Vertreibung aus dem Paradies

Christina Welter hat aus 3736 Bildern einen achteinhalbminütigen Animationsfilm produziert, der an den Jugendfilmtagen mit mehreren ersten Preisen ausgezeichnet worden ist.

Kathrin Meier-Gross
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Springender Panther und Medaille – Christina Welter freut sich über die Preise, die sie an den Jugendfilmtagen errungen hat. (Bild: kmg.)

Springender Panther und Medaille – Christina Welter freut sich über die Preise, die sie an den Jugendfilmtagen errungen hat. (Bild: kmg.)

sonnental. Mit dem Mofa kommt sie hergebraust, strahlt über das ganze Gesicht und erzählt atemlos von den intensiven Monaten, in denen sie fast ausschliesslich nur für ihre Maturaarbeit gelebt hat. Christina Welter ist dafür mehrfach belohnt worden. Ihr Kurzfilm wurde von der Kantonsschule Wil mit 97 von insgesamt 100 Punkten bewertet. Am 13. März, einen Tag vor ihrem 18. Geburtstag, erhielt sie zudem eine weitere freudige Nachricht: Ihr Film «Der sechste Tag» ist an den Jugendfilmtagen, die vom 9. bis 13. März in Zürich stattfanden, mit dem ersten Preis in der Kategorie unter 19 Jahren, dem Publikumspreis derselben Kategorie und der Unica-Medaille für den besten Amateurfilm ausgezeichnet worden. Ein toller Start ins Erwachsenenleben!

Adam und Eva

Eigentlich ist Musik mit E-Gitarre und Klavier das Schwerpunktfach von Christina, deren zweite Muttersprache tschechisch ist. Auf Knetfilme ist sie aufmerksam geworden, als sie zum ersten Mal ein Filmfestival besuchte. Darauf hat sie selber angefangen, damit zu experimentieren. Für ihre Maturaarbeit wollte sie einen witzigen Film produzieren. Aber mit welchem Thema? Mutter Jana hatte die Idee: die Geschichte von Adam und Eva. Mutters Unterstützung war auch weiterhin gefragt. Ihr Trocknungsraum wurde kurzerhand zum verdunkelten Studio umgebaut. Christina hatte im April begonnen, das Drehbuch zu schreiben und die Charaktere der Personen auszuarbeiten. Dann wurden aus Drahtgitter, Zeitungsschnipseln und Plastilin Adam und Eva erschaffen. Auch das «Paradies» schusterte die junge Filmerin in akribischer Feinarbeit zusammen.

Szene um Szene

Von den Sommerferien bis nach den Herbstferien wurde im verdunkelten Studio fotografiert. Drei Kameras fingen Szene um Szene ein, 24 Bilder pro Sekunde. Mama half dabei. Die drei Männer der Familie, Lukas, der jüngere Bruder, und Martin, der ältere, sowie Papa Christian, liehen ihre Stimmen. In die Parodie über Adam und Eva hat Christina heutige Gewohnheiten und Klischees hinein projiziert. Adam interessiert sich vorwiegend für Fussball und Autos, während Eva versucht, seine Aufmerksamkeit zu ergattern.

Der verbotene Apfel

Erst der verbotene Apfel macht die Frau interessant. Bekannterweise werden die zwei dann aus dem Paradies verjagt. Die Arbeit hat Spass gemacht, trotzdem war die Familie froh, als der Trocknungsraum wieder allgemein zugänglich und seiner richtigen Bestimmung zugeführt wurde. Im November 2010 haben Christina und ihre Schulkollegin Janine Hertaeg aus Münchwilen einen Nachwuchsfilmpreis für ein anderes Projekt erhalten. Dieser Gewinn hat der Sonnentalerin einen zusätzlichen Motivationsschub für die Fertigstellung des Maturaarbeit-Films verliehen.

Animation studieren

Jetzt, kurz vor den Abschlussprüfungen, stellt sich Christina die Frage, warum sie anstelle von Musik nicht das Schwerpunktfach bildnerisches Gestalten gewählt hat. «Musik ist cool, ich habe von klein auf Keyboard gespielt», lautet ihre Erklärung. Für ihre beruflichen Pläne allerdings wäre die andere Entscheidung von Vorteil gewesen. Sie müsste keine Prüfung für den gestalterischen Vorkurs ablegen. Besteht sie den Test, hofft sie, in einem Filmstudio ein Praktikum absolvieren zu können, bis der Vorkurs beginnt. Ihr Ziel ist schliesslich das vierjährige Studium in Animation in Luzern. Vorerst aber gilt es, noch einmal voll in die Hosen zu steigen und die Maturaprüfungen gut abzuschliessen. Nebst dem Lernen und Musizieren bleibt momentan gar nicht viel Zeit für anderes. Beim Klettern findet sie Erholung. Unfreiwillige Mussestunden hat Christina auf ihrem Schulweg, wenn das Postauto vom Sonnental über Niederhelfenschwil, Zuckenriet, Zuzwil nach Wil fährt. Die aufgeweckte junge Frau wäre sofort dafür, einen neuen Kurs direkt über Henau einzuführen.