Verständnis für das Fremde

WIL. Die Oberstufe Lindenhof besteht seit 20 Jahren. Der hohe Anteil an Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund birgt Herausforderungen, eröffnet aber auch Chancen. Es werden Werte wie Offenheit, Toleranz und Anstand gepflegt.

Philipp Haag
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Die Schüler haben Spass am 20-Jahr-Jubiläumsfest der Oberstufe Lindenhof im September. (Bild: pd)

Die Schüler haben Spass am 20-Jahr-Jubiläumsfest der Oberstufe Lindenhof im September. (Bild: pd)

«Unsere Schule ist ein Trainingsort für Umgangsformen der Berufs- und Erwachsenenwelt». Es wird gegrüsst, man pflegt einen freundlichen Umgangston und zeigt Respekt gegenüber Personen und dem Material. Dem Lehrerteam der Oberstufe Lindenhof sind Anstand und gutes Benehmen wichtig. Angesichts des 70-Prozent-Anteils an Schülerinnen und Schülern mit einem Migrationshintergrund messen die Lehrerinnen und Lehrer dem Miteinander eine hohe Bedeutung zu. Doch es ist eine Gratwanderung. Einerseits soll ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt werden, anderseits die kulturelle Identität jedes einzelnen gestärkt werden, beispielsweise durch Religionsunterricht bei einem moslemischen Imam oder einem christlichen Katecheten. Diese Multikulturalität birgt Herausforderungen in sich. Darin sind sich Schulleiter Mathias Schlegel sowie die beiden Lehrkräfte Rita Scheiwiller und Kurt Gubler einig. Darum ist das gute Einvernehmen, basierend auf Regeln, wichtig. Und diese werden im «Lindenhof» tagtäglich gelebt. «Es dauerte ein Weilchen, bis die Konzepte griffen», sagt Kurt Gubler. Doch nun werden sie bei den 215 Schülerinnen und Schülern als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. Mehrere Kulturen in einem Schulhaus eröffnen aber auch Chancen. «Die Jugendlichen lernen andere Lebensweisen kennen. Sie entwickeln ein grösseres Verständnis für das Fremde, haben weniger Berührungsängste», sagt Mathias Schlegel. Offenheit trotz Verschiedenartigkeit gehört zur Grundphilosophie des «Lindenhofs». Werte wie Toleranz und Achtsamkeit haben einen hohen Stellenwert.

Schwierige Jahre

Die Oberstufe Lindenhof besteht seit 20 Jahren (siehe Kasten). Mathias Schlegel, Kurt Gubler und Rita Scheiwiller sind seit Anfang an mit dabei. Sie erlebten schöne Momente wie die Einweihungsfeier im Jahr 1994 oder das 20-Jahr-Jubiläumsfest im vergangenen September, aber auch schwierige Jahre, als Gewalt in den Medien das dominierende Thema war. Auch die Balkan-Krise war für die Schule nicht einfach, kamen doch aussergewöhnlich viele fremdsprachige Kinder hinzu. Es gab aber auch zukunftsträchtige Augenblicke, als der Entscheid fiel, den «Lindenhof» als Sportschule zu führen und die Schule später das Label «Swiss Olympic Partner School» erhielt.

«Der <Lindenhof> hat sich zu einer vielfältigen Schule entwickelt», sagt Rita Scheiwiller. Schwerwiegende Probleme treten nur noch selten auf. Einen positiven Einfluss haben die aktuell 50 Sportschülerinnen und Sportschüler aus neun verschiedenen Sportarten. «Das Niveau an der Schule ist gestiegen», sagt Mathias Schlegel. «Die Sporttalente dienen den restlichen Jugendlichen als Vorbild.» Sie lebten vor, dass Einsatz, das Verfolgen eines Ziels sich lohnen, ergänzt Kurt Gubler.

Gesellschaftliche Veränderung

Dass der Schulauftrag sich vom Schwerpunkt Bildung zusätzlich in Richtung Erziehung verlagert, womit auch der «Lindenhof» sich auseinandersetzen muss, ist einer gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet und hat nur bedingt mit dem hohen Ausländeranteil zu tun. Massgeblichen Anteil an der erfolgreichen Entwicklung des «Lindenhofs» haben die Lehrerinnen und Lehrer. Eine Lehrperson am Lindenhof müsse bereit sein, sich einer Vielfalt von Aufgaben zu stellen, sagt Kurt Gubler. Doch entscheidend für das Klima sei, dass die Lehrpersonen Regeln nicht nur vorgeben, sondern auch selber leben. Als Team auftreten, in die gleiche Richtung gehen ist Mathias Schlegel wichtig. Der Teamgedanke habe sich erst einstellen müssen, erinnert er sich an die Anfänge. Heute herrsche eine gute Gesprächs- und Streitkultur, sowohl unter den Lehrpersonen, innerhalb der Jugendlichen als auch zwischen Lehrpersonen und Jugendlichen. «Besonders der ständige Austausch im Lehrerteam ist essenziell», sagt Mathias Schlegel.

Einen Schwerpunkt bildet auch die Zusammenarbeit mit den Eltern. Der «Lindenhof» war schweizweit eine der ersten Schulen, die eine Kooperation mit den Eltern pflegen. «Die Möglichkeit, bei den Jugendlichen etwas zu bewirken», schätzen Mathias Schlegel, Kurt Gubler und Rita Scheiwiller an ihrem Arbeitsplatz. Eigentlich eine Grundanforderung an eine Lehrperson. Bei den drei langjährigen Lehrkräften ist es aber aufgrund ihrer hohen Identifikation mit der Schule keine leere Worthülse.

Schulleiter Mathias Schlegel (l.) sitzt mit den Lehrkräften Rita Scheiwiller und Kurt Gubler zusammen. (Bild: Philipp Haag)

Schulleiter Mathias Schlegel (l.) sitzt mit den Lehrkräften Rita Scheiwiller und Kurt Gubler zusammen. (Bild: Philipp Haag)