Verliert der Glaube bei jungen Leuten an Bedeutung? Die Jugendarbeiterin der Kirchgemeinde Henau-Niederuzwil  widerspricht

Die Sozialarbeiterin Selina Mauchle ist seit Januar Ansprechperson für Religionsunterrichtlehrpersonen. 

Tobias Söldi
Drucken
Teilen
Kreuzlingen TG - Religionsunterricht im Werkraum des Schulhaus Felsenschlössli bei Religionslehrer Hanspeter Rissi.

Kreuzlingen TG - Religionsunterricht im Werkraum des Schulhaus Felsenschlössli bei Religionslehrer Hanspeter Rissi.

Andrea Stalder

Die Schule und die Kirche – es ist ein Paar, deren Beziehung sich mit dem Status «Es ist kompliziert» umschreiben liesse. Wie viel Platz dürfen der Glaube und Religionsunterricht in einer säkularen Gesellschaft einnehmen? Soll dabei das Christentum im Zentrum stehen? Oder müsste der Fokus verstärkt auf die übrigen Weltreligionen geweitet werden? Und was für eine Rolle spielt Religion im Leben der Jugendlichen von heute überhaupt noch?

Selina Mauchle hat mit Blick auf die letzte Frage ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die 27-jährige Sozialarbeiterin aus Gossau arbeitet seit 2018 als kirchliche Jugendarbeiterin in der Kirchgemeinde Henau-Niederuzwil. Sie erzählt: 

«Ich hatte mit Jugendlichen zu tun, die der Kirche gegenüber sehr distanziert und kritisch eingestellt waren, aber auch mit solchen, die sehr gläubig waren.»
Selina Mauchle, kirchliche Jugendarbeiterin

Selina Mauchle, kirchliche Jugendarbeiterin

Der Glaube an eine höhere Macht ist da

So schwierig allgemeingültige Aussagen also auch zu machen sind, hat Mauchle doch eine Tendenz festgestellt:

«Viele Jugendliche haben ein Interesse an spirituellen Themen, sind neugierig, stellen Fragen und sind auf der Suche.»

Nicht selten höre sie die Formulierung, dass jemand an eine höhere Macht glaube, nicht aber an den christlichen Gott.

Glauben «Ja», aber nicht unbedingt in der klassischen christlichen Form – wie beurteilt die kirchliche Jugendarbeiterin diesen Befund? «Ich finde es sehr gut, dass sich junge Leute mit solchen Themen auseinandersetzen», sagt Mauchle. Denn:

«Die Jugendlichen müssen sich in dieser Phase ihres Lebens noch mit ganz anderen Sachen befassen: mit der Pubertät, mit der Lehrstellensuche, mit der Ablösung vom Elternhaus.»

Und selbst unter Erwachsenen gebe es viele, die keine Gedanken an diese Thematik verlieren.

Ansprechperson für Religionslehrpersonen

Selina Mauchle pflegt aber nicht nur als kirchliche Jugendarbeiterin und Religionslehrerin den direkten Kontakt mit Jugendlichen, sondern ist auch auf der anderen Seite aktiv. Seit Januar dieses Jahres ist sie in einem 10-Prozent-Pensum als Ansprechperson für die Religionsunterrichtslehrpersonen der Primar- und Oberstufe in der Kirchgemeinde tätig. Es ist eine Aufgabe, die, im Gegensatz zu der kirchlichen Jugendarbeit, mehr mit Organisation und Koordination zu tun hat.

Denn Mauchle ist für die Religionslehrkräfte Ansprechperson bei Problemen und Fragen, sie führt die Personalgespräche, organisiert und leitet Sitzungen zum Austausch, unterstützt die Stundenplanung, kümmert sich um Stellvertretungen, vermittelt zwischen Kirchgemeinde und Schulleitung. «Ich bin jemand, der raus zu den Leuten muss, aber ich übernehme auch sehr gerne Büroarbeiten», sagt Mauchle.

Erleben der kirchlichen Gemeinschaft ist zentral

Ein bei der Kirchgemeinde Henau-Niederuzwil – und auch andernorts – aktuelles Thema im Zusammenhang mit Religionsunterricht ist der «Lernort Kirche». Dieser befindet sich zurzeit im Aufbau und federt die Tendenzen des Lehrplan 21, Religionsthemen weniger Raum zu geben ab.

«Er soll Schülerinnen und Schülern nicht nur im Schulzimmer, sondern auch direkt vor Ort in der Pfarrei, in der Kirche religiöse Lernprozesse ermöglichen», sagt Mauchle. Denn neben dem Bibel- und Religionswissen sei das Erleben der kirchlichen Gemeinschaft zentral, davon ist sie überzeugt.

Die Bürgerversammlung der Katholischen Kirchgemeinde Henau-Niederuzwil findet statt am 30. März, 19.30 Uhr, Kirche Henau. Vorgestellt wird auch der Lernort Schule/Kirche.

Der Religionsunterricht auf Primarschulstufe

Mit der ersten Klasse der Primarstufe beginnt für die Schülerinnen und Schüler, die einer Landeskirche angehören, der Religionsunterricht. Er ist auf Jugendliche mit evangelisch-reformierter oder römisch-katholischer Konfession zugeschnitten und christlich-theologisch fokussiert. In der zweiten Klasse stehen dafür zwei wöchentliche Lektionen in der Stundentafel zur Verfügung, in den übrigen Klassen eine Lektion. Im Religionsunterricht lernen die Schülerinnen und Schüler die Inhalte und Einrichtungen des Christentums kennen und setzen sich mit dem Glauben und religiösen Grundüberzeugungen auseinander, die unsere Gesellschaft prägen.

Ab der dritten Klasse müssen die Schülerinnen und Schüler zusätzlich das Wahlpflichtfach Ethik-Religionen-Gemeinschaft (ERG) besuchen. Hier lernen Kinder und Jugendliche mit ethischen, religiösen und gemeinschaftlichen Fragen umzugehen. Sie bekommen die Grundzüge der Weltreligionen vermittelt und denken über die Bedeutung von Religion und Weltanschauung für das Zusammenleben nach.

Dabei haben die Schüler beziehungsweise deren Eltern oder Erziehungsberechtigte die Wahl zwischen ERG-Kirche und ERG-Schule. Das Fach wird sowohl von den Kirchen – also von einer kirchlichen Fachlehrperson – als auch von der Schule – also von einer Lehrperson der Schule – angeboten. Im Fach ERG-Kirche werden die Themen zusätzlich zur sachkundlichen auch aus christlicher Perspektive betrachtet. Ab der Oberstufe wird nur noch ERG erteilt und kein Religionsunterricht mehr. (pd/tos)

Weitere Infos: www.erg-ru.ch