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Verhandlungs- statt Gehorsamspädagogik: So präsentiert sich der Platanenhof in Oberuzwil heute

Seit der Gründung der ehemaligen Besserungsanstalt für Knaben vor 125 Jahren hat sich vieles verändert. Am Tag der offenen Tür wurden im Jugendheim Platanenhof die aktuellen Ziele und Massnahmen vorgestellt.
Kathrin Meier-Gross
Rebecca Gantenbein gab einen Einblick in das Leben der geschlossenen Wohngruppen. (Bild: Kathrin Meier-Gross)

Rebecca Gantenbein gab einen Einblick in das Leben der geschlossenen Wohngruppen. (Bild: Kathrin Meier-Gross)

Nein, sie habe eigentlich keine Berührungspunkte mit dem Platanenhof und nehme darum gerne einen Augenschein, erklärte eine Oberuzwilerin. Nach vollendetem Rundgang zeigte sie sich beeindruckt von den Grundsätzen, welche die Institution vertritt: von der ansprechenden Ausstattung in den Wohngruppen bis zu den Lehrwerkstätten. Auf grosses Interesse stiess die Möglichkeit, einen Blick in das gut gesicherte Gebäude der zwei geschlossenen Wohngruppen zu werfen, das Anfang der 80er-Jahre von der Bevölkerung als Jugendknast betitelt worden war.

Lernen, Regeln zu beachten

Nach 17 Jahren sei die Arbeit mit den Jugendlichen in den geschlossenen Wohngruppen (GWG) immer noch sehr spannend, sagte Rebecca Gantenbein, Psychologin und Soziologin. Bevor die Jugendanwaltschaft oder die KESB jemanden in den Platanenhof schicke, seien zahlreiche andere Versuche gescheitert. Handyverbot, strikte Regeln, Verzicht auf Alkohol, Drogen und bei unter 16-jährigen auf Nikotin falle den Mädchen und Burschen anfänglich schwer.

Jeder und jedem Jugendlichen werde eine sozialpädagogisch ausgebildete Begleitperson zur Seite gestellt, welche die Abklärungen und Massnahmenplanung federführend gestalte und mitverantworte. Nach einer Einstiegsphase folge die Trainingsphase mit dem Fokus, die Alltags-, Selbst- und Sozialkompetenzen zu beobachten und über eine individuelle Förderplanung zu stärken. Nach gut sechs Wochen würden daraus resultierende Empfehlungen der einweisenden Behörde vorgelegt, sodass die Jugendlichen am Ende ihres etwa dreimonatigen Aufenthalts in eine entsprechende Anschlusslösung entlassen werden könnten.

Schule und Lehre innerhalb der Wohngruppen

«Ich treffe hin und wieder ehemalige GWG-Bewohner, die jetzt auf einem guten Weg sind», betonte Rebecca Gantenbein. 2017 durchliefen 92 Jugendliche die GWG: 67 Männer und 25 Frauen. 46 Prozent waren Schweizer, 54 Prozent hatten einen Migrationshintergrund. Insgesamt waren es 18 Nationen.

Wohlwollender Ansatz

Heimleiterin Dagmar Müller und Historikerin Verena Rothenbühler präsentierten die Geschichte der «Besserungsanstalt für Knaben», die 1894 von Christian Flury-Pauly und der Gemeinnützigen Gesellschaft gegründet worden war. «Heute haben wir ein anderes Verständnis von Pädagogik und wissen nicht, wie sie sich weiterentwickelt», sagte Müller. Gleich geblieben sei, dass Regeln absolut gelten würden. Nicht nur für die Jugendlichen sei die Situation in den Heimen besser geworden, sondern auch für das Personal, das einer hohen Belastung und tiefen Löhnen ausgesetzt gewesen sei. Vieles habe sich positiv verändert. Statt Gehorsamspädagogik gelte jetzt Verhandlungspädagogik mit wohlwollendem Ansatz. Grenzüberschreitungen würden nicht akzeptiert. Die Aufenthaltsdauer sei massiv kürzer geworden. (kme)

In der offenen Abteilung des Platanenhofs leben männliche Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren in drei Wohngruppen mit je acht Plätzen. Mittel- und Oberstufenschüler sowie Schulabgänger ohne Anschlusslösung werden in der Werkschule unterrichtet. Zudem werden Ausbildungen in der Schreinerei, in der Mechanik, in der Küche, im technischen Betrieb oder in einem externen Unternehmen ermöglicht. Früher wurden auch landwirtschaftliche Arbeiter, Schuhmacher und Schneider ausgebildet. Schneidermeister Hans Vonwil, der es sich nicht nehmen liess, mit 101 Jahren seinen ehemaligen Arbeitgeber zu besuchen, hatte bis zu seiner Pensionierung während 20 Jahren die Buben im Nähen angeleitet.

Ehemaliges Heimleiterpaar schaute vorbei

Zu Besuch kamen auch Toni und Ursula Rusterholz, das Ehepaar, das von 1971 bis 1984 das Heim geleitet hatte. Sie habe jeweils für 60 Buben eingekauft, gekocht, die Kleidung besorgt – und das alles ohne Lohn, bestätigte die ehemalige Heimmutter. So ergaben sich an diesem Tag der offenen Tür interessante Begegnungen und Gespräche. Den gemütlichen Rahmen dazu bot das Festzelt, wo Bruno Kessler mit dem Hackbrett musizierte.

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