studie kam zum Schluss, die Tourist Info vom Bahnhof in die Altstadt zu verlegen. Wil Tourismus wollte am bewährten Standort festhalten. Es gibt die Behauptung, die Verfasser hätten die Studie im Sinn des Auftraggebers verfasst, der Stadt Wil.

Im ganzen Prozess war uns die externe Sicht von Fachleuten als Entscheidungsgrundlage wichtig. Dabei waren wir stets offen, auch bezüglich des Standorts, und das Team der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur war alleine der Sache verpflichtet. Die Studie ist ebenso fundiert wie neutral. Wir haben nie Einfluss genommen.

Der Widerstand von Wil Tourismus gegen die Standortverlegung war enorm. Hätte die Stadt nicht auf den Wechsel verzichten können?

Wenn wir Erkenntnisse der Studie quasi explizit ausgeblendet hätten, dann hätten wir sie gar nicht erst in Auftrag geben müssen. Es hat sich deutlich gezeigt, dass der Standort aufgrund von Veränderungen im Informations- und Reiseverhalten der Leute beim Bahnhof nicht mehr optimal respektive zwingend ist. Der Standort macht zudem dort Sinn, wo die Leute hingehen.

Wo ist das?

Dies ist nun mal die Altstadt. Zudem sind zentrale Aufgaben der Tourist Info in Verbindung mit dem Stadtsaal weggefallen, als die Migros Ostschweiz 2015 als neue Pächterin und Catering­anbieterin im Stadtsaal dessen Vermarktung selber übernommen hat. Auch dieser örtliche Aspekt wurde damit obsolet. Es gab schlicht kein sachliches Argument, die Stelle beim Bahnhof zu belassen.

Die Aussenwirkung des Konflikts ist verheerend. Die Bevölkerung versteht nicht, dass keine Einigung erzielt werden konnte. Die Stadt steht nun quasi als Totengräber von Wil Tourismus da.

Das lasse ich so nicht gelten: Wir haben immer betont, dass der Verein Wil Tourismus auch künftig wichtige Aufgaben und damit nicht nur eine blosse Daseinsberechtigung, sondern auch eine ganz konkrete Bedeutung haben wird – die Totengräber sind wir sicher nicht. Wir haben versucht, eine Einigung zu finden, und waren jederzeit konstruktiv und transparent. Wir haben Wil Tourismus ein gutes, den Verein stärkendes Angebot für eine neue Leistungsvereinbarung vorgelegt, die der Verein dann leider ablehnte. Nun müssen wir mit der Situation halt einfach leben und das Beste daraus machen – für die Stadt Wil und den Tourismus in Wil.

Ein wiederkehrendes Thema sind die Technischen Betriebe Wil (TBW). Das Unternehmen liefert nächstes Jahr voraussichtlich mehr als fünf Millionen Franken an die Stadtkasse ab, was zehn Steuerprozenten entspricht. Ist es nicht gefährlich, sich von den TBW derart abhängig zu machen?

Das hat sich so entwickelt. Die TBW sind ein Verwaltungszweig der Stadt wie das Steueramt. Ich gehe aber davon aus, dass die Einnahmen langfristig nicht mehr derart hoch sind wie in den vergangenen Jahren.

Ist der Peak erreicht?

Ja, ich denke schon. Prognosen sind allerdings schwierig. Die Stadt muss sich aber bewusst sein, dass die Abgabe mittel- bis langfristig nicht mehr in dieser Grössenordnung anfallen wird und vor allem nicht einfach selbstverständlich ist.

Gibt es eine Gegenstrategie?

Ja, über die Finanzplanung. Einerseits müssten bei den Investitionen Anpassungen vorgenommen werden, indem sie über mehrere Jahre verteilt werden müssten. Und anderseits müssten allfällige Mindereinnahmen über den Steuerfuss aufgefangen werden, was einer Erhöhung gleichkommt.

Welches sind die grösseren Projekte, die in den nächsten Jahren anstehen?

Die Schulraumplanung wird mehrere Millionen kosten, wir wissen einfach noch nicht, wo genau. Auch die Umgestaltung des Bahnhofplatzes wird teuer.

Wie hoch ist der Finanzbedarf für die Stadt?

Der Betrag ist noch nicht definitiv. Es werden wahrscheinlich rund 15 Millionen Franken sein. Auch der Bau der Grünaustrasse und der Netzergänzung Nord stehen an. Beide werden grosse Summen verschlingen. Ausserdem sollen beim städtischen Velonetz die Lücken geschlossen werden. Und der Funpark beim Bergholz wird realisiert.

Trotz der anstehenden Projekte ist zu hören, dass eine Vision für die Stadt fehlt, der grosse Wurf.

Den grossen Wurf hatten wir mit dem Bau des Sportparks Bergholz. Ein solch kostspieliges Projekt kann nicht in jeder Legislatur realisiert werden. In den vergangenen vier Jahren haben wir viele interne Projekte umgesetzt wie den Wechsel der Pensionskasse zur Swisscanto Flex. Das war ein riesiger Aufwand. Auch die Aufgaben- und Leistungsüberprüfung ist auf Kurs. Damit haben wir mit Minderausgaben bzw. Mehreinnahmen rund 2 Millionen Franken generiert. Es waren umfangreiche Projekte, die von der Bevölkerung nicht so stark wahrgenommen werden.

Wie sieht es mit der Standort- und Wirtschaftsförderung aus?

Der Stadtrat wird festlegen, in welche Richtung Wil sich entwickeln und wie sich die Stadt positionieren soll, allenfalls inklusive der Schaffung einer Marke.

Und die Richtung wäre?

Die Stadt soll moderat wachsen und weiterhin einen guten Mix an Bewohnenden aufweisen, von gut verdienenden bis zu sozial schwachen Personen. Das vorherrschende Gleichgewicht muss beibehalten werden. Wir müssen dafür sorgen, dass die Stadt attraktiv bleibt, beispielsweise durch Erholungsräume in der Stadt. Ich hoffe, dass das Projekt Stadtpark auf der Oberen Weierwise bald umgesetzt werden kann. Wieso also nicht «Die Stadt im Grünen» als Marke nehmen?

Sie stehen dem Departement Finanzen, Kultur und Verwaltung (FKV) vor. Wie sollen sich die Finanzen entwickeln?

Der Steuerfuss soll stabil und auf einem möglichst tiefen Niveau bleiben. Die Verschuldung möchten wir langfristig auf den kantonalen Durchschnitt senken, also von heute knapp 2800 auf 760 Franken pro Person. Auch die Infrastruktur müssen wir im Auge behalten. Es muss allerdings abgewogen werden, in welchen Bereichen investiert werden muss und was davon finanzierbar ist.

Bei der Kultur?

Die Vielfältigkeit des Angebots in der Stadt Wil ist weiterhin zu unterstützen. Ein Punkt ist, den Vereinen Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Im Jahr 2018 veranstaltet die städtische Kulturkommission mit Thurkultur zudem eine Kulturwoche, bei der sich die Kulturveranstalter präsentieren können. Diese Kulturwoche soll anschliessend regelmässig durchgeführt werden, vielleicht im 2- oder 3-Jahres-Rhythmus. Auch die Veranstaltungen, die sich nun etablieren, wie der Kulturapéro oder Kunst im Foyer, führen wir weiter durch. Diese bieten Plattformen sowie Begegnungs- und Entwicklungsmöglichkeiten.

Im Frühjahr steht ein wichtiger personeller Wechsel an. Der neue Stadtschreiber beginnt mit der Arbeit. Hansjörg Baumberger ist kein Jurist. Wird er seine Aufgabe als eine Art Geschäftsleiter ausfüllen?

Er wird keine Geschäftsleitungsfunktion innehaben. Hansjörg Baumbergers Jobprofil entspricht eher demjenigen eines Präsidialamtsleiters. Er wird als Koordinationsstelle fungieren und sich dabei verstärkt um Aufgaben kümmern, die alle Departemente betreffen, wie Kommunikation, Personal, Informatik und Finanzen. Zudem wird er auch den Vorsitz der Departementssekretär/ -innen-Konferenz übernehmen.

Sie sind nun seit vier Jahren Stadtpräsidentin. Gibt es etwas, das Sie in der nächsten Legislatur anders machen möchten?

Nein, es gibt nichts, was ich anders machen möchte. Ich habe in den vergangenen vier Jahren ­immer wieder festgestellt, wie wichtig das Zuhören und das Aufnehmen von Inputs anderer ­Personen sind. Diese Offenheit gegenüber Neuem möchte ich weiterhin pflegen.

Ist ein Kantonsratsmandat ein Thema?

Nein. Ich wüsste nicht, wann ich ein solches Mandat ausüben und mich darauf vorbereiten sollte, wenn ich die vielen Verpflichtungen in Wil weiterhin engagiert und gewissenhaft wahrnehme.

Nach Ihrer ersten Legislatur an der Spitze von Wil, macht Ihnen das Amt nach wie vor Spass?

Ja, sehr. Ich habe einen guten Draht zur Bevölkerung, mit den Parteien pflege ich einen kon­struktiven Dialog und mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Stadtrat und den Mitarbeitenden in der Verwaltung eine gute Zusammenarbeit.

Das Interview war vor der Ernennung von Ruedi Schär zum Leiter des neuen Infocenters in der Altstadt geführt worden.