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Verletzliche Landschaften: Die Moore der Region Wil drohen auszutrocknen – Fachleute schlagen Alarm

Immer mehr Moore trocknen aus oder wachsen zu. Viele seltene Arten verlieren so ihren Lebensraum.
Lara Wüest
Ruedi Steurer: «Ein Moor zu erhalten, gibt viel zu tun.» (Bilder: Lara Wüest)

Ruedi Steurer: «Ein Moor zu erhalten, gibt viel zu tun.» (Bilder: Lara Wüest)

Am Rand von Flawil, in einer Senke gleich hinter dem grauen Industriebau des Ostschweizer Schokoladenfabrikanten, liegt ein kleines Paradies: das Botsberger Riet. In einem Teich quaken Frösche, türkisblaue Libellen und orange Schmetterlinge tummeln sich am Wasserrand. Das Riet ist ein wichtiges Amphibienlaichgebiet im Kanton St.Gallen.

Etwas den Hang hinauf blickt ein grauhaariger Mann von einer Holzbank im Schatten einer Eiche hinunter auf dieses Idyll. Fast ein wenig wie ein König auf dem Thron, der auf sein Reich hinabblickt, sieht er aus. Der Mann heisst Ruedi Steurer und ist Präsident der Stiftung Naturschutzreservate Flawil und Umgebung. Ohne die Arbeit der Stiftung wäre das Botsberger Riet in schlechtem Zustand. Ein Moor zu erhalten, gibt viel zu tun. Und kostet Geld. Steurer schätzt, dass Unterhalts- und Aufwertungsarbeiten in den letzten zehn Jahren gut 100'000 Franken verschlungen haben. Geld, das er im Namen der Stiftung aufgetrieben hat. So, wie er zusammen mit anderen Stiftungsmitgliedern auch zahlreiche Aufwertungs- und Unterhaltsarbeiten geplant und durchgeführt hat.

Vor zwei Jahren musste zum Beispiel das Schilf am Ufer des Weihers ausgebaggert werden. «Das Gewässer», sagt Steurer, «würde sonst zuwachsen.» Und jedes Jahr müssen Bäume und Sträucher geschnitten werden, damit das Moor nicht verbuscht, wie es im Fachjargon heisst. Denn Büsche und Bäume verdrängen die Flora des Rietgebietes und die Amphibien aus ihrem Lebensraum.

Ein Schicksal, das anderen Mooren bereits widerfahren ist. Vielen von ihnen geht es schlecht. Auch in der Region Wil.

Ein wichtiger 
CO2-Speicher

Moore sind nicht nur schön anzusehen, sie übernehmen auch wichtige Aufgaben für Menschen, Pflanzen und Tiere. Sie bieten seltenen Arten einen Lebensraum und helfen, den Wasserhaushalt in einer Landschaft zu regulieren. Und sie zählen zu den bedeutendsten CO2-Speichern auf unserer Erde. Wenn sie austrocknen, setzt das beträchtliche Mengen des Treibhausgases frei. «Der Erhalt von Moor- und Rietgebieten ist enorm wichtig», sagt Jonas Barandun. Er ist Kantonsbeauftragter für Amphibienschutz und kennt viele Moore im Kanton St.Gallen wie seine Westentasche.

Seit 1987 stehen Moore in der Schweiz unter Schutz. Trotzdem hat sich der Zustand von ihnen seither massiv verschlechtert. Dies schrieb das Bundesamt für Umwelt in einem Bericht, der Ende letztes Jahr erschien. Zahlreiche Moore trockenen immer mehr aus, weil Leitungen im Boden, die früher zur Entwässerung des Landes dienten, nicht entfernt wurden. Einige wachsen zu, weil sie nicht gepflegt werden. Und fast alle leiden unter dem massiven Düngereinsatz in der Landwirtschaft. Beim Düngen gelangen Unmengen an Stickstoff in die empfindlichen Ökosysteme. Was den Pflanzen in der Landwirtschaft als Nahrung dient, schadet der Vegetation in den Biotopen. Denn deren Flora wächst nur in nährstoffarmer Umgebung gut. Der Stickstoff fördert also das Wachstum von Pflanzen, die nicht in ein Moor gehören – und die Moorflora wird verdrängt.

Was den Pflanzen in der Landwirtschaft als Nahrung dient, schadet der Vegetation in den Biotopen.

Was den Pflanzen in der Landwirtschaft als Nahrung dient, schadet der Vegetation in den Biotopen.

Auch im Kanton St.Gallen, in dem es viele Moore gibt, sind zahlreiche davon in schlechtem Zustand. Dies geht aus einer kürzlich verfassten Antwort der Regierung auf einen politischen Vorstoss des Kantonsrates Meinard Gschwend (Grüne) hervor. Die Regierung schreibt: Stichproben und Zufallsfunde würden darauf hinweisen, dass die Schutzziele auch im Kanton St.Gallen oft nicht erreicht würden.

Dies bestätigt Simon Zeller. Er ist Abteilungsleiter beim kantonalen Amt für Natur, Jagd und Fischerei:

«Vor allem den Hochmooren, die ausschliesslich von Regenwasser gespeist werden, geht es schlecht. Bei praktisch allen gibt es Probleme mit dem Wasserhaushalt und grossen Handlungsbedarf.»

Dazu zählt zum Beispiel auch das Rotmoos bei Degersheim. Doch auch viele Flachmoore in der Region, die nicht nur vom Regen, sondern auch vom Grundwasser gespeist werden, leiden stark unter Trockenheit, Nährstoffüberversorgung durch Stickstoff oder Verbuschung. «Bei Mooren von lokaler oder regionaler Bedeutung ist es besonders schlimm», sagt der Experte Jonas Barandun. Zwar sei in der Gegend um Wil bereits mehr in Aufwertung und Unterhalt investiert worden als anderenorts. «Doch die Probleme sind nach wie vor akut», so der Fachmann.

Seit der Aufwertung des Botsberger Riets sind dort 37 Libellenarten gesichtet worden.

Seit der Aufwertung des Botsberger Riets sind dort 37 Libellenarten gesichtet worden.

Überforderte 
Gemeinden

Der Kanton St.Gallen ist nun dabei, zu handeln. Im Rahmen der Biodiversitätsstrategie wird der Zustand der Moore erfasst, zahlreiche von ihnen sollen aufgewertet werden.

«Die Moore haben oberste Priorität. Wir können nicht mehr abwarten, sondern müssen handeln», sagt Simon Zeller. Trotzdem stellt sich die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass es den Mooren so schlecht geht, zumal sie per Gesetz geschützt sind. Barandun sieht das Problem vor allem beim Kanton.

«In St.Gallen ist der Naturschutz per Gesetz an die Gemeinden delegiert. Doch den Gemeinden fehlt oft die Kompetenz, um die Schutzgebiete richtig zu pflegen.»

Der Experte kritisiert: «Der Kanton hat die lokalen Behörden in der Vergangenheit viel zu zurückhaltend überwacht. Es hätte eine bessere Beratung gebraucht.» Und ergänzt zugleich: «Vor kurzem wurde die Kapazität beim Kanton jedoch erhöht, sodass die Begleitung der Gemeinden besser gewährleistet ist.»

Stickstoff nur schwer aus 
dem System zu bekommen

Ein Problem, mit dem die Ökosysteme zu kämpfen haben, lässt sich jedoch nicht so schnell beheben: Dasjenige des Stickstoffs. «Die Stickstoffbelastung ist in allen Mooren viel zu hoch», sagt Zeller. Und das wird sich erst ändern, wenn die Bauern weniger Dünger einsetzen.

Für das Botsberger Riet am Rand von Flawil stellt das allerdings ein untergeordnetes Problem dar. Am Rand des Schutzgebietes gibt es einen Bergstollen, in dem das Landwirtschaftswasser und somit auch die Düngungsmittel abfliessen. Dieser wurde gebaut, damit in der Ebene Torf abgebaut werden konnte. Dem Moor kommt das nun zugute. «Die Wasserqualität im Teich ist sehr gut», sagt Ruedi Steurer.

Mittlerweile steht er am Rand des Wassers und betrachtet Flora und Fauna aus der Nähe – und erzählt, was die Stiftung bisher erreicht hat. Jeden Frühling kommen zum Beispiel nun massenweise Frösche zum Laichen in den Teich. «Dann wird es jeweils richtig laut», freut sich der Naturschützer.

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