«Verstehen heisst nicht tolerieren»

Stadträtin Marlis Angehrn übernimmt ab September die Leitung des St. Galler Schulamts. Geht es nach ihr, muss die Flade auch Realschüler unterrichten. Der Wechsel nach St. Gallen bedeutet für sie einen Schritt zurück in der Hierarchie.

Jeanette Herzog
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Marlis Angehrn in ihrem Büro in Wil. (Bild: Olivia Hug)

Marlis Angehrn in ihrem Büro in Wil. (Bild: Olivia Hug)

WIL. Marlis Angehrn scheut sich nicht, heisse Themen anzupacken. Als Wiler Stadträtin und Schulratspräsidentin setzt sie sich für gleiche Voraussetzungen für alle Schulen ein. Damit ein «echter Wettbewerb» entstehen könne. Ein Thema, das in Wil wegen der privaten Mädchensekundarschule St. Katharina seit dreissig Jahren zu roten Köpfen führt. Die Privatschule bezieht von der Stadt volle Schulgelder, was Wil seit Jahrzehnten akzeptiert, dafür aber verlangt, dass nicht nur leistungsstarke Mädchen unterrichtet werden. «Historisch Gewachsenes in Ehren, aber es gibt Fehlentwicklungen, die man korrigieren muss», sagt die CVP-Politikerin.

Neues Schlachtfeld in der Stadt

Die Diskussion um die Wiler Privatschule wird die 51-Jährige bald nicht mehr beschäftigen. Ab September wirkt sie als neue Leiterin des Schulamts der Stadt St. Gallen. Dort wartet mit der Flade im Grunde aber eine ähnliche Ausgangslage auf sie. Der Kantonsrat hat erst diese Woche definitiv beschlossen, dass der Kanton die Schule künftig nicht mehr mitfinanzieren wird. Die Stadt soll also pro Jahr zusätzlich gut zwei Millionen in die Flade pumpen – und will entsprechend mehr mitreden.

Eine Oberstufenschule müsse die ganze soziale Verantwortung tragen, Mädchen wie Buben, Sekundar- wie Realstufe unterrichten, findet Angehrn. Und dies unter denselben finanziellen Voraussetzungen wie andere Schulen. Vermehrte Diskussionen darüber, welches Kind wo zur Schule gehen soll, scheut sie nicht. «Ich bin nicht jemand, der etwas nicht sagt, weil es unbequem werden könnte», sagt sie.

Realschüler für die Flade

Marlis Angehrn legt eine Vehemenz an den Tag, die man ihr auf den ersten Blick nicht zutrauen würde. Sie ist zierlich, ein blasser Teint. Im schwarzen Pulli mit goldenem Schmuck wirkt sie beinahe zerbrechlich. In ihren Argumentationen ist sie aber geradlinig, sachlich und bestimmt. Das Gesetzbuch hat die promovierte Juristin stets in Griffweite. Sie weiss, wovon sie spricht. Das gibt ihr Sicherheit.

Rein juristisch betrachtet ist für Angehrn die Stossrichtung bei der Flade klar: «Die Schule muss Real- wie auch Sekundarstufe anbieten.» Doch sie relativiert: «Schulthemen sind juristisch oft wenig komplex, politisch werden sie trotzdem hart diskutiert.» Nicht alles Wünschbare sei auch politisch machbar.

Getrennt oder gemischt?

Ob Buben und Mädchen weiterhin auch getrennt unterrichtet werden, würde sie der Flade überlassen. «Das Thema ist keinen Streit wert.» Entscheidender sei die Qualität der Lehrpersonen. Überhaupt sei es die «beste Form der Schulentwicklung», als Stadt darauf zu achten, für gute Lehrpersonen attraktiv zu sein.

Neben der Schulentwicklung ist auch die Integration Zugewanderter ein Steckenpferd von Marlis Angehrn. In Wil liegt der Anteil der fremdsprachigen Kinder bei 51 Prozent. «Bei dieser Voraussetzung interessiert mich notgedrungen, woher die Kinder kommen und wie deren Regelverständnis aussieht.» Das Wissen darum schaffe eine Grundlage dafür, die hiesigen Regeln zu erklären.

Im Gespräch mit Eltern frage sie immer nach dem Leben im Herkunftsland. «So sehe ich in die Familien und kann verstehen, wie sie funktionieren.» Verstehen heisse aber nicht tolerieren, schickt sie hinterher. «Mit Wertschätzung kommt man weit, aber Regeln setzen wir konsequent durch.»

Eine Einzige mit Kopftuch

Das gelte in Wil auch für das Thema Kopftuch. Jacken, Strassenschuhe und Kopfbedeckungen müssen in der Garderobe abgelegt werden. «Wer Religion nur vorschiebt, verdient keine Sonderregelung im Schulzimmer.» Zeige ein Mädchen aber von sich aus echtes religiöses Interesse, dürfe es ein Kopftuch tragen. In Wil ist das aktuell ein einziges Mädchen. Was echtes Interesse sei, zeige sich im persönlichen Gespräch. «Ich kenne den Koran besser als jeder Moslem, der in mein Büro kommt», sagt sie. Zur Auseinandersetzung mit dem Thema Islam gehört für Marlis Angehrn, dass sie das Gespräch mit Moslems sucht. «Frauen mit Kopftuch spreche ich unverkrampft an und frage nach ihrem Motiv.» Die Vielfalt der Antworten sei äusserst faszinierend.

Ins dritte Glied zurücktreten

Ihre Vorliebe dafür, Themen auf den Grund zu gehen, hat sie auch zum Stellenwechsel nach St. Gallen bewogen. Auch wenn die noch amtierende Wiler Stadträtin dafür hinter dem Stadtrat und hinter Schuldirektor Markus Buschor ins dritte Glied zurücktreten muss. Sie habe diesen Schritt bewusst gesucht. In Sachen Schule bleibe sie thematisch am Ball, politisch könne sie loslassen. «Herr Buschor wird sich primär auf die Politik konzentrieren können, ich werde darauf achten, dass seine Schule gut läuft.» Obwohl sie sich stark mit ihrer Arbeit identifiziere, sehe sie sich als Dienstleisterin, an den Kindern, an den Eltern und am Stadtrat.

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