Interview

Vergessenes Handwerk: Sirnacher Revierförster ist Feuer und Flamme für Holzkohle

In knapp zwei Jahren findet auf der Hochwacht oberhalb von Sirnach ein Köhlerfest statt. Organisator Claude Engeler will die Tradition des vergessenen Köhlerhandwerks neu befeuern.

Sandro Büchler
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Claude Engeler vor einem Teil des Holzes, welches im Juni 2020 am Köhlerfest zu Kohle wird. (Bild: Sandro Büchler)

Claude Engeler vor einem Teil des Holzes, welches im Juni 2020 am Köhlerfest zu Kohle wird. (Bild: Sandro Büchler)

Primär ist Claude Engeler Förster des Forstreviers Sirnach. Gleichzeitig ist er der Organisator des Köhlerfests, das im Juni 2020 stattfindet. Ort des Geschehens wird die Ebene rund um den Aussichtsturm auf der Hochwacht sein. Engeler blickt um sich. Er zeigt, wo das Holz zu dem sogenannten Meiler aufgeschichtet und das Feuer entfacht werden wird, welche Aussicht die Festbesucher geniessen werden und preist das Panorama zum Säntis hin an.

Claude Engeler, wie sind Sie zum traditionellen Köhlerhandwerk gekommen?

Bei einer Schulung kam ich damit zum ersten Mal in Berührung. Damals dachte ich, das will ich irgendwann auch einmal machen. Damals wusste ich noch nicht genau, wie das Köhlern funktioniert. So organisierte ich im Jahr 2000 in Balterswil ein erstes Köhlerfest. Es war genial und hat bei der Bevölkerung Emotionen geweckt. Das Fest war einmalig. Dabei wollte ich es belassen, trotz der positiven Erinnerungen. Erst als ich das Gelände auf der Hochwacht sah, keimte in mir der Gedanke auf, nach 20 Jahren ein weiteres Köhlerfest auf die Beine zu stellen.

Kurz erklärt, um was geht es beim Köhlerfest?

Am 12. Juni 2020 entfachen wir auf der Hochwacht das gestapelte Holz, das während 17 Tagen brennt und zu Kohle wird. Damit wollen wir das alte und teilweise vergessene Köhlerhandwerk wieder in Erinnerung rufen. Das Volksfest rund um den Meiler soll einmalig für die Region Hinterthurgau, für Wil, das Fürstenland und das Toggenburg werden.

Heute wird das Köhlerhandwerk noch im Entlebuch betrieben. Welche Bezüge gibt es in der Ostschweiz?

Praktisch jede Gemeinde hatte im 19. Jahrhundert einen Ort, wo in Meilern Holzkohle gewonnen wurde. Etliche Flurnamen – wie Kohlplatz oder Kohlloch – zeugen noch heute davon. Ich habe zu Hause eine Karte, auf welcher ich rund 40 Orte in der Region markiert habe, wo man Brandspuren von damals fand.

«Flurnamen wie Kohlloch oder Kohlplatz zeugen noch heute von der Tradition.»

Das Köhlerfest findet in rund zwei Jahren statt. Wieso planen Sie so weit im Voraus?

Das Holz, welches wir im Juni 2020 zum Meiler aufschichten, muss bereits jetzt gelagert werden. Wir benötigen 50 Ster Holz, das sind rund 40 Tonnen. Diese lagern bereits in drei Depots in der Nähe. Zudem hat sich unser sechsköpfiges Organisationskomitee im Vorfeld um Sponsoren bemüht. Da unser Veranstaltungsformat neu ist, müssen wir den Leuten unser Projekt erst erklären. Dies geschieht nicht von heute auf morgen.

In diesem Sommer war es sehr trocken, der Kanton erliess Feuerverbote. Würde ein solches das Fest verunmöglichen?

Nein. Für den Betrieb und die Sicherheit des Meilers benötigen wir ohnehin Wasser. Der Zivilschutz der Region wird uns die nötige Infrastruktur installieren. Da lassen wir nichts anbrennen. Der Meiler braucht nach und nach immer wieder einen Spritzer Wasser. Sobald der Meiler entzündet ist, wird er aber Tag und Nacht von unserer Köhlerin beobachtet. Doris Wicki aus dem Entlebuch, die wir engagiert haben, wird dazu während den 17 Tagen in einem Container direkt neben dem Meiler wohnen.

Ein Kohlemeiler in der Luzerner Gemeinde Bramboden bei Romoos im Entlebuch am 30. September 1997. (Bild: KEYSTONE/SIGI TISCHLER)

Ein Kohlemeiler in der Luzerner Gemeinde Bramboden bei Romoos im Entlebuch am 30. September 1997. (Bild: KEYSTONE/SIGI TISCHLER)

Rund 10000 Tonnen Holzkohle werden jährlich in die Schweiz importiert. Welchen Stellenwert hat Schweizer Kohle überhaupt?

Die Produktion von Holzkohle ist hierzulande zu teuer. In den osteuropäischen Staaten ist es jedoch ein lohnendes Geschäft. Holz als Rohstoff ist dort genügend vorhanden, dazu sind günstige Arbeitskräfte verfügbar.

Früher wurde Kohle vor allem zum Schmelzen von Metall gebraucht, Hausfrauen erhitzten damit das Bügeleisen. Wie wollen Sie die Kohle, die im Jahr 2020 hergestellt wird, verwenden?

In rund einem Jahr lancieren wir die sogenannten Köhleraktien. Die Idee dahinter ist, dass man sich die fertige Kohle als Dividende auszahlen lassen kann. Mit einer Aktie, die sich auch als spezielles Geschenk eignet, unterstützt man den Aufbau des Meilers. Der ganze Anlass ist zudem gemeinnützig. Die Gewinne verwenden wir wiederum für einen guten Zweck und unterstützen Projekte in der Region.

Wer kommt 2020 an das Köhlerfest?

Wir erwarten rund 10000 Leute. Alle sind herzlich eingeladen: Handwerker, Familien, Vereine, Musikgesellschaften, Firmen. Die Region soll sich am Meiler treffen. Für uns stehen die Begegnungen im Zentrum. Wir organisieren verschiedene Veranstaltungen: Kulinarische und kulturelle Themenabende, einen Waldgottesdienst, dazu gibt es für Interessierte und Schulen Führungen. Aktuell feilen wir am Programm. Am Köhlerfest in Balterswil habe ich damals eine Grossmutter mit ihrer Enkelin tanzen sehen. So soll auch das Köhlerfest 2020 auf der Hochwacht werden: Unbeschwert und entschleunigt.

Hinweis:

Das Köhlerfest wird vom Forstrevier Sirnach organisiert und findet vom 12. bis 28. Juni 2020 statt.

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