Viel Milch – tiefer Milchpreis

Die Milchproduzenten bekamen für ihre Milch im Mai so wenig Geld wie noch nie seit Beginn der Preisbeobachtung durch das Bundesamt für Landwirtschaft. Das drückt auch den Toggenburger Produzenten aufs Portemonnaie.

Olivia Hug
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TOGGENBURG. So viel Milch wie im Mai ist dieses Jahr gesamtschweizerisch noch in keinem Monat produziert worden – auch 2011 und 2010 wurde die Gesamtmenge von 328 625 Tonnen im Mai nicht erreicht. Das ist ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch in der Produktion von Käse, Butter und weiteren Molkereiprodukten konnten die Schweizer Bauern im Vergleich zum Vorjahresmonat zulegen. Doch die gesteigerte Produktionsmenge kommt nicht von ungefähr: Der sinkende Milchpreis hat zur Folge, dass der einzelne Bauer mehr Milch produzieren muss, um ein marktgerechtes Einkommen zu erlangen. Umgekehrt wird so die Menge überschüssiger Milch immer grösser und der Preis, den die Produzenten für Milch und Milchprodukte erhalten, immer kleiner. Im Durchschnitt erhielt ein Produzent im Mai noch etwa 58,11 Rappen pro Kilogramm Milch. Gemäss dem Bundesamt für Landwirtschaft ist dies der tiefste Stand seit Beginn der Preisbeobachtung im Jahr 1999.

Keine Einzelentscheidung

Ein Teufelskreis, dessen Ende nicht absehbar ist – mehr noch: Per 1. August haben Emmi und der Milchpulverhersteller Hochdorf den Milchpreis gesenkt. 2 beziehungsweise 3,7 Rappen gibt's nun pro Kilogramm A-Milch weniger. «In den nächsten Monaten wird diese Tendenz nicht besser», sagt Andreas Ritter, Geschäftsführer der Genossenschaft Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost (VMMO). Seit der Aufhebung der Milchkontingentierung im 2009 sind die rund 25 000 Milchproduzenten in der Schweiz der freien Marktwirtschaft «ausgeliefert», und der Druck ist enorm. «Gerade in der Ostschweiz zeigt sich ein deutlicher Trend zur Vergrösserung der produzierten Milchmenge», sagt Ritter. Die Toggenburger Produzenten, die im Berg- und Hügelgebiet erschwerte Produktionsbedingungen zu meistern haben, trifft die Situation noch schwerer. Die Statistik zeigt es: Jährlich nimmt die Zahl von Milchwirtschaftsbetrieben in der Schweiz um vier bis fünf Prozent ab. Doch weder ein Dachverband wie der Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP) noch der einzelne Bauer kann viel dagegen machen. «Wir können nicht befehlen, sondern höchstens an unsere Mitglieder appellieren», verdeutlicht es Ritter. Sämtliche Produzenten müssten am selben Strick ziehen.

Kein Gewinn aus Melken

«Ich wäre sofort dabei, wenn es hiesse, wir sollten alle gleichzeitig fünf Prozent weniger produzieren», sagt ein Toggenburger Milchbauer, der nicht namentlich genannt werden will, «doch man versuche einmal, 25 000 Produzenten davon zu überzeugen.» Alleine im Toggenburg gingen hier bereits die Meinungen auseinander – je nach Verhältnis zu den Milchlieferanten und Grösse des Betriebes. «Das Melken selbst ist sicher eine Nullrunde», sagt ein anderer Milchproduzent, «deshalb ist der Bauer auf einen Nebenerwerb angewiesen, dank diesem es Ende Jahr schon irgendwie aufgeht.» Möglichkeiten seien ein Nebenerwerb in Form der Quersubventionierung etwa durch die Landschaftspflege oder das Bewirtschaften eines Rieds. «In vielen Familien arbeitet auch die Frau, so dass man ein einigermassen gefestigtes Einkommen hat.» Ein Dritter sagt: «Ich will nicht jammern.» Damit schliesst er sich den anderen an. «Denn in anderen Branchen sieht es ja nicht anders aus. Aber es ist sicher nicht zu unterschätzen, wie die Kosten für die Milchproduktion steigen und die Erträge zugleich sinken.»

Dem Vieh zuliebe

Eine allumfassende Lösung kennt ein Milchproduzent aus dem Toggenburg nicht: «Ich führe sehr vorsichtig Buch über sämtliche Betriebskosten und -erträge, damit Ende Monat kein Loch in der Kasse klafft. Denn etwas anderes machen als Bauer sein will ich nicht.» Und damit geht es ihm wie vielen anderen: «Allein das Vieh aufzugeben, täte mir zu sehr weh», sagt einer. Dass viele Bauern umsteigen – etwa auf Mutterkuhhaltung –, könne er verstehen. Doch: «Würde das jeder machen, gäbe es wieder Überschuss. Man bekommt auch in diesen Zweigen nicht mehr als früher.» Dass in nächster Zeit der Milchpreis wieder ansteigt, glaubt keiner der Befragten. «Der Strukturwandel hält an», sagt auch Andreas Ritter, «ein Niveau wie früher werden wir nicht mehr erreichen.»