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VERGESSENE ORTE V: Als der Lindenhof noch keinen Namen hatte

Das Lindenhofquartier ist ein eher junger Stadtteil im Süden Wils. Wer dort aufgewachsen ist, als es noch einen Bauernhof an der Thuraustrasse gab, wird das Quartier heute kaum wiedererkennen.
Natalie Milsom
Cécile Hartmann an jener Stelle, an der früher ihr Elternhaus stand. (Bild: Natalie Milsom)

Cécile Hartmann an jener Stelle, an der früher ihr Elternhaus stand. (Bild: Natalie Milsom)

Natalie Milsom

redaktion@wilerzeitung.ch

Cécile Hartmann steht vor dem Mehrfamilienhaus an der Thuraustrasse 24 und freut sich über die Blumen und die blühenden Büsche. Dort stand das Bauernhaus, das ihre Eltern 1920 gekauft hatten und in dem sie aufgewachsen ist. Es hiess Schönengrundhof – die alte Tafel hängt heute über den Briefkästen des Mehrfamilienhauses, in dem sie wohnt. Sie schaut sich um. «Es hat sich hier sehr viel verändert. Die meisten Häuser standen noch nicht hier, als ich zur Schule ging», sagt sie und geht die Thuraustrasse entlang. «Zum Glück hatte es ganz vorne ein Haus, in dem ein Gspänli wohnte, mit dem konnte ich dann zum Kindergarten gehen.» Das Lindenhofquartier, «das damals eigentlich noch keinen Namen hatte», lag am Rand der Stadt und hatte somit auch noch keinen Kindergarten. 1947 musste die kleine Cécile mit ihrer Freundin täglich bis zum Bleicheplatz gehen zum Kindergarten, der von Ordensschwestern geführt worden war. Aber in den umliegenden Quartieren hatte es viele Kinder, die gerne zu Besuch kamen, um den Bauernhof zu besuchen und auf der Strasse Völkerball zu spielen.

Wilde Pferde in der Thuraustrasse

«In der Thurau unten war auch viel Wiesland und die meisten Bauern hatten ein Pferd.» Cécile Hartmann erinnert sich daran, wie manchmal ein Pferd durchgebrannt sei und dann die Thuraustrasse entlanggaloppierte. Sie habe sich dann immer sehr gefürchtet, und es dauerte jeweils ziemlich lange, bis das Pferd gestoppt werden konnte.

Sie geht weiter der Thuraustrasse entlang und berichtet, dass sich das Zeughaus in all den Jahren kaum verändert habe und dass da immer viel los gewesen sei. «Manchmal gingen wir den Soldaten zuschauen und bekamen dann Biskuits und Schokolade.» Sie weiss noch, wie sie die Töchter des Zeughausverwalters besuchte und wie sie die breiten Schuhputztröge mit Wasser gefüllt hatten, um darin zu planschen. Kurz vor der Georg-Renner-Strasse erinnert sie sich an den Bauern Enz, der eine kleine Kiesgrube im Dreieck zwischen Reutti- und Flurhofstrasse geführt habe. Er habe ein trichterförmiges Gitter aufgehängt gehabt und schaufelte dann den Kies von Hand hinein. So separierte er ihn vom Dreck. Nach seinem Tod sei die Kiesgrube nicht weiterbetrieben worden. «Stattdessen wurde sie leider als Abfalldeponie benutzt. Es gab damals ja noch keine Kehrichtabfuhr, also brachten einige Leute ihren Abfall dorthin.» Unterdessen wurde die Grube aufgefüllt und die Thurhofblöcke darauf gebaut.

Cécile Hartmann geht die Thuraustrasse zurück und dreht nach links in die Schützenstrasse. Sie deutet auf den «Schützenblock», der an der Stelle des alten Schützenheims gebaut wurde. «Das war so ein richtiges, schönes Schützenhaus mit grossen Bachsteinen.» Und die Linde, die heute noch davor steht, die sei auch damals schon da gestanden. «Zum Glück ist sie heute geschützt.» Dahinter waren 300 Meter Grünfläche, über die geschossen wurde, und auf beiden Seiten daneben wurde gebauert. Neben dem Schützenblock, hinter dem Lindenhofschulhaus, steht ein graues Haus zwischen vielen Bäumen. Das sei eines der wenigen Häuser, die damals schon hier gestanden hätten, auch wenn es seither modernisiert worden sei. Das kleine Haus daneben, das mit den wunderschönen Blumen, sei auch schon immer da gewesen und sehe noch genauso aus wie damals. Cécile Hartmann geht die Schützenstrasse weiter, bis diese in den Wald mündet. Sie erzählt, wie sie hier im Winter jeweils geschlittelt sind. Hier habe es viele Borte gegeben, die ideal waren zum Schlitteln. «Das grösste nannten wir das Judenbort, weil es der Familie Jud gehörte, die damals in der Freudenau gebauert hat.» Während sie über die Lindenhofstrasse zur Toggenburgstrasse geht, fällt ihr der Circus Knie ein, der jeweils hinter dem Restaurant Rössli gastierte, bis der Sportplatz und die Schule gebaut wurden. «Das war natürlich immer ein Highlight», freut sie sich.

Ein Eisbär und ein Tiger auf der Strasse

Sie zählt die Tiere auf, die jeweils bei der Ankunft vom Bahnhof zu den Zelten geführt worden sind: «Elefanten, Pferde, Tiger, Bisons mit grossen Hörnern und sogar ein Eisbär war einmal dabei!» Sie erinnert sich auch daran, dass sie einmal vier Männer aus Afrika sah, in «sehr ungewöhnlichen Gewändern, aus unserer Sicht», und wie diese in einem Zelt getrommelt hätten. Einer habe eine kleine Flöte dabeigehabt und als er diese spielte, sei aus einem Topf eine Schlange herausgekommen. «Das hat mich sehr beeindruckt, es war anders als alles, was ich kannte.» Sie denkt auch gerne an die Besuche im Zirkuszelt und die schicken Nummernmädchen zurück. Und auch der Funkensonntag fällt ihr wieder ein. «Die Knaben bauten jeweils einen grossen Funken und es wurde allerlei verbrannt wie Matratzen und Christbäume. Das gab immer ein Riesenfeuer.» Während sie auf der Toggenburgerstrasse zur Thuraustrasse zurückgeht, werden Erinnerungen wach. Zum Beispiel an den Fussballplatz, der dort stand, wo heute ein Otto’s steht, und an die Restaurants Lindenhof und Lindengut. Auch das «Rössli» stand schon da, und sah damals so aus wie heute. Aber daneben seien zwei Scheunen gestanden und in der einen war manchmal der Pfannenflicker zu Besuch. «Damals wurde auf einem Holzherd gekocht. Mit der Zeit wurden die Böden der Kupferpfannen dünn oder es gab sogar kleine Löcher.» Also habe man sie jeweils dem Pfannenflicker gebracht, der die dann repariert habe.

Cécile Hartmann ist zurück in der Thuraustrasse und bleibt bei den Häusern Nummer 14 und 16 stehen. «Diese zwei Häuser hiessen ‹Biene und Ameise›, leider wurden die Namen im Lauf der Jahre entfernt.» Dann bleibt sie am Schönengrundweg stehen, der früher an ihrem Hof entlang führte. «Es war ein guter Ort zum Aufwachsen», fasst sie zusammen und deutet auf die geschwungene Gartenmauer, die dem Weg entlangläuft. «Die sind noch von unserem Bauernhof», sagt sie, «und schon bald kommen die ‹Maieriisli›», freut sie sich und geht unter dem Torbogen hindurch zum Haus.

Hinweis

In loser Folge stellt die Redaktion Orte in Wil vor, die nicht oder nicht mehr allgemein bekannt sind. Bisher sind erschienen:

• «Als der Ölberg noch ein Restaurant hatte» (Ausgabe 10. März)

• «Als das Südquartier eine Darmfabrik hatte» (Ausgabe 18. März)

• «Als die Reichsten im Westquartier wohnten» (Ausgabe 24. März)

• «Als Neulanden noch neu war» (Ausgabe 31. März)

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