Viele leisten Freiwilligenarbeit, aber: Es gibt immer weniger Selbstlosigkeit

Top, aber rückläufig: Das Wiler Nanu-Forum fördert ein zwiespältiges Bild der Freiwilligenarbeit zutage

Hans Suter
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Mehr als 200 Interessierte besuchten die diesjährige Nanu-Veranstaltung, die dem Thema «Freiwilligenarbeit 60plus» gewidmet war. (Bilder: Hans Suter)

Mehr als 200 Interessierte besuchten die diesjährige Nanu-Veranstaltung, die dem Thema «Freiwilligenarbeit 60plus» gewidmet war. (Bilder: Hans Suter)

Dario Sulzer

Dario Sulzer

«Ohne Freiwilligenarbeit würde in der Schweiz gar nichts laufen», sagte der Wiler Stadtrat Dario Sulzer am Donnerstag an der zweiten Veranstaltung des Vereins Nanu (Netzwerk Alter – nachhaltig unterwegs). Sie war dem Thema «Freiwilligenarbeit 60plus» gewidmet. Pro Jahr würde in der Schweiz etwa neun Milliarden Stunden an unbezahlter Arbeit geleistet, was einem geschätzten Wert von etwa 400 Milliarden Franken gleichkomme.

Guidi Grütter

Guidi Grütter

«Das entspricht etwa 40 Prozent der Bruttowertschöpfung in der Schweiz», ergänzte Regio-Wil-Präsident Guido Grütter. Zum Vergleich: Das Budget des Bundes ist mit 80 Milliarden Franken viermal kleiner. Fazit: «Unser Land wäre ohne Freiwilligenarbeit sehr viel ärmer», unterstrich Grütter.

Nicht alle Tätigkeiten gelten als Freiwilligenarbeit

Lukas Niederberger

Lukas Niederberger

Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG), relativierte diese Zahlen allerdings. Vieles, was unter Freiwilligenarbeit subsumiert werde, erfülle diesen Status genau genommen nicht. «Singen im Chor oder tschutten im Fussballclub ist keine Freiwilligenarbeit. Das Ausüben des Präsidenten- oder Kassieramtes hingegen schon», erklärte er. Sobald eine Tätigkeit entschädigt werde, gelte sie nicht mehr als freiwillig im eigentlichen Sinn. Das gelte auch für Behördenarbeit und andere Tätigkeiten, wenn sie mit mehr als dem Ersatz der angefallenen Spesen entschädigt werden. Streng genommen sei auch Betreuungsarbeit wie das Hüten von Enkelkindern keine Freiwilligenarbeit, sondern vielmehr moralische Verpflichtung. «Studien belegen zudem: Wer kein Geld bekommt für seine Arbeit, ist motivierter», sagte Lukas Niederberger.

Mit Freiwilligenarbeit für später vorsorgen

Nach wie vor wird in der Schweiz viel Freiwilligenarbeit geleistet. Doch wie erfährt man überhaupt, wo ehrenamtliches Engagement gefragt ist? Gibt es einen nicht monetären Gegenwert? Antworten auf diese Fragen liefern die Vermittlungsplattform Benevol-job.ch und die Stiftung Zeitvorsorge.


«Benevol-jobs.ch ist heute der Marktplatz für freiwilliges Engagement», erklärte Ueli Rickenbach von der Kontaktstelle. Bei der Gründung im Jahr 2002 seien gerade mal 36000 Besucher auf der Webseite registriert worden. «Mittlerweile sind wir bei 975000 angelangt und werden im Dezember wohl die Marke von einer Million erreichen.» Zurzeit seien etwa 1300 Jobs aufgeschaltet; pro Monat würden etwa 320 Jobs vermittelt.

Freiwilligenarbeit ist durch Unentgeltlichkeit geprägt. Die Stiftung Zeitvorsorge in St. Gallen bietet dennoch die Möglichkeit einer Entschädigungsform. Die Lösung liegt bereits im Namen: Zeitvorsorge. Wer Freiwilligenarbeit leiste, könne die Stunden einem Zeitkonto gutschreiben und bei späterer Bedürftigkeit selber in Anspruch nehmen, erklärte Geschäftsführerin Claudia Kraus. Die Stadt St. Gallen habe das System mit Erfolg eingeführt. Nun werden weitere Städte und Gemeinden gesucht, die das nichtmonetäre System einführen wollen.
Mehr unter www.zeitvorsorge.ch und www.benevol-jobs.ch

Claudia Kraus ist Geschäftsführerin der Stiftung Zeitvorsorge.

Claudia Kraus ist Geschäftsführerin der Stiftung Zeitvorsorge.

Guido Grütter äusserte sein Bedauern darüber, dass das freiwillige Engagement und damit der Dienst an der Gesellschaft rückläufig sei. Zu viele wollten nur noch vom Staat profitieren. «Es gibt immer weniger Selbstlosigkeit.» Lukas Niederberger bestätigte diesen Trend. Insbesondere die Jüngeren stünden in der Freiwilligenarbeit abseits.

Anbieter und Nutzer miteinander vernetzten

Erfreulich sei, dass sich rund die Hälfte der Bevölkerung ehrenamtlich engagiere. Um das zu fördern, gibt es neue Angebote (siehe Zusatztext).

Nanu-Gründer Beat Steiger im Gespräch.

Nanu-Gründer Beat Steiger im Gespräch.

Das Projekt Nanu wurde im Jahr 2018 von Beat Steiger in Zusammenarbeit mit Stadtrat Dario Sulzer initiiert und hat zum Ziel, Anbieter und Nutzer von altersspezifischen Leistungen zu vernetzen.

Hinweis: Mehr über Nanu auf der Website www.wifona.ch